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Der Gucci-Clan: Patricia Gucci: Bericht aus dem Inneren der Modedynastie

Die Guccis boten immer Stoff für Dramen. Jetzt erzählt eine Tochter, die es nicht hätte geben dürfen, aus dem Inneren des Clans.

Von Dirk van Versendaal

Patricia Gucci als Zweijährige im Arm der Mutter, am Pool des Vaters in der Villa Camilluccia in Rom, 1965.    Links: Gucci-Schaufenster in Florenz, 1950

Patricia Gucci als Zweijährige im Arm der Mutter, am Pool des Vaters in der Villa Camilluccia in Rom, 1965.

Links: Gucci-Schaufenster in Florenz, 1950

Gegen Ende des Sommers 1973, die Siebensachen für den Umzug von London nach Rom waren gepackt, rief ihre Mutter Bruna sie zu sich auf ihr Bett, um ihr zu sagen: "Patricia, dein Vater und ich, wir sind nicht verheiratet. Er hat eine Ehefrau in Italien. Und drei Söhne." Bis zu jenem Tag hatte die Zehnjährige sich für das einzige Kind eines glücklichen Elternpaares gehalten. Gut, die Mutter konnte ihre betrübten Tage haben, und den Vater bekam sie in manchen Monaten nur einmal zu Gesicht, aber schließlich war er Chef einer Firma – und wie sollte es da auch anders sein?

"Mein zehn Jahre altes Gehirn konnte diese Neuigkeiten kaum verarbeiten. Papa mit einer anderen verheiratet? Und ich habe drei Halbbrüder? Wie aufregend!" Noch gut vier Jahrzehnte später reißt Patricia Gucci die Arme in einer Geste der Verblüffung hoch. "Leider stellte ich dann fest, dass meine Brüder viel zu alt waren, um Spielkameraden abzugeben, dass man mich in Rom nicht mit offenen Armen aufnahm – und dass es kompliziert war, den Namen Gucci zu tragen."

Die heute 53-Jährige lebt abwechselnd in Genf und in einer Villa in Palm Desert in Kalifornien. Sie trägt einen strahlend weißen Hosenanzug, er könnte von Gucci sein, ist aber von Helmut Lang, "neu, nicht Vintage". Manchmal kaufe sie sich Accessoires oder eine Tasche bei Gucci, erzählt sie, und beim Bezahlen gebe es immer ein bisschen Verwirrung ihres Namens wegen. "Aber mit Mode habe ich nichts am Hut." 

Patricia Gucci

"Die Dinge endlich abschließen": Patricia Gucci hat ein Buch über ihre berühmte Modefamilie geschrieben

Trotzdem hat sie ein Buch über das Leben in der vielleicht berühmtesten Modefamilie der Welt geschrieben – "um die Dinge endlich abzuschließen", wie sie etwas vage sagt. Sie wollte aber auch ihrem Vater Aldo "seinen rechtmäßigen Platz in der Modegeschichte" verschaffen, dem Pionier des "Made in Italy" und Architekten des Gucci-Erfolgs. Die Gucci-Saga hätten vor allem jüngere Generationen so im Kopf: "Ein alter Sattlermeister in einer Florentiner Lederwerkstatt, dann gab es einen Auftragsmord, und irgendwann kam Tom Ford." Wenn es so einfach gewesen wäre.
Ihr Vater Aldo war der älteste Sohn des Gründervaters Guccio aus Florenz. Ein geborener Unternehmergeist, "ein Mann, der in der Lage wäre, seine eigene Mutter an die Beduinen zu verkaufen", wie es in der Familie hieß. Aber auch ein "Super-duper-Casanova", wie Patricia es ausdrückt, "der als junger Mann einmal im Zug mit einer Nonne angebändelt haben soll. Mein Vater brach alle Regeln. Er machte, was er machen wollte."

Und so einer – über 50 und Vater dreier Söhne – verlor dann sein Herz an die 18-jährige Tochter einer verwitweten Schneiderin. Bruna Palombo arbeitete als Verkäuferin im Gucci-Geschäft in der Via Condotti in Rom, Filmstars wie Clark Gable, Joan Crawford und Kirk Douglas spazierten hier durch die Tür. Er überhäufte Bruna mit Handtaschen und Parfüm. Er machte sie zu seiner Sekretärin und bombardierte sie mit Liebesbriefen und Versprechen: "Ich werde aus dir eine Königin machen!" Nach zwei Jahren schaffte er es schließlich an sein Ziel.

Als Bruna 1962 schwanger wurde, brachte er sie in unter. Ein Bekanntwerden der Affäre hätte desaströse Folgen für die Gucci-Geschäfte haben können und vielleicht sogar die Staatsanwaltschaft alarmiert. Denn Abtreibung war in Italien bis 1978 verboten, Scheidungen wurden erst 1970 legalisiert.

Nach Patricias Geburt im März 1963 zogen Mutter und Tochter nach zurück und lebten auch dort im Verborgenen. Bruna und Aldo hatten weiterhin ihre heimlichen Rendezvous, ihr Töchterchen verließ die Wohnung stets nur in Begleitung des spanischen Kindermädchens. "Sie schafften es, mich geheim zu halten – fast ein ganzes Jahr lang."

Die Kindheit der Patricia Gucci glich einer Tournee. Sie und ihre Mutter gingen zurück nach England, nach Florida, nach Kalifornien, nach Rom. "Mit dem Begriff Heimat konnte ich nie viel anfangen. Ich hatte 1000 Freunde und habe sie wieder verloren, weil wir ständig umgezogen sind."

Ihre schönsten Kindheitserinnerungen hat sie an das Strandhaus, das Aldo seiner Zweitfamilie 1973 in Palm Beach kaufte. "Es war der einzige Ort auf der Welt, wo mein Vater nicht jeden Morgen ins Büro ging. In Shorts stand er im Garten und sprengte den Rasen. Er saß auf der Veranda und rauchte Pfeife. Meine Eltern zeigten hier am offensten ihre gegenseitige Zuneigung." Das Familienglück währte nur kurz.
Nachdem Patricia jahrelang abseits oder am umschatteten Rand des Gucci-Clans gelebt hatte, als Teenager auf ein Schweizer Internat geschickt wurde, machte ihr Vater sie mit noch nicht einmal 20 Jahren zum Mitglied des Vorstands. "Das kam völlig überraschend – Frauen gab es bei Gucci nicht in verantwortlichen Positionen." Sie begleitete ihren Vater auf Geschäftsreisen, als Abgesandte der Marke traf sie die First Lady Nancy Reagan und plauderte mit Prince Charles, hielt Small Talk mit Frank Sinatra. Nachdem sie sich in einem Badeanzug für eine Werbekampagne hatte ablichten lassen, wurde sie in der Presse als das "Gucci-Girl" tituliert. Die "New York Times" nannte sie "das begehrteste Mädchen der Welt".

In jenen Jahren expandierte Gucci bis zum Rodeo Drive in Beverly Hills; Läden eröffneten in Tokio und Hongkong. Nachdem ein japanischer Tourist im New Yorker Geschäft 60 Taschen mit dem Doppel-G-Logo auf einmal gekauft hatte, begrenzte Aldo den Kauf auf ein Stück pro Kunde. "Der Himmel war die Grenze in jenen Jahren", sagt Patricia Gucci."Niemand ahnte, wie sich noch alles entwickeln würde."
"La Famiglia", das Erfolgskonzept italienischer Modeimperien von Benetton bis Fendi und Missoni, schien bei den Guccis nicht zu funktionieren. Häufig kam es zu Zerwürfnissen und Eifersüchteleien zwischen Brüdern und Cousins, zwischen Vätern und Söhnen. Ein Cousin von Patricia, Maurizio Gucci, verließ nach einem Streit mit seinem Vater die Firma – sein Anrecht auf Anteile und eine Stimme im Vorstand blieben ihm allerdings erhalten. Er spielte den Rebellen und heiratete die skandalumwitterte Patrizia Reggiani. "Ich möchte lieber in einem Rolls-Royce weinen als auf einem Fahrrad glücklich sein", lautete die Lebensmaxime der Patrizia mit dem unheilschwangeren Z im Namen.

Das Label der Reichen und Schönen wuchs und wuchs, das Unternehmen kam an die Börse. In der Guccio Gucci S. p. A. wurden die Dinge kompliziert, intrigant. "Mein Gott, welche Unmengen in dieser Familie für Anwälte ausgegeben wurden!", sagt Patricia Gucci. Nach einer Keilerei in einer Vorstandssitzung, in der es Bruder Paolo wegen eines heimlichen Aufnahmegeräts an den Kragen ging, schien es, als wolle der Clan dem Adelsgeschlecht der Borgias Konkurrenz machen.

Unternehmenschef Aldo hatte derweil nicht nur seine Bruna in Palm Springs geheiratet – ein Vierteljahrhundert nach dem ersten Kuss –, sondern auch seinen Erstwohnsitz in Florida angemeldet, wo er auch seine Einkommensteuer entrichtete. Oder auch nicht: Die US-Steuerbehörde klagte ihn 1983 an, Steuern hinterzogen zu haben. Vertrauliche Beweisdokumente hatte ihr offenbar Aldos Sohn Paolo zugespielt – aus Rache dafür, dass er aus der Firma gedrängt worden war.

