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Wissen: Die Fünf-Sterne-Welt

Noch nie wurde so viel bewertet wie heute: Sternchen in der Taxi-App, Herzchen auf der Dating-Plattform, Noten vom Arbeitgeber. Wie überlebt man in der Bewertungsgesellschaft?

Smileys machen die Bewertung von Produkten und Leistungen besonders einfach

Smileys machen die Bewertung von Produkten und Leistungen besonders einfach

Text: Lars Weisbrod / Mitarbeit: Tasnim Rödder / Clarissa Niessner
Illustrationen: Tyler Spangler

In der achten Klasse gab es bei uns ein beliebtes Spiel. Ich hatte die Regeln erfunden, auch wenn ich mich heute dafür schäme. In einer besonders langweiligen Erdkundestunde, während der Lehrer vorne mit monotonem Brummen von Endmoränen erzählte, zeichneten mein Sitznachbar und ich eine Tabelle auf ein kariertes Blatt Papier. In die ganz linke Spalte schrieben wir die Namen unserer Mitschüler, in die obere Reihe drei Kategorien: Aussehen, Charakter und Kleidung. Dann vergaben wir in jeder Kategorie eine Schulnote zwischen Eins und Sechs – und wenn wir unsicher waren, auch mal eine Zwei minus oder Drei plus.

2,17 war 2013 die durchschnittliche Abiturnote im Bundesland Thüringen, das bundesweit den besten Schnitt hatte. Den schlechtesten Schnitt hatten die Abiturienten in Niedersachsen: 2,61. Das entspricht immerhin dem Numerus clausus für Medienmanagement an der Uni Siegen.

Ein verbreitetes Bewertungsspiel

Viele dröge Erdkunde- und Endmoränenstunden haben wir mit dem Spiel totgeschlagen, viel Gehirnschmalz in diese Liste gesteckt. Wir diskutierten hitzig darüber, welcher Klassenkamerad welche Note verdient habe. So hitzig jedenfalls, wie man flüsternd und zischelnd diskutieren kann, während sich vorne an der Tafel der Lehrplan in all seiner Langeweile auswalzt. Wir achteten darauf, immer den Unterschied zwischen »Aussehen« und »Kleidung« im Auge zu behalten und die beiden Kategorien nicht zu vermischen. Am Ende kursierte die eigentlich geheime Liste natürlich doch in der Klasse. Wir wehrten uns nicht groß dagegen. Vermutlich waren wir sogar stolz auf das, was wir da erarbeitet hatten. Und statt uns für unsere Anmaßung zu verachten, wollten die anderen aus der Klasse: mitdiskutieren, mitbewerten. Sie erhoben Einspruch gegen eine zu schlechte oder zu gute Note für einen Mitschüler. Sie schrieben ihre eigenen Bewertungslisten.

Als ich Freunden kürzlich von dem Spiel erzählte, waren sie keinesfalls entsetzt – in ihren Klassen, an ihren Schulen hätten ganz ähnliche Listen zirkuliert. Vielleicht ist das Bewertungsspiel einfach ein fester Bestandteil der Pubertät, es passt jedenfalls zu einem Alter, in dem sich die Sexualität schneller entwickelt als das moralische Verantwortungsbewusstsein. Große Orientierungslosigkeit. Als Teenager handelt man dann besonders fies und rücksichtslos. Und neigt in dieser Rücksichtslosigkeit dazu, das allgegenwärtige und nicht weniger rücksichtslose Bewertungssystem der Schulnoten zu verinnerlichen und auch auf die restliche Welt anzuwenden.

90 %: Wer bei der Wirtschaftsauskunftsdatei mit seinem Score unter diese Prozentzahl rutscht, dessen Kreditausfallwahrscheinlichkeit ist laut Schufa »deutlich erhöht bis hoch«. Wie das Unternehmen seine Scores genau berechnet, wird allerdings geheim gehalten.

Die ganze Welt urteilt mit einem Klick

Zehn Jahre ist es jetzt her, dass wir dieses Spiel spielten. Und inzwischen habe ich den Eindruck, als würde die ganze Welt mitspielen. Als sei sie in diesem pubertären Zustand gefangen, in dem die Moral der Triebhaftigkeit hinterherhinkt. Heute braucht man gar keine Tabelle mehr auf ein kariertes Blatt Papier zu zeichnen und unter der Bank weiterzureichen. Man fällt sein Urteil mit einem Klick und teilt es mit der Welt. Dass sich in einer achten Klasse eine Rangfolge, ein Ranking herausbildet – klar. In überschaubaren Gruppen beurteilen sich Menschen gegenseitig und reihen sich in eine Hackordnung ein – Alphatiere, Mitläufer, Opfer. Das Internet bietet dem menschlichen Grundbedürfnis jedoch eine nie da gewesene Bühne. Die Welt schrumpft auf ein Klassenzimmer zusammen.

Eine Studie zu ratemyprofessors.com fand heraus: Je attraktiver der Dozent, desto besser bewerten ihn die Studenten.

Fast drei Viertel der deutschen Internetnutzer bewerten alles Mögliche im Internet. Bei Yelp, der bekanntesten Bewertungsplattform im Internet, findet man 83 Millionen Bewertungsseiten für alles, was im Leben wichtig ist: von der Pizzeria an der Ecke bis zu Kirchen, Gefängnissen und der Kfz-Zulassungsstelle. Am Flughafen, man ist gerade durch die Sicherheitskontrollen gehetzt, fragt einen, noch bevor man sich den Gürtel wieder umgeschnallt hat, ein unschuldiges Display: »How was your security experience today?« Fünf Smileys, von breit grinsend bis tieftraurig, von sonnengelb bis wutrot, stehen zur Auswahl. Man sieht diese Bewertungsgesichter jetzt ständig, egal ob man öffentliche Toiletten benutzt oder ein Carsharing-Auto, das wissen will, wie sauber der Vorbenutzer es zurückgelassen hat. Egal was wir machen, wir sollen danach bitte oder Smileys verteilen. Die Welt hat nur noch eine Frage an uns: »Und, wie fanden Sie’s?«

Die Liebe zum Bewerten

Längst sind es nicht mehr nur die Produkte, die wir beurteilen. Es sind die Dienstleister selbst, die Menschen, die uns bedienen und helfen. Wenn wir mit einem Kundendienst telefonieren, sollen wir danach sagen, wie sehr uns der gestresste Callcenter-Mensch am anderen Ende der Leitung weitergeholfen hat. Auf Seiten wie meinprof.de bewerten wir unsere Professoren und in Taxi-Apps unsere Taxifahrer. Wir leben in einer neuen Bewertungsgesellschaft, die auf Smileys und blinkenden goldenen Sternchen aufgebaut ist, auf Scores, Punkten und Noten. School never ends. Aber nicht, weil wir bekanntlich zu lebenslangem Lernen verpflichtet sind – sondern weil wir lebenslang benotet werden. Und wir lieben das sehr: zu bewerten und bewertet zu werden. Nur, warum bloß? Was machen diese kleinen Zahlen mit uns, dass wir so verrückt nach ihnen sind? Und wie wird es uns verändern, wenn bald jeder Tag ein Zeugnistag ist?

130: Der Intelligenzquotient von 130 ist die magische Grenze: Wer ein so gutes oder noch besseres Ergebnis in einem IQ-Test schafft, gilt als hochbegabt. Etwa zwei  Prozent der deutschen Bevölkerung zählen zu dieser Gruppe.

