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Trendumkehr: Outsourcing ist nicht mehr Allheilmittel

Wo noch vor wenigen Jahren nach dem Motto "je schlanker desto besser" radikal ausgelagert wurde, was irgendwie entbehrlich schien, wird heute vielfach umgedacht: Immer mehr Unternehmen besinnen sich wieder auf die eigenen Kräfte.

VW lässt die Software für Elektronik im eigenen Haus entwickeln. Opel holt die Telefonzentrale zurück. Und GlaxoSmithKline Deutschland will Lagerung und Verteilung von Impfstoffen künftig im Pharma-Konzern organisieren. Wo noch vor wenigen Jahren nach dem Motto "je schlanker desto besser" radikal ausgelagert wurde, was irgendwie entbehrlich schien, wird heute vielfach umgedacht: Immer mehr Unternehmen besinnen sich wieder auf die eigenen Kräfte. Der ehemalige Trend «Outsourcing» wird korrigiert - in Krisenzeiten tendiert so mancher zum Selbermachen.

Neuer Trend: Insourcing

Der Vorsitzende der IG Bergbau, Chemie und Energie (IG BCE), Hubertus Schmoldt, bestätigt die Tendenz zum "Insourcing". "Das gilt insbesondere für die sensiblen Bereiche, ich nenne die Stichworte Sicherheit und Qualität." Outsourcing gehe oft zu Lasten der Verlässlichkeit. Einer Analyse der Hamburger Unternehmensberatung Putz & Partner zufolge holt jeder vierte Betrieb mittlerweile Bereiche zurück, die er zuvor an eine Fremdfirma delegiert hatte. Befragt wurden mehr als 100 Firmen in 14 Branchen.

Kernkompetenzen zu vorschnell abgegeben

"Die Unternehmen haben gemerkt, dass sie die Fäden wieder selbst in die Hand nehmen müssen", berichtet Putz & Partner-Vorstand Michael Krüger. Viele Unternehmen hätten vorschnell Kernkompetenzen abgegeben und sich in Abhängigkeit begeben. "In der Wirtschaftskrise müssen die Firmen schnell reagieren und Prozesse verändern - da hängen sie dann am Tropf." Verzögerungen in der Produktionskette könnten verheerende Folgen haben - etwa in der Konsumgüterindustrie, wo Produkte leicht ersetzbar sind. "Wenn die eine Kaffee-Marke nicht im Regal steht, nimmt der Kunde eine andere - und bleibt vielleicht dabei."

Outsourcing oft teurer als interne Lösungen

Eine im Sommer 2003 veröffentlichte Studie des Fraunhofer Instituts ergab, dass Outsourcing oft teuerer ist als intern erbrachte Leistungen. Firmen sparten zunächst Kosten. Am Ende sei der Aufwand aber oft höher als der Nutzen. Der Grund: Die Einsparungen würden unzureichende Qualität oder höheren Koordinierungsaufwand zunichte gemacht. Der Leiter der Studie, Steffen Kinkel, wirbt fürs Selbermachen. "Ein größerer Anteil an Eigenleistungen und höhere Fertigungstiefen verschaffen der Firma Vorteile in Innovationskraft, Flexibilität und Ertragskraft."

Auch Autohersteller lernten dazu

Selbst die Autohersteller - mit Fertigungstiefen von 30 Prozent und weniger Vorreiter der Auslagerungs-Welle - haben mittlerweile den Rückwärtsgang eingelegt. "Irgendwann kam die Erkenntnis, dass man Gewinn nur aus eigener Wertschöpfung erzielen und mit erkauften Leistungen keinen Ertrag machen kann", sagt der Koordinator des VW-Gesamtbetriebsrates, Werner Widuckel. Die Unternehmensführung habe eingesehen, dass Kernkompetenzen in strategisch wichtigen Bereichen in den eigenen Betrieb gehören. "Das Produkt, das ich dem Kunden verkaufe, darf keine Blackbox sein", betont Widuckel. So beschloss die VW-Führung Ende der neunziger Jahre, die Software für die immer komplexer werdende Elektronik der Fahrzeuge nicht zuzukaufen, wie zunächst geplant. Auch die Autositze sind wieder "Made by VW": Sie werden in der eigens gegründeten Tochterfirma Sitech entwickelt und gefertigt.

Wichtig für Kompetenz-Erhaltung

Neben Kompetenzerhaltung ist Beschäftigungssicherung ein Argument für Insourcing. Im deutschen Stammwerk von Opel gibt es seit Sommer 2003 eine "Insourcing-Betriebsvereinbarung". Ziel: Ausgelagerte Leistungen sollen zurückgeholt werden, um Teile der Stammbelegschaft zu "parken", sagt Gesamtbetriebsratsvorsitzender Klaus Franz. Derzeit arbeiteten 170 Werksangehörige vorübergehend in der Telefonzentrale, im Lager, im Gestellbau oder als Gärtner. "Wenn die Konjunktur anzieht, brauchen wir die Leute unbedingt wieder, die sind hoch qualifiziert."

Outsourcing-Euphorie geht dem Ende zu

Er erwarte, dass die Outsourcing-Euphorie der vergangenen Jahre "Stück für Stück zurückgefahren wird", sagt Franz. Damit rechnet auch IG BCE-Chef Schmoldt: "Outsourcing war und ist sicher auch eine Modeerscheinung, die Vorstände folgen hier allzu schnell den Unternehmensberatern. Sicher ist: Die nächste Mode kommt bestimmt, die Beraterfirmen wollen ja auch leben."

Kathrin Schulte-Bunert / DPA