HOME

"Hart aber fair": Mischmasch mit Clement bei Plasberg

Es sollte um die Gefahr eines Linksrucks gehen, SPD-Schreck Clement noch mal auf Frau Ypsilanti draufhauen dürfen und böse über Nokia gezetert werden. Am Ende wurde es eine Mischung, die schmeckte wie ein frisches Bier, in das jemand abgestandenen Kaffee gekippt hat.

Von Marcus Müller

Frank Plasberg hat's offenbar mit dem Linksruck. Schon in der ARD-Premiere seiner "hart aber fair"-Sendung sah er das Land im Oktober nach links marschieren. Gestern Abend wollte er angesichts der Horror-Meldungen über Werkschließungen bei BenQ oder Nokia kurz vor den Wahlen in Hessen und Niedersachsen noch mal wissen: "Kommt jetzt der Ruck nach links?" Keine unberechtigte Frage angesichts guter Umfrageergebnisse für die Linke. Doch es dauerte eine gute dreiviertel Stunde, bis Plasberg versuchte, sie auch wirklich diskutieren zu lassen.

Talk war so überraschend wie die 50. Wiederholung eines Films

Zuvor war es zwischen FDP-Generalsekretär Dirk Niebel, Enthüllungsjournalist Günter Wallraff, Ex-CDU-Generalsekretär Peter Hintze und SPD-Fraktiosvize Ludwig Stiegler darum gegangen, ob Politik und Unternehmen eigentlich aufeinander hören (eher nicht), ein Waren-Boykott eine wirksame Sache sein könnte (Ja, die Waffe des Konsumenten, sagt Wallraff) und Nokia unanständig ist (klar). Es war alles so überraschend, wie sich zum 50. Mal "Casablanca" anzusehen - leider ohne die Kult-Dialoge.

Immerhin war es hübsch anzusehen, wie die Unternehmensberaterin Dominique Döttling mit ganz einfachen und praktischen Vorschlägen zum Umgang der Politik mit Unternehmen, Peter Hintze die Luft raubte. Das sei ja wohl "ein vollkommen irrer Ansatz", japste der, nachdem Döttling darauf hingewiesen hatte, dass man mit den Managern von Nokia viel früher über einen Verbleib in Bochum hätte reden müssen. Schließlich sei lange bekannt gewesen, wann die an die Subventionen geknüpfte Bleibegarantie in der Stadt auslaufe.

"Vollkommen irrer Ansatz"

Hintze also meinte, es sei irre mit all den Unternehmen zu reden, deren Förderung auslaufe, weil es ja so viele davon gebe. Also bitte, der Mann ist Parlamentarischer Staatsekretär im Bundes-Wirtschaftsministerium! Was macht der denn sonst - rote Socken stopfen? Vermutlich witterte er einfach Ungemach für Parteifreund Jürgen Rüttgers, der sich gerade mal wieder in der Rolle als einziger Arbeiterführer weit und breit gefällt, und als NRW-Ministerpräsident offenbar nicht zeitig mit Nokia-Managern über die Bindung des finnischen Handy-Herstellers an Bochum gesprochen hatte.

Wegen mangelnder Nächstenliebe hätte Ex-Pastor Hintze eigentlich noch während der Sendung aus der Kirche ausgeschlossen werden müssen. Denn nach einem Bericht über eine verzweifelte Frau, die gerade bei Nokia ihren Job verloren hat, fiel ihm nichts besseres ein, als darüber zu plaudern, dass es Deutschland unter der CDU-geführten großen Koalition doch viel besser gehe als vorher unter Rot-Grün. Diese Erkenntnis scheint CDU-Politikern zurzeit irgendwo eingebläut zu werden, so oft ist sie zu hören.

Clement war der Hauptdarsteller

Doch Hintze redete vermutlich deshalb so gedankenlos daher, weil das Thema Ausschluss aus einem Verein, dem man sich zugehörig fühlt und dem man auch einiges verdankt, in diesen Tagen natürlich Ex-Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement gepachtet hat. Also durfte der "Genosse in Verschiss" (O-Ton Plasberg) minutenlang erklären, dass er sich einem Ausschlussverfahren aus der SPD stellen werde, aber vorerst nicht gedenke, sein Parteibuch selbst abzugeben. Weiterhin habe er mit seinem Aufruf, SPD-Kandidatin Andrea Ypsilanti in Hessen wegen deren Energiepolitik nicht zu wählen, keinen Dolchstoß versetzt und rächen an seiner Partei wolle er sich auch. Ein Heiligenschein umkränzte den jetzigen Aufsichtsratvorsitzenden des Energieunternehmens RWE-Power wohl nur deshalb nicht, weil er etwas zu selbstgefällig grinste. Verglichen mit der müden Debatte vorher, war Clement aber eindeutig der Hauptdarsteller.

So recht passte sein Auftritt dennoch zum vorherigen Disput über Sinn und Unsinn von Subventionen und die Angst um den Job. Und da das Gespräch mit Clement schon am Dienstag aufgezeichnet worden war, musste der sich auch keiner Diskussion im Studio mehr stellen. Ludwig Stiegler erfand für Parteifreund Clement immerhin noch den schönen Ausdruck "Endmoräne des Montanzeitalters" und warf ihm nicht vor, dass er anderer Meinung ist, sondern dass er die parteieigene Kandidatin niedermache.

"Endmoräne des Montanzeitalters"

Den Bogen zum angeblich drohenden Linksruck bei den Landtagswahlen bekam Plasberg nicht mehr richtig hin, weil die Politprofis natürlich ihre Chance packten, noch mal schnell die geschliffenen Wahlkampfphrasen loszuwerden. Zwei Neuigkeiten brachte der recht langweilige Polit-Fernsehabend aber doch: Für 20.000 Euro Aufwandsentschädigung im Jahr betreibt ein Wolfgang Clement keinen Lobbyismus, sagt er. Aha, Egomanie aber offenkundig schon. Und die Bundesregierung hofft nach Andeutungen Hintzes, besondere "materielle Hilfen" für die von der Nokia-Werkschließung betroffenen Arbeitnehmer zu erreichen. Eigentlich das Mindeste, dass man von einer Bundesregierung erwarten kann, dass sie ihre Arbeit tut.