Niclaus Mewes ist Mitgründer von Mytaxi, der App, die als erste ein Bewertungssystem für Fahrer eingeführt hat. Nach der Tour kann man als Fahrgast auch hier Sternchen vergeben. »Um die Qualität hoch zu halten, haben wir natürlich ein Interesse daran, zu sehen, was dort auf der Straße passiert. Wie die Fahrer performen«, sagt Mewes. Fahrer, die unter einer bestimmten Bewertungszahl liegen, werden zu einem Gespräch geladen. Ein paar Mal habe man auch Fahrer aus der Vermittlung geworfen, weil sie zu oft zu schlecht bewertet wurden. Inzwischen komme das aber so gut wie gar nicht mehr vor, erzählt Mewes, die Fahrer seien jetzt wach geworden. Mewes sieht seine Taxi-App als Vorreiter für den Dienstleistungsbereich: »Ich hoffe, dass in Zukunft noch mehr bewertet wird da draußen«, sagt er. Dann denkt er kurz nach, fügt schnell hinzu: »Solange der Datenschutz bedacht wird.«

Noten, Scores und Punkte bedeuten Macht

30,0: Ab diesem Body-Mass-Index gilt man als übergewichtig – Adipositas Grad I. Kritiker des BMI ­bemängeln, dass man aus der einfachen Berechnungsformel keine Schlüsse darauf ziehen könne, ob jemand gesundheitliche Probleme habe.

Dass wir in Zukunft auch unsere Friseure, Kellner und Schalterbeamten bewerten – das ist das eine. Aber auch unsere Nachbarn, Exfreunde und Kollegen? Das war zumindest der Plan des Start-ups Peeple. Die App sollte das »Yelp for People« werden, also eine Plattform, auf der man als User jeden anderen Menschen bewerten kann. Es war tatsächlich mein altes Spiel aus der achten Klasse, das hier im Silicon-Valley-Jargon als revolutionäres Prinzip verkauft wurde. »Menschen stellen so viele Nachforschungen an, wenn sie ein Auto kaufen«, meint Julia Cordray, Peeple-Mitgründerin. »Warum sollte man nicht ähnlich viele Nachforschungen in anderen Lebensbereichen anstellen?« Ihre Pläne haben die Entwickler inzwischen angepasst, nachdem sie von einer Empörungswelle hinfortgespült wurden. Jetzt soll man nur Menschen bewerten können, die sich bei der App auch angemeldet haben – und negative sollen Nutzern zur Freischaltung vorgelegt werden.

Wer bewertet, hat Macht: Der Mensch sehnt sich nach klaren Zahlen, Punkten, Noten. Egal, von wem sie eigentlich kommen.

Was mir im Rückblick am seltsamsten vorkommt an dem Spiel, das ich in der achten Klasse erfand: Wir, die Ersteller der Liste, waren damals überhaupt nicht die Beliebtesten, die sich so etwas hätten leisten können. Wir waren die Außenseiter, die Hässlichen und Uncoolen. Ziemlich vermessen, wie ich in meinen C&A-Shorts reihenweise Vieren für den Kleidungsstil verteilte. Und doch interessierten sich die anderen, selbst die Allercoolsten, für unsere Liste, rissen sie uns fast aus der Hand, wollten wissen, welche Noten wir an sie vergeben hatten. Mein Sitznachbar und ich hatten damals etwas entdeckt: welche Macht man gewinnt, wenn man Bewertungen verteilt – Noten, Scores, Punkte. Egal, ob man befugt sein mag oder nicht – allein die nackte, blanke Zahl, die Vier plus bei Charakter, die Zwei bei Aussehen, hat eine magische Wirkung.

