HOME

Gesundheitsfonds: Im Heilverfahren

Es ist die größte Umwälzung, die Deutschlands Krankenkassen je erlebt haben: Die Vorbereitungen für den Gesundheitsfond laufen auf Hochtouren. Doch niemand weiß, was die Datenflut anrichten wird. Auf den Spuren einer Formel, die alles verändern wird.

Von Timm Krägenow, Lukas Heiny und Sabine Rössing

In wenigen Wochen beginnt die größte Umwälzung im Gesundheitssystem seit Jahrzehnten: Der Gesundheitsfonds startet. Unter Hochdruck rechnen Mathematiker an Modellen, Krankenkassen feilen an Angeboten. Doch niemand weiß, was passieren wird. Sie hat eine sechsstellige Pin, und wenn Colombier sie in das Lesegerät neben seinem Computer steckt und den Code eingibt, kann er künftig Milliarden verteilen. Gigantische Summen wird er auf den Weg bringen, von einem Konto mit der Nummer 50.401.699 bei der Deutschen Bundesbank, BLZ 50.400.000. Das Geld von 73 Millionen deutschen Versicherten - Colombier verteilt es an die Krankenkassen. Rund 156 Milliarden Euro pro Jahr. "Es gilt das Vieraugenprinzip", sagt der Verwaltungswirt trocken.

Colombier arbeitet für das Bundesversicherungsamt (BVA). Hier, im zweiten Stock der Bonner Behörde, schlägt das Herz des Gesundheitsfonds. Das Herz eines Monstrums, wie viele sagen. Kritiker prophezeien seit Langem, dass ab Januar das deutsche Gesundheitssystem kollabiert. Der Fonds sei eine "von vorn bis hinten verkorkste Reform", schimpft die Opposition. Der Wirtschaftsweise Bert Rürup fordert eine "Notoperation". Einigen Krankenkassen drohe sonst der Ruin. Zu spät. Die Maschinerie ist längst angelaufen, Anfang Oktober wird die Regierung den neuen, einheitlichen Beitragssatz festlegen. Prognose: satte 15,5 Prozent.

Der Beitragssatz wird künftig vom Gesundheitsministerium festgesetzt

Der neue Fonds ist der gewaltigste Eingriff in das Gesundheitssystem der vergangenen Jahrzehnte. Noch immer ist völlig unklar, was nach dem 1. Januar 2009 passieren wird, zu welchen Ergebnissen die neuen Regeln bei den mehr als 200 Krankenkassen führen werden. Entsprechend groß ist die Nervosität im Gesundheitsmarkt. Unter Hochdruck arbeiten die Kassen an neuen Angeboten, lassen Simulationsrechnungen durchführen und stellen Leute ein, die ein mögliches Chaos auffangen sollen.

Entstanden ist der Fonds aus einem politischen Kompromiss. Monatelang wurde gerungen und gestritten, um Zusatzprämien, Konvergenzklauseln und Risikozuschläge. Am Ende stand ein Gebilde, das die Autonomie der Kassen einschränkt. Der Beitragssatz wird künftig vom Gesundheitsministerium festgesetzt. Und die Einnahmen fließen nicht mehr an die Kassen, sondern erst nach Bonn, zu Stefan Colombier.

Transfers werden nur auf die Konten von Krankenkassen erlaubt

So groß scheint die Umwälzung, dass dem Ministerium sogar ein Kasernengelände für die neue Verwaltung angeboten wurde. Um der Kritik des "bürokratischen Monsters" zu begegnen, wurde der Einzug der Beiträge aber bei den Kassen belassen - und auf eine neue Behörde verzichtet. Ein Flur, ein paar graue Türen und Zimmerpflanzen, nur 20 Beamte. Keine Großrechner, normale PC und eine Buchhaltungssoftware, mit der Colombier und seine Kollegen die Eingänge auf dem Fondskonto registrieren. "Dem Programm ist es egal, ob man damit Hunderttausende verwaltet oder Milliarden", sagt Colombier.

Fehlt am Ende des Monats Geld, das den Kassen zusteht, muss der Finanzminister mit einer Liquiditätshilfe einspringen. "Wir prüfen derzeit noch die Sicherungsmaßnahmen", sagt Abteilungsleiter Andreas Pfohl. Überweisungen werden nur mit der Zustimmung von zwei Zeichnungsberechtigten möglich sein, Transfers werden nur auf die Konten von Krankenkassen erlaubt. Die Zahlungscomputer werden wohl noch in einen eigenen Trakt mit Zugangskontrolle umziehen.

Versicherte sollen ökonomisch attraktiv werden

Wobei der Zahlungsverkehr die geringste Sorge ist. Kopfzerbrechen bereitet allen viel mehr, was wenige Schritte von Colombier entfernt Dirk Göpffarth ausheckt. Auf seinem Büroschild prangt die Flagge der Republik Südafrika, abgekürzt R.S.A. Im Beamtendeutsch stehen die Buchstaben für "Risikostrukturausgleich". Hihi.

Göpffarth leitet das Referat. Der Risikostrukturausgleich ist das Herzstück des Fonds und zugleich der Knackpunkt, um den Lobbyisten, Verbände und Politiker monatelang gestritten haben. Bisher lief es im Gesundheitssystem so: Junge, gesunde Gutverdiener strebten, sofern sie nicht gleich zu den Privaten gingen, zu billigen Betriebs- und Ersatzkassen. Die AOK wurde derweil immer mehr zu einem allgemeinen Auffangbecken. Das soll sich ändern: Für Versicherte, die an einer von 80 ausgewählten Erkrankungen leiden, erhalten die Kassen extra Geld aus dem Fonds, einen "morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich". Kurzname: Morbi-RSA. Versicherte sollen so ökonomisch attraktiv werden. Das Problem: Niemand kann sagen, was das wirtschaftlich bedeutet, welche Kasse am Ende wie abschneidet. Selbst Kassen, die heute finanziell stark sind, fürchten, ins Minus zu rutschen - und einen Zusatzbeitrag erheben zu müssen.

Die Zeit rennt davon

Am Schalthebel dieses Experiments sitzt Göpffarth, 36, ein Volkswirt mit Igelfrisur. "Der Morbi-RSA ist sinnvoll", sagt er. "Weil er die Krankenkassen dazu bringt, in einen Wettbewerb um eine gute Versorgung statt um gesunde Versicherte zu treten." Der RSA hält die Behörde gehörig auf Trab. Die Wände des Büros im Erdgeschoss sind mit großen Computerausdrucken tapeziert. Tausende von Quadraten, Rauten und Dreiecken reihen sich auf der Wandzeitung aneinander, in jedem Feld der Flussdiagramme steht eine komplizierte Formel.

Die Informatiker des Amts jagen derzeit 2,4 Milliarden Datensätze durch ihre Computer. Jeder Datensatz enthält eine Diagnose, die im vergangenen Jahr bei den 73 Millionen gesetzlich Versicherten erhoben wurde. "Wegen der riesigen Datenmengen dauert ein einfacher Durchlauf oft mehrere Tage", stöhnt ein Programmierer. Am Ende der komplizierten Operation wird eine Tabelle stehen. Die legt fest, wie viel Prozent des Gesundheitsfonds jede Krankenkasse künftig bekommt. Die Zeit rennt davon, schon am Montag sollen die Kassen eine Software erhalten, die automatisch die Versicherten in Risikogruppen einteilt. Dann können eventuelle Zuschläge erstmals kalkuliert werden.

"Der Druck ist extrem"

Einer, der diese Software programmieren soll, ist Thomas Zahn. Der Statistiker ist deutscher Geschäftsführer des US-Unternehmens DxCG. "Im Moment fliegen alle im Nebel", sagt er. "Nun brauchen wir eine Art GPS." DxCG entwickelt seit 30 Jahren komplexe Vorhersagemodelle, um Gesundheitskosten zu berechnen. In zwölf Ländern sind die Formeln im Einsatz, nun auch in Deutschland. Noch laufen die Tests.

"Der Druck ist extrem", sagt Zahn. Jede Nacht hockt er mit den Programmieren vor dem Testrechner im BVA. Noch fehlt ihnen die Hälfte der Daten, die hochsensibel sind und das Haus nicht verlassen dürfen. Erst in der Nacht zum Mittwoch stürzte das System ab. Die Diagnose eines Arztes konnte nicht gelesen werden. "Wir kämpfen noch", sagt Zahn. Aber der Mathematiker macht sich keine Illusionen: "Wir machen einen Riesenschritt, wir überholen so manches Gesundheitssystem in der Welt. Es wird nicht perfekt laufen am Anfang."

Laut Modellen keine Zusatzprämie notwendig

Wenn sich die Kassen die Software heruntergeladen haben, können sie das Programm mit den Daten ihrer Versicherten füttern. "Die Kassen müssen wissen, wie hoch ihre Einnahmen künftig sein werden. Mit diesem Programm können sie sich ausrechnen, wie groß ihr Teil vom gesamten Kuchen künftig sein wird", sagt Göpffarth. Trotzdem gibt es so viele Unbekannte, dass exakte Vorhersagen unmöglich sind. Auch die BVA-Experten sind unsicher. "Wir wissen nicht, wie sich die Zusatzprämien bei den einzelnen Kassen entwickeln werden", sagt Abteilungsleiter Pfohl. "Das muss jede Kasse für sich entscheiden."

Eine der Kassen, die das entscheiden muss, ist die Hanseatische Krankenkasse (HEK). Sie ist klein, hat 360.000 Versicherte und 0,5 Prozent Marktanteil. Und doch steht sie für viele andere Kassen, bei denen derzeit die Köpfe rauchen. "Der Fonds verschlingt inzwischen nahezu 100 Prozent meiner Arbeitszeit", sagt Hans-Jürgen Jost, Referent für Finanzplanung und Haushalt. So hat er Experten durchrechnen lassen, wie viele Leute die Kasse braucht, um an die Mitglieder Serienbriefe zu verschicken, die Daten Hunderttausender Einkommen zu erfassen und ausstehende Zahlungen - oft Kleinstbeträge - einzureiben. "Wir beschäftigen zwei Controller nur mit Simulationsrechnungen", sagt Jost. Bisher sagen die Modelle: Keine Zusatzprämie notwendig.

Die dürfte, so will es der Gesetzgeber, höchstens 8 Euro betragen. Überschreitet der Finanzbedarf diesen Betrag, wird es kompliziert, dann müsste die Kasse sich über Einkommen und Vermögen ihrer Versicherten informieren. Allein die HEK müsste für die Prämie 40 Leute einstellen, 20 bräuchte sie für Sachbearbeiter, die Bescheide verschicken und Protestanrufe entgegennehmen. "Eine Herkulesaufgabe", sagt Jost. "So viel Veränderung war noch nie."

FTD