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"Yelp-Opa" Enrique Kassner Unterwegs mit Deutschlands ältestem Restaurant-Checker


Wer sagt eigentlich, dass nur junge Leute ihr Essen fotografieren und in sozialen Netzwerken darüber schreiben dürfen? Enrique Kassner ist fast 70 Jahre alt und hat schon über 1000 Restaurants, Bars und Sehenswürdigkeiten auf Yelp bewertet. Warum? Wir waren mit ihm zum Mittagessen aus.

Es gibt Senioren, die sich tierisch darüber aufregen, wenn junge Menschen ständig auf ihren Smartphones daddeln. Das würde Enrique Kassner nicht im Traum einfallen. Enrique wird in wenigen Wochen 70 Jahre alt, aber sein iPhone 6 zückt er schneller als jeder Teenie. Schon am Eingang zum Restaurant "Das Parlament" im Keller des Hamburger Rathauses holt er das Mobiltelefon aus der Tasche. "Erstmal einchecken", sagt er und öffnet die App des Bewertungsportals Yelp. Der virtuelle "Check-In" sorgt dafür, dass alle Yelp-Freunde von Enrique sehen können, wo er gerade zu Mittag isst. "Und wenn jemand Lust hat, kann er vorbeikommen", sagt Enrique.

Immer online, ständig erreichbar und permanent etwas in das Handy tippen - was für viele Altersgenossen von Enrique des Teufels ist, findet der grauhaarige Rentner richtig klasse. Der Hamburger ist einer der aktivsten Schreiber auf Yelp. 1164 Beiträge über Restaurants, Cafés, Bars oder Sehenswürdigkeiten hat er dort eingestellt, außerdem 3109 Fotos hochgeladen. Weiß der Mann etwa nichts Besseres mit seinem Ruhestand anzufangen?

Besser als Enten füttern

"Ist doch besser als Enten füttern", sagt Enrique und lacht. Bei Yelp macht ihm nicht nur das Schreiben Spaß. Regelmäßig trifft er auch andere Vielschreiber bei Events, die Yelp für seine aktivsten Mitglieder veranstaltet. Den Altersschnitt hebt er bei diesen Treffen deutlich.

Im "Parlament" wird das Mittagessen serviert, Enrique hat Saltimbocca auf Risotto bestellt. Das muss natürlich vor dem ersten Bissen noch schnell fotografiert werden. "Etwas trocken, dafür das Risotto schön cremig", wird Enrique später schreiben. Die Preise in der Speisekarte, den ständigen Geräuschpegel und die Hamburger Berühmtheiten an den Wänden hat er ebenfalls schon gedanklich abgespeichert - die Details landen alle später im Erfahrungsbericht.

Enrique ist zwar ein Vielschreiber, aber er gibt sich mit jedem einzelnen Text große Mühe. Auch Rechtschreibfehler - bei eilig ins Netz gehackten Rezensionen heutzutage schon fast Standard - wird man bei ihm nicht finden. "Ich will immer auch eine nette kleine Geschichte schreiben", sagt er.

Dabei ist es nicht so, als ob der pensionierte Banker sonst nichts zu tun hätte. Er hat drei Enkel, die er mindestens einmal die Woche sieht. Er spielt Geige in einer Band, die regelmäßig auftritt. Und er engagiert sich im Kinderhilfswerk Plan International. Zudem reist er mit seiner Frau regelmäßig durch die Weltgeschichte. Der Urlaub bietet selbstverständlich wiederum dankbare Gelegenheiten, Online-Rezensionen aus aller Welt zu verfassen. Aber was sagt eigentlich seine Frau zu dem Hobby? Findet sie das nicht doch ein bisschen ungemütlich?

Nicht smartphonesüchtig

Die Frage erübrigt sich beim nächsten "Pling" des iPhones auf dem Tisch: Enriques Frau hat gerade im Café "AlsterCliff" eingecheckt. So viel dazu. "Meine Frau schreibt zwar nicht so viel wie ich, dafür liest sie viel mehr Rezensionen - vor allem, wenn wir irgendwo unterwegs sind", sagt Enrique. Er selbst ist auch auf Facebook aktiv und bewegt sich mit den Apps von Drive Now, Car2Go und MyTaxi ganz modern durch die Stadt.

Smartphonesüchtig sei er aber nicht, sagt Enrique. "Ich kann das Ding auch mal einen Abend komplett auslassen, wenn wir auf einem Geburtstag sind zum Beispiel." So richtig lange Auszeit vom Rezensionenschreiben hatte er zuletzt im Griechenland-Urlaub. Dort gibt es nämlich kein Yelp.

Wer wissen will, welche Läden Enrique gut findet und welche weniger: Alle seine Bewertungen gibt's hier zu lesen.


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