Nicht nur im Job: Performance Management

Der große Unterschied zwischen unserem Spiel und der sich entfaltenden Bewertungsgesellschaft: Damals hatte eine schlechte Note auf unserer Liste höchstens eine Auswirkung darauf, was der Mitschüler abends wütend in sein Tagebuch schrieb. Heute kann in der Arbeitswelt der eigene Job an der Bewertungsmaschine hängen. »Dieses Gespräch kann zu Qualitätssicherungszwecken aufgezeichnet werden«, hören wir oft, wenn wir in einem Callcenter anrufen. Dass unsere Chefs möglichst genau wissen wollen, wie gut unsere Arbeit eigentlich ist, ist nichts Neues. »Performance Management« im Job gibt es schon seit den 80er Jahren. Neu sind zwei Dinge: Zum einen hält die digitale Welt für solche Überprüfungen ganz neue Mittel bereit. Besonders gut erkennt man das tatsächlich in der Callcenterbranche – traditionell das Versuchslabor für allerlei neoliberale Fantasien. Hier wird alles gemessen: die Dauer des Telefonats, wie oft Stille in der Leitung herrscht, wie lange die Bearbeitung eines Vorgangs im Schnitt dauert. Auf dem Bildschirm können die Mitarbeiter ihre Bewertung live verfolgen, in den USA ist es sogar üblich, dass man auch die Werte der Kollegen ein-sehen kann – in Deutschland verhindert das meist noch der Betriebsrat.

T5 hieß die schlechteste Tauglichkeitsstufe bei der Musterung zum Wehrdienst (der offiziell nur ausgesetzt ist): »nicht wehrdienstfähig«. Wer zum Beispiel mit Asthma, Depressionen oder Stoffwechselerkrankungen zum Amtsarzt kam, wurde in diese Gruppe eingeordnet und ausgemustert.

Die zweite Neuigkeit: Eigentlich teilen wir alle jederzeit das Schicksal der Callcentermitarbeiter, werden mit Performance Management und Punktesystem bewertet. In Dating-Apps kann das ganz simpel passieren, wie bei Tinder – Ja oder Nein? –, oder das System ist, wie bei Okcupid, komplizierter, dort berechnet ein Algorithmus aus User-Bewertungen, wie attraktiv wir sind. Und dann gibt es ja noch all die Facebook-Likes und Instagram-Herzchen, die wir jeden Tag einsammeln und die sich zu einem in der Menschheitsgeschichte noch nie gesehenen Bewertungssystem zusammenfügen, das unseren ganzen Alltag durchzieht. Dazu ein Klout-Score für den Stellenwert in der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie und die Messsysteme, die es sowieso schon immer gab wie das Schufa-Rating für die Kreditwürdigkeit.

Wir sind die Jury: Jeder Mensch ist heute Preisrichter, Gastrokritiker und Dienstleistungsexperte.

»Massenhaft unsinnige Bewertungssysteme«

Noten, Punkte, Prozentzahlen sind verführerisch. Wir glauben, etwas Festes in der Hand zu haben, einen klaren Orientierungspunkt. Und laufen dann doch oft in die falsche Richtung. Der internationale Schulvergleichstest Pisa zum Beispiel sorgt alle drei Jahre für Wirbel, weil er jedes Land in ein Ranking einsortiert und man sich so schön aufregen kann: Deutschland schon wieder hinter Estland?! Aber was bedeutet das wirklich? Inzwischen wird Pisa von Bildungsforschern kritisiert. »Das Problem mit der kontinuierlichen Testerei ist, dass der Test zum Curriculum wird«, sagte etwa der Bildungsforscher Heinz-Dieter Meyer in einem Interview. »Man lernt mit der Zeit genau das, was in den Tests gemessen wird.« So bleibt das eigentliche Ziel, die Bildung, auf der Strecke. Und es gibt noch mehr Faktoren, die die Bewertungen verzerren. Als Wissenschaftler die Daten der amerikanischen Website ratemyprofessors.com untersuchten, stellten sie fest: Studenten vergeben viel eher eine positive Wertung, wenn sie den Dozenten attraktiv finden. Eine andere Studie zeigte: Ob Yelp-Bewertungen positiv ausfallen, wird auch davon beeinflusst, ob die allererste Bewertung zufällig eine gute oder eine schlechte war. Der Sozialpsychologe Werner Degenhardt von der LMU München formuliert es so: »Das Problem ist nicht nur, dass massenhaft mit unsinnigen Bewertungssystemen gearbeitet wird – sondern, dass man den Bewertungen dann auch glaubt.« Und Degenhardt erkennt noch ein weiteres Problem: Nur weil Person A für eine Dienstleistung fünf Sterne vergibt, heißt das nicht, dass Person B auch fünf Sterne vergeben würde – jeder hat individuelle Werte, Ansprüche und Standards. Die scheinbar so klare Bewertung kann für Missverständnisse sorgen. Die analoge Welt hat laut Degenhardt einen entscheidenden Vorteil: »Da gibt es noch das übliche Hin und Her. Habe ich das richtig verstanden? Nein, das hast du nicht richtig verstanden. Diese Vertrauensbildung fehlt bei digitalen Bewertungssystemen.«

