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"Die Welt verstehen": Wie Peking seine Kleinanleger ins Verderben stürzte

In China platzt die Börsenblase. Der Lokomotive der Weltwirtschaft geht der Dampf aus. Nötige Reformen werden verschoben. Was bedeutet das für das Land? Und wie wirkt sich der Sog auf Europa aus?

Von Janis Vougioukas, Shanghai

Banger Blick auf ein Kurs-Display in Tokio: Auch auf die Börse in Japans Hauptstadt hat die Krise in China Einfluss

Spätestens heute sollte der letzte chinesische Anleger verstanden haben, dass ihm auch die Regierung in Peking nicht helfen kann: Chinas Börsen kommen nicht aus der Krise. Am Montag schloss der Shanghai Composite Index mit einem Verlust von 8,5 Prozent, dem größten Einbruch seit dem Börsencrash im Jahr 2007. Bereits in der vergangenen Woche hatten die Aktien in Shanghai fast zwölf Prozent verloren. Mitte Juni waren die Kurse um 30 Prozent gefallen und hatten damit auf dem Papier ein Vermögen von 3,4 Billionen Dollar vernichtet. 

Dabei hatte die Regierung am Wochenende angekündigt, den Rentenfonds das Investieren in Aktien zu erlauben. Offenbar hatten Chinas Anleger sich nicht davon beeindrucken lassen. "Die Nachricht wird nicht helfen, denn auch das Geld der Pensionsfonds ist begrenzt“, kommentierte Qi Yifeng, Analyst bei Finanzberater CEBM. 


In China kontrolliert der Staat immer noch fast alles

Anleger hatten noch eine weitere Hoffnung. In China kontrolliert der Staat noch immer fast alle Lebensbereiche. In der kommenden Woche findet in Peking eine große Militärparade statt, die von der Regierung mit großem kommunistischem Ernst vorbereitet wird. Der Hauptstadtflughafen soll während der Parade für mehrere Stunden gesperrt bleiben. Der Verkauf von Drohnen ist verboten worden, Millionen Autos werden von den Straßen verbannt, tausende Fabriken schließen, damit der Smog sich verzieht. Viele Chinesen hatten gehofft, dass die Regierung so kurz vor der Parade alles tun werde, um einen weiteren Kursverfall zu verhindern. Jetzt wissen sie: Selbst die chinesische Regierung ist nicht allmächtig.

In den meisten Ländern sind die Börsen ein Abbild der realen Volkswirtschaft. Wenn es dem Land und den Unternehmen gut geht, steigen die Kurse – und andersherum. In China haben die Börsen schon lange ihren Bezug zur Realität verloren. Die Wirtschaft legt seit fast 30 Jahren den größten Boom der Weltgeschichte hin und die Börsen in Shenzhen und Shanghai bleiben davon weitgehend unberührt. Im vergangenen Jahr wuchs die Wirtschaft um 7,4 Prozent, es war das schwächste Wachstum seit 1990. Doch der Aktienmarkt kletterte in wenigen Monaten um 150 Prozent. Dann kam der Absturz.

Dabei hatte die Regierung alles getan, um den Börsenboom mit anzuheizen. Noch im April verkündeten die staatlichen Medien das "Goldene Zeitalter“ der Börsen, der Bullenmarkt fange "gerade erst an“. Auf Plakaten und Internetkampagnen wurden die Menschen zum Aktienkauf animiert. Sie folgten dem Aufruf, weil sie ihrer Führung vertrauten. Millionen Kleinanleger nahmen sogar Kredite auf, um in Aktien zu investieren. Viele von ihnen haben jetzt alles verloren – und stehen außerdem vor einem Schuldenberg. 

Dax leidet unter Verunsicherung der Börsen

Chinas Börsen rissen am Montag auch die Kurse in Japan und Europa in den Keller. In Deutschland fiel der Dax unter die psychologisch wichtige Marke von 10.000 Punkten. Das dürfte vor allem auf eine allgemeine Verunsicherung und das Herdenverhalten der Börsen zurückzuführen sein. Denn Börsenbeobachter sind sich nicht einmal darüber einig, ob die fallenden Aktienkurse Folgen für die chinesische Realwirtschaft haben werden. Der größte Teil der Anleger in Shanghai und Shenzhen sind Privatpersonen, für ausländische Investoren sind die Zugänge zum Markt streng reglementiert. 

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