Aldos Sündenfall stand sofort im Fokus der Öffentlichkeit, der Prozess gegen ihn wurde von dem ehrgeizigen Staatsanwalt Rudolph Giuliani vorangetrieben, dem späteren Bürgermeister New Yorks. Obwohl Aldo bestritt, wissentlich Steuern hinterzogen zu haben, wurde er im September 1986 zu einer Haftstrafe von einem Jahr und einem Tag verurteilt – im Alter von 81. "Der Staat wollte ein Exempel statuieren" , sagt seine Tochter. "Er war der CEO und besaß als einziger Gucci eine Greencard. Giuliani war ein junger Mann, der Karriere machen wollte."
Im Bundesgefängnis Eglin im Nordwestzipfel Floridas wurde aus dem Padre Padrone der Gefangene mit der Nummer 13124-054-E. In Eglin, auch "Club Fed" genannt, saßen Häftlinge mit geringer Fluchtgefahr ein, vor allem Wirtschaftsverbrecher. Gucci schlief in einem Schlafsaal mit 32 Betten, seinen Anzug musste er gegen gestärkte blaue Gefängniskleidung tauschen, die Lederschuhe gegen weiße Sneaker.
"Wie unfair! Ein Mann seines Alters! Es war erschütternd, ihn zu besuchen." Immerhin, sagt seine Tochter, "war er beliebt bei Mitgefangenen und Wächtern". "Bubba Gucci", wie sie ihn nannten, wurde der Schneiderei zugeteilt und musste Nummernschilder an Kleidungsstücke nähen. "Das hielten sie wohl für einen passenden Job."
Als Aldo im Herbst 1987 aus der Haft entlassen wurde, hatte Maurizio, das einstige schwarze Schaf, die Anteile seines Vaters geerbt und sich zum Vorsitzenden des Unternehmens aufgeschwungen. Kaum hatte er seinen Onkel Aldo vom Thron gestoßen, verlegte er den Gucci-Hauptsitz von Florenz in ein edles Bürogebäude in Mailand, kaufte sich einen Firmen-Jet und erwarb sich – gemeinsam mitseiner Frau Patrizia – einen Ruf als Erbe, der zügellos mit Geld um sich wirft. Außerdem führte er Verhandlungen mit der in Bahrain registrierten Investcorp International. Der Codename für Verkauf und Übernahme des kriselnden Unternehmens Gucci lautete "Projekt Sattel". Im April 1989 verkauften die ausgebooteten Aldo und Patricia ihre Anteile.
Kein Jahr später starb Aldo an Krebs. Vor seinem Tod benannte er seine Tochter Patricia zu seiner "alleinigen und universellen Erbin" und enterbte seinen Sohn Paolo vollständig. Ihre drei Brüder verließen wortlos die Kanzlei des Testament-Anwalts, sagt sie. "Danach hatten wir nie wieder etwas miteinander zu tun."
Cousin Maurizio wurde Ende März 1995 in der Mailänder Via Palestro von einem Profikiller mit vier Schüssen niedergestreckt. Beauftragt hatte den Mord seine rachsüchtige Exfrau Patrizia Reggiani, die Mutter seiner beiden Töchter, die er für eine Jüngere verlassen hatte. Nach 16 Jahren wurde die "Schwarze Witwe" 2013 aus dem Gefängnis entlassen. "Sie ist ein Freak, ein Monster", sagt Patricia Gucci, "kein Wort des Bedauerns kam je aus ihrem Mund. Ohne sie wäre Maurizio nicht so wild darauf gewesen, meinen Vater loszuwerden, und Gucci wäre nicht verkauft worden. Ich mag nicht darüber nachdenken!"
Nach dem Tod ihres Vaters zog Patricia Gucci in die USA und legte eine Zeit lang ihren Familiennamen ab. "Ich wollte meinen Frieden." Heute könne sie sich wieder freuen, dass Gucci so erfolgreich ist, sagt sie. "Der neue Designer Alessandro Michele hat die Magie zurückgeholt, die hinter dem Namen steckt."
Ab und an rätselt sie darüber, wo all die Fehden und Vernichtungskämpfe bei den Guccis ihren Ursprung haben. "Mein Vater war ein harter Hund. Mit mir war er geduldig, aber sobald meine Brüder ihm in die Quere kamen, ihn herausforderten … Nein, das wollte man nicht." Schon bei Aldos Vater Guccio habe es Schläge gesetzt, "bei jeder Gelegenheit, mit der Hand, dem Gürtel oder mit einem Brüllen. Alle hatten eine Heidenangst vor ihm. Er spielte seine Söhne gern gegeneinander aus, um den Kampfgeist der Jungen zu wecken. Das war wohl nicht die beste Idee."


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