8 Punkte im Verkehrszentralregister in Flensburg kosten einen den Führerschein. Bis dahin kann man sich zum Beispiel achtmal dabei erwischen lassen, wie man beim Fahren telefoniert.

Das Übermaß an Sternchenbewertungen verdirbt ein schönes Gut unserer Zivilisation: Kritikfähigkeit. In der Comedyserie »Review« zeigt der US-Komiker Andy Daly, dass eine Welt, in der wir alles bewerten, mindestens so gruselig ist wie eine Peeple-Welt, in der wir ständig bewertet werden. »Review« handelt vom Fernsehmoderator Forrest MacNeil, der als Kritiker Sternchenbewertungen abgibt. Nicht für Bücher, Musik oder Restaurants, sondern für alle Erfahrungen, die man so machen kann. »Das Leben«, beginnt MacNeil jede Sendung, »ist ganz buchstäblich alles, was wir haben. Aber ist es auch gut genug?« Das will MacNeil wissen – er geht auf einen Highschoolabschlussball, zu einer Orgie, fliegt in den Weltraum, lässt sich scheiden. Und das alles nur, um am Ende verkünden zu können: drei von fünf Sternen! Dass diese Sicht auf das Leben den Kritiker am Ende ins Unglück stürzt – man kann es sich denken.

Was in der Bewertungsgesellschaft verloren geht: gute Gründe. Anstatt mit Argumenten zu diskutieren, werfen wir mit Sternchen und Smileys um uns.

Es ist nicht falsch, Produkten, Dienstleistern, sich selbst und seinem Leben kritisch gegenüberzustehen und wissen zu wollen, was gut läuft und was nicht. In der Bewertungsgesellschaft geht eines jedoch verloren: die Gründe für unsere Bewertungen und Meinungen. Deswegen passt die allgegenwärtige Sternchenbewertung auch in eine Zeit, in der im Internet nicht mehr diskutiert wird, sondern nur noch gepöbelt. In der der echte Meinungsaustausch entweder durch Flausch oder durch Shitstorm ersetzt wurde. Was den intellektuellen Streit von der Pöbelei unterscheidet, sind Argumente. Aber die muss man ja auf kaum einer Bewertungsplattform anführen. Wir verlernen, unsere Kritik zu begründen. Also üben wir keine mehr oder schreien uns gleich an. Vielleicht kann Qualitätsmanagement unsere Welt besser machen – aber nur, wenn es wirklich um Qualitäten geht und nicht bloß um Zahlen. Um mal einen Anfang zu machen: Wie fandet ihr eigentlich diesen Text? Sagt es mir gern auf NEON.de. Aber bitte nicht mit Likes oder Noten, sondern mit guten Gründen.

»ICH WILL ECHTES FEEDBACK«

Nike v. D.,   27,   Modebloggerin und Instagramerin aus Berlin.
Bewertung: Etwa 700 Instagram-Herzchen pro Foto

»Auf meinem Instagram-Account laufen Outfits und Innenarchitekturaufnahmen am besten. Die meisten Likes bekam ein Foto, das ich in meiner Wohnung auf­genommen hatte. Am Anfang fand ich das schade, weil ich dachte, es sei interes­santer für die Leute, wie ich wirklich bin, aber wenn ich dann ein tolles Kunstwerk postete, juckte das fast gar keinen. ­Zunächst gefiel es mir nicht, bewertet zu werden. Aber wenn man ­einmal po­sitives Feedback bekommt, dann findet man auch Gefallen daran. Jetzt denke ich: Wenn man sich in dieses Haifisch­becken begibt, muss man auch mit den Reaktionen leben können. Dass ich auf Instagram ganz oberflächlich für mein Aussehen ­bewertet werde, ist okay, solange ich auch andere Seiten von mir zeigen kann. Neulich ärgerte ich mich mal wieder, weil ich ein Foto von Schuhen postete, das aber kaum Likes bekam. ­Dabei wollte ich das kleine Label unterstützen. Dafür liebten meine Follower ­wenig später einen blöden Blumenstrauß. ­Früher war ich auf andere Insta­gramer neidisch: Warum hat die so viel mehr ­Likes als ich? Das ist ­vorbei. Was mich wirklich aufregt, ist, wenn positive Bewertungen in sozialen Medien eingekauft werden. Man will doch echtes Feedback. Sonst kann man auch sein Abiturzeugnis fälschen.«

»DER PROZESS IST INTRANSPARENT«

Maria G., 36, Köchin aus Erfurt.
Bewertung: Ein Stern im renommierten Restaurantführer »Guide Michelin«

»Ende 2013 habe ich in meinem Restaurant Clara in Erfurt meinen ersten Stern ­erkocht. Wie das geklappt hat, weiß ich selbst nicht. Das Prozedere und die ­Kriterien hinter dem ›Guide Michelin‹ sind wenig transparent. Entweder man hat Glück und man steht drin – oder eben nicht. Wenn jemand vom ›Guide Michelin‹ da war und es hat gefallen, hinterlassen sie eine Visitenkarte, auf der jedoch kein Name steht. Mehr erfährt man nicht. Weil unser Restaurant aber ohnehin gut besucht war, habe ich mir kaum Druck ­gemacht – die Gäste waren zufrieden. Jedes Jahr bekam ich jedoch wahnsinnig schlechte Bewertungen vom ›Gault Millau‹, meinem Lieblingsrestaurantführer. Da ­fühlte ich mich immer total verarscht. Heute bin ich mir sicher, dass dahinter ein un­professioneller Gastrokritiker steckte. So viel Polemik und Unwahres – ich war völlig niedergeschmettert. Die schlechte Kritik hatte zum Glück keine Auswirkungen, kurz danach wurde auch unser ­›Michelin‹-Stern bestätigt. Trotzdem hat mich die Kritik des ›Gault Millau‹ damals geschmerzt. Die Gastroführer haben in unserer Branche ja einen großen Einfluss und sind nicht unwichtig. Ich lasse meine Menüs lieber von einem gut ausgebildeten Food-Crack bewerten als von anonymen Nutzern auf Yelp.«

»ICH SPÜRE KEINEN DRUCK«

Serdar D., 32, Taxifahrer aus Hamburg.
Bewertung: 4,9 Sterne in seinem Profil bei der ­Mytaxi

»Meine Kunden haben die Möglichkeit, die Fahrt in meinem Wagen mit einem bis fünf Sternen zu bewerten. Besonders anstrengen muss man sich nicht, um eine ­gute Bewertung zu bekommen, da mach ich mir kaum Stress. Meine Kumpels haben auch alle 4,8 bis 5 Sterne. Eine gewisse Qualität garantiert die App aber schon – die Wahrscheinlichkeit, dass der Fahrer die Türe aufhält, Koffer verstaut und älteren Kunden beim Einsteigen hilft, steigt. Ich kann mir auch keine bessere Bewertungsmethode als die Sterne vorstellen. Das muss ja alles schnell gehen, die Kunden haben ja keine Zeit, ein ausführliches Feedback zu geben. Weil ich nicht vollkommen von der App abhängig bin, setzt sie mich auch nicht unter Druck. Es ist ja nicht so, dass ich nach fünf schlechten Bewertungen bei Mytaxi entlassen werde. Man wird höchstens zu einer Schulung geladen. Schlechte Bewertungen kommen zwar vor, meistens liegt das aber an frustrierten Kunden. Als ich zum Beispiel einmal einen Fahrgast auf der Reeperbahn bat, seine Bierflaschen draußen zu lassen, gab es eine fiese Bewertung – ­da kann man nichts machen. Die Taxizentralen sind strenger. Wenn du da einmal von einem unzufriedenen Kunden gemeldet wirst, musst du direkt zum Verhör. Das ist schlimmer als bei der Stasi!«

»MUSS ES GLEICH EINE SECHS SEIN?«

Dr. Oliver G., 43, niedergelassener Urologe aus Köln.
Bewertung: Note 1,5 auf dem Online-Medizinportal Jameda

»Mittlerweile informiert sich die Hälfte der Patienten vor dem Arztbesuch im Internet. Ich checke mein eigenes Profil bei Jameda regelmäßig, schau mir neue Bewertungen an und kommentiere sie. Ich find’s nicht schlimm, dass ich nicht immer eine Eins bekomme. Es gibt auch mal schlechte Tage – und komische Patienten. Wenn ein Arzt nur Einsen bekommt, vermute ich, dass es sich um ein Fake-Profil handelt. Aber bei der ersten Sechs, die ich bekommen habe, da saß der Stachel schon tief. Gerade um diesen Patienten habe ich mich richtig gekümmert. Ich riet ihm von einer Operation ab. Er hat mir dann eine Sechs gegeben, weil ich ihm nicht hatte helfen können. Er hätte mir ja auch eine Drei oder Vier geben können. Aber nein, es musste dann gleich die Sechs sein. Unter uns Ärzten kommt es jetzt auch so langsam, dass man über die neue Situation redet: ›Hey, sag mal, du hast da aber neulich eine ganz schön schlechte Bewertung bekommen‹, oder: ›Mensch, deine Noten bei Jameda sind ja deutlich überdurchschnittlich‹. Wir realisieren so langsam, dass wir auf dem Präsentierteller sitzen. Die Bewertungsportale haben aber auch eine positive Seite: Ich merke, dass ich keine Maschine bin. Und manchmal kommt dann die Quittung in Form einer schlechten Note.«

»JUROREN SIND KEINE ROBOTER«

Kim B., 26, Profiturnerin aus Tübingen.
Bewertung: 13,8 Punkte im Bodenturnen bei den Deutschen Meisterschaften 2014

»Ich bin quasi vor den Augen von Preisrichtern und Juroren aufgewachsen. Als ich sieben Jahre alt war, kamen die ersten Talentscouts, die meine Leistungen bewertet haben. Beim Turnen kommt es auf den Moment an! Man hat nur einen Versuch, um zu überzeugen. Ich nehme an Wettkämpfen teil, weil ich ehrgeizig bin und Erfolg haben will. Und es gehört zum Sport dazu, dass man seine Leistung mit dem maximal Möglichen oder dem Können seiner Konkurrenten vergleicht. Die Bewertung beim Kunstturnen ergibt sich aus einem unheimlich komplexen Punktekatalog. Daran sollten sich die Kampfrichter bestenfalls halten. Dieses System ist für Außenstehende recht undurchschaubar. Da sieht der Zuschauer eine schöne, athletische Turnerin, die bei einem Sprung ihre Beine zu einem 180-Grad-Winkel spreizt, was für die meisten Menschen unmöglich ist. Und dann wird sie trotzdem schlecht bewertet. Laien können das nicht nachvollziehen. Manchmal stutze ich schon über eine Bewertung – aber das gehört dazu. Die Juroren sind auch nur Menschen und keine Roboter. Bewertungen sind deshalb immer irgendwie subjektiv. Das ist mir erst richtig bewusst geworden, seit ich selbst eine Kampfrichterlizenz habe und andere Turnerinnen benote.«


Dieser Text ist in der Ausgabe 12/15 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.