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Klassiker: Wie sicher ist Ihre Lebensversicherung?

Börsencrash und Zinstief haben viele Assekuranzfirmen in Schieflage gebracht - statt üppiger Renditen können sie nur noch das gesetzlich Garantierte auszahlen. Müssen Verbraucher um ihre Ersparnisse fürs Alter fürchten? Der stern hat die Leistungen der wichtigsten Anbieter verglichen.

Rolf Florian ist Spott von Konkurrenten und Medien gewöhnt. Der 50-jährige Finanzchef der Debeka Versicherungsgruppe hat sein Büro in Koblenz, nicht gerade am Geldnabel der Welt. "Wegen unserer konservativen Anlagepolitik wurden wir zu Zeiten des Börsenbooms belächelt", sagt er. Der Grund für die Häme: Mehrere Jahre stemmte sich Florian gegen den Branchentrend, das Geld seiner Lebensversicherungskunden verstärkt in Aktien anzulegen. Er setzt fast ausschließlich auf Zinspapiere. Heute zeigt sich: Florian hat alles richtig gemacht. Satte 6,8 Prozent Renditegutschrift für das laufende Jahr und ein Spitzenplatz im großen stern-Lebensversicherungsvergleich.

In Zusammenarbeit mit dem renommierten Brancheninformationsdienst "map-report" hat der stern die wichtigsten deutschen Lebensversicherungsanbieter unter die Lupe genommen. Geprüft und gewichtet wurden dabei die Bilanzdaten sowie Service- und Ablaufleistungen der vergangenen fünf Jahre (siehe Tabelle nächste Seite). Zwar ist daraus ein Eins-zu-eins-Hochrechnen in die Zukunft nicht möglich. "Unsere Daten zeigen aber, wie sich die Versicherungen in Boom und Krise geschlagen haben", sagt "map"-Analyst Reinhard Klages. Und: Noch nie sei es für die "map"-Experten so schwierig gewesen, an die aktuellen Daten heranzukommen. Eine deutsche Prestige-Branche tut sich derzeit schwer mit der Transparenz. Sehr schwer.

Der Börsencrash und mehr noch die seit Jahren andauernde Zinstalfahrt haben vielen Versicherungen arg zugesetzt. Tausende von Policen, die heute fällig werden, halten nicht das, was sie vor vielen Jahren in Aussicht gestellt haben. Wohlgemerkt: in Aussicht gestellt, nicht garantiert. Fest zugesagte Ablaufsummen werden nach wie vor ausbezahlt. Doch das war bei Vertragsabschluss die wesentlich niedrigere Zahl auf dem Formular - im Glanzprospekt allenfalls klein gedruckt. Besonders die Verbraucher, die auf Spitz und Knopf mit dem höheren Betrag etwa zur Immobilienfinanzierung gerechnet hatten, sind jetzt die Dummen. Und alle anderen?

Statistisch gesehen hat jeder Bundesbürger mittlerweile mehr als eine Lebensversicherung abgeschlossen. Genauer gesagt: kapitalbildende Lebensversicherungen. Die funktionieren so: Der Sparer zahlt feste Beträge (von monatlich bis jährlich) ein. Am Ende einer vorher genau festgelegten Einzahldauer erhält er dafür sein gespartes Geld plus vorher festgelegtem Garantiezins zurück. Bislang sogar völlig steuerfrei, wenn mindestens zwölf Jahre investiert wurde. Stirbt der Versicherte vor Ablauf, erhalten festgelegte Begünstigte eine ebenso festgelegte Summe (Todesfall-Leistung). Wirtschaftet die Versicherung während der Sparjahre besonders gut, zahlt sie zusätzlich zum Festzins einen Bonus, der - zusammen mit dem Garantiezins - Überschussbeteiligung genannt wird. Sie wird für jedes Jahr neu bestimmt und kann, anders als der Garantiezins, bei jedem der rund 120 deutschen Anbieter unterschiedlich hoch ausfallen.

