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Wut im BenQ-Werk: "Wir sehen uns beim Arbeitsamt"

Wut, Frust und Enttäuschung macht sich breit in Kamp-Lintfort und in Bocholt, wo insgesamt 1600 Menschen beim Handy-Hersteller BenQ in Lohn und Brot stehen.

"Wir sehen uns beim Arbeitsamt", ruft eine Beschäftigte des taiwanesischen Handy-Konzerns einem Kollegen zu. Und dann lässt sie ihren Zorn freien Lauf: "Insolvenz anzumelden war das Beste, was BenQ machen konnte. Dann müssen sie uns auch keinen Cent mehr zahlen". Erfahren haben die Beschäftigten die schlechte Nachricht erst aus dem Radio.

Blankes Unverständnis bei Gewerkschaft

Bei Betriebsrat und IG Metall in Nordrhein-Westfalen herrscht schieres Unverständnis: "Wir sind entsetzt über die Entscheidung des taiwanesischen Managements", sagte Oliver Burkhard, der Tarifexperte der IG Metall. Dies sei ein eklatantes Beispiel für "strategische Kurzsichtigkeit, unternehmerische Kurzatmigkeit und Willkür". Es fehle an einer soliden unternehmerischen Führung, die langfristig Produktion und Beschäftigung im Blick habe.

Dass von heute auf morgen Schluss sein soll für die Beschäftigten in Kamp-Lintfort und einem Kundenzentrum in Bocholt kann sich derzeit noch keiner so richtig vorstellen. Schließlich haben sie gestritten und gekämpft um ihre Arbeitsplätze, nachdem Siemens die defizitäre Handy-Sparte an BenQ verkaufte. Und das Unternehmen hatte sich ehrgeizige Ziele gesetzt: 2006 sollte der Bereich aus der Verlustzone kommen und in zwei, drei Jahren wollte BenQ auf dem Weltmarkt mit einem Anteil von 10 Prozent glänzen. Aber von den vollmundigen Zielen ist nichts geblieben. Der BenQ-Konzern schwächelt und ist unter den Großen der Branche ein Winzling mit einer unbekannten Marke geblieben.

"Langsames und systematisches Sterben"

In der Telefonzentrale in der Südstraße 9 in Kamp-Lintfort am Niederrhein ist kaum ein Durchkommen. Hektisches Treiben, ein babylonisches Stimmengewirr und nur die knappe Auskunft: "Hier geht alles drunter und drüber, heute ist keiner mehr zu erreichen". Kein Wunder bei der Hiobsbotschaft, die in den Morgenstunden aus Taiwan nach Deutschland gefunkt wurde: BenQ schickt ihre deutsche Tochter mit 3000 Beschäftigte in die Pleite.

"Es war ein langsames und systematisches Sterben", erinnert sich ein Mitarbeiter zurück an die vergangenen Monate. Und dass Siemens seine Hände in Unschuld waschen kann, das erbost sie am meisten. Schließlich hat das Werk Kamp-Lintfort eine lange Tradition. Gegründet wurde es 1963 als Zweigstelle der Niederlassung Bocholt. In den 60er und 70er Jahren wurde dort Zubehör für Nachrichtentechnik hergestellt. Ende der 80er Jahre waren es dann Autotelefone für das C-Netz. Damals beschäftigte Siemens 4000 Menschen in Kamp-Lintfort.

Belegschaft ahnte nichts

BenQ schaffte es nicht, aus dem behäbigen Laden ein schwungvolles, dynamisches Unternehmen zu formen. Und immer wieder mussten sich die Beschäftigten Beschwichtigungen aus dem Management anhören. "Wir haben die letzten Monate schon gemerkt, dass die Auftragslage schlecht war", sagt Samil Krupic (33). Aber "uns wurde gesagt, wir sollen den Kopf nicht in den Sand stecken".

Peter Lessmann und Simone Lankhorst/DPA / DPA