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"Die Stunde Null" Wie ein deutscher Heizungsbauer in der Coronakrise zum Hersteller von Beatmungsgeräten wurde

"Die Stunde Null": Wie ein deutscher Heizungsbauer in der Coronakrise zum Hersteller von Beatmungsgeräten wurde
© Viessmann / PR
Das Unternehmen Viessmann ist bekannt als internationaler Heizungsbauer. In der Coronakrise hat sich das Unternehmen ein Stück weit neu erfunden. Dank eines "irren Einsatzes der Belegschaft" - und einer speziellen Kultur, wie Maximilian Viessmann im Interview erzählt.

Es war eine Nachricht, die Ende April aufhorchen ließ: Der Heizungsbauer Viessmann steigt in die Produktion von Beatmungsgeräten ein, genutzt werden die Fertigungslinien für Gaswandheizgeräte. Dieser kurzfristige Einstieg in die Medizintechnik war allerdings weniger kompliziert und aufwändig, als es sich anhört. "Das sind Routinen, die sind so tief verankert in der Viessmann-Familie, dass es für uns keine wirkliche Besonderheit gewesen ist", sagte der Co-Chef Max Viessmann im Podcast "Die Stunde Null" (Capital, stern, n-tv). "Es ist eine Besonderheit gewesen, sich in die Medizintechnik zu wagen und dort nicht arrogant zu wirken." Ansonsten aber treffe man auf ein "bestehendes Betriebssystem" bei dem Familienunternehmen, "angereichert mit Leidenschaft".

"Am Ende des Tages ist auch das nur Kultur: Ich erkenne ein Problem. Ich finde einen Lösungsweg dafür", sagte Viessmann. Den ersten Prototypen hätten die Produktentwickler nach drei Tagen gehabt. Nach drei Wochen war das Gerät entwickelt. Das Ganze sei "total bemerkenswert und ein irrer Einsatz aller Beteiligten gewesen", berichtet Viessmann in seinem ersten großen Interview seit dem Shutdown.

2022 wieder auf Vorkrisenniveau?

Viessmann hat in der Krise neben den Beatmungsgeräten auch mit der Fertigung von mobilen Versorgungsstationen, Gesichtsmasken und Desinfektionsmitteln begonnen. Der Heizanlagenbauer bekam bei dem Schnellverfahren unter anderem Rat von der Medizinischen Fakultät der RWTH Aachen.

Dank dieser Kultur habe Viessmann die Krise bisher sehr gut gemeistert. "Die Kultur ist der größte Wettbewerbsvorteil, auf dem man jetzt aufbauen kann", sagte Viessmann, der 2017 im Alter von nur 29 Jahren an die Spitze des Allendorfer Familienunternehmens gerückt war, das 12.300 Mitarbeiter in 74 Ländern beschäftigt. Die Krise sei auch eine Chance, das stecke in der DNA des Unternehmens. Im letzten Geschäftsjahr hatte Viessmann den Umsatz um 6,4 Prozent auf 2,65 Milliarden Euro gesteigert.Eine Prognose für dieses Jahr abgeben wollte Viessmann nicht, die Erholung der Gesamtwirtschaft aber werde seine Zeit brauchen. "Ich glaube, die Prognosen, dass wir in 2022 wieder auf Vorkrisenniveau sind, sind makroökonomisch durchaus nachvollziehbar."

Unternehmen brauchen langen Atem

Viessmann sagte, dass vor allem Unternehmen mit einem langen Atem und klaren Werten profitieren werden: "Die müssen nicht lange erklären 'Warum tun wir das eigentlich?', es geht ihnen nicht nur um das Überleben".

Als Beispiel für langfristiges Denken nannte Max Viessmann den Klimawandel. Der werde durch Corona an Relevanz und Bedeutung "wahnsinnig gewinnen", auch wenn das derzeit nicht für alle sichtbar sei. Er verwies auf den Zusammenhang zwischen Todesraten und Luftqualität sowie Emissionen insbesondere in den USA. "Das ist ein Grund mehr, warum wir dort nicht lockerlassen dürfen, nicht nur wegen der Verantwortung für nachkommende Generationen."

Als zweites Beispiel nannte Max Viessmann die Digitalisierung, die er selbst in dem 103 Jahre alten Traditionsunternehmen forciert hatte. Daran werde Viessmann festhalten, genauso wie an dem "Maschinenraum", einer Plattform für Mittelständler, die das Unternehmen in Berlin aufbaut. Es sei falsch, sagte Viessmann, jetzt Budgets zu kürzen, das gelte auch für die Politik, die das Thema weiter vorantreiben müsse.

Im neuen Podcast "Die Stunde Null – Deutschlands Weg aus der Krise" spricht Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar mit Menschen, die die Corona-Krise und ihre wirtschaftlichen Folgen hautnah erleben. Alle Folgen finden Sie bei Audio Now, Apple Podcasts, Deezer, Soundcloud und Spotify. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden. Nehmen Sie die Feed-URL und fügen Sie "Die Stunde Null" einfach zu Ihren Podcast-Abos hinzu.


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