"Die Höhe dieser Gutschrift hängt maßgeblich von der Entwicklung an den Finanzmärkten ab", sagt Alf Neumann, Abteilungsleiter der Mathematik und Produktentwicklung bei der Allianz Lebensversicherung. Die Mathe-Cracks machen ihren Chefs im Firmenvorstand zwar jährlich im Herbst einen errechneten Vorschlag, wie hoch die Gesamtgutschrift für das neue Jahr ausfallen kann. Welcher Wert tatsächlich angesetzt wird, bestimmt jedoch der Vorstand. "Eine echte unternehmerische Entscheidung, durch kein Rechenprogramm zu ersetzen", weiß Alf Neumann. Denn gäbe es eine Formel, die exakt den künftig erzielbaren Überschuss ausspucken würde, wäre sie mindestens so geheim wie das Coca-Cola-Rezept. Weil es die aber nicht geben kann, hängt jeder Jahresprofit der Kunden vom Vertrauen der Versicherungsbosse in ihre eigenen Geldmanager ab.

Und die haben sich zuletzt beinahe kollektiv einen Börsen-Bären aufbinden lassen. Eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey fasst zusammen: Seit Mitte der 90er Jahre haben die deutschen Versicherungen kontinuierlich immer mehr Geld in Aktien angelegt (siehe Grafik). Ihr Anteil bei den verwalteten Kundengeldern verdoppelte sich im Branchendurchschnitt in nur fünf Jahren von zehn auf rund 20 Prozent. Manche Anbieter gingen gar bis an die gesetzliche Grenze von 35 Prozent. "Das war aus damaliger Sicht teils sogar nötig, um die niedrigen Profite bei den Festzinspapieren auszugleichen", sagt Stephan Binder, Versicherungsexperte bei McKinsey. Tatsächlich mussten und müssen auch heute die Versicherungen bei Verträgen, die vor dem Sommer 2000 unterschrieben wurden, vier Prozent Zins, bei vor Mitte 1994 geschlossenen Verträgen etwas weniger, garantieren - mehr, als umlaufende Zinspapiere zeitweise einbrachten (siehe Grafik). Nur die lange Zeit florierenden Aktienbörsen machten Jahresgesamtrenditen von über sieben Prozent möglich. Zu Zeiten des Börsenbooms galt dies aber als beinahe lächerlicher Profit, verglichen mit Gewinnen bei Investmentfonds.

"Es war wohl

ein Fehler, damals mit den Fonds konkurrieren zu wollen", räumt heute der Vorstandschef einer Hamburger Versicherung etwas kleinlaut und hinter vorgehaltener Hand ein. Denn die Börsenfalle schnappte gnadenlos zu: Zum einen stiegen die Versicherungen zu immer höheren, also schlechteren Kursen in die Aktien ein. Zum anderen kauften sie noch munter weiter, als die Kurse schon längst im Fallen waren. Erst Mitte 2001, als kaum noch jemand den Börsenzusammenbruch übersehen konnte, verkaufte auch die Assekuranz. Dann jedoch schlagartig, "was den Crash speziell an der deutschen Börse noch beschleunigt hat", so Branchenberater Binder.

Die Folgen sind dramatisch: Die rund 50 Milliarden Euro Börsenverluste allein im Jahr 2002 haben mehr als 20 Milliarden "Stille Lasten" in die Bilanzen der Versicherer gedrückt. Zum Vergleich: Im Jahr 2001 "lasteten" gerade mal drei Milliarden Euro in den Büchern. Die stillen Reserven schrumpften im selben Zeitraum von 23 auf weniger als zehn Milliarden Euro. Diverse Firmen rasselten durch einen simulierten Härtetest ("Stress-Test") der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht.

Nun hat sich Alarmstimmung breit gemacht. Vom Bundesfinanzminister fordert die Assekuranz großzügigere Buchhaltungsregeln, damit diese und mögliche neue Aktienverluste etwas milder ins Kontor schlagen. Auch die Senkung des Garantiezinses für Neuverträge von heute 3,25 auf unter drei Prozent ist absehbar, "weil das eine reine Rechenaufgabe ist", wie Allianz-Mathematiker Neumann weiß. Der Wert ergibt sich aus dem längerfristigen Durchschnittszins bestimmter Staatsanleihe-Papiere - und dieser bröckelt seit Jahren. Weil aber Verwaltungskosten (im Branchenschnitt knapp fünf Prozent je verdientem Bruttobeitrag) und vor allem Vertriebsprovisionen kaum sinken dürften, bleiben die hausgemachten Kosten- und Börsenprobleme an den Kunden hängen. Zum einen, wenn bei neuen Produkten mehr Risiko auf sie abgewälzt wird, zum anderen durch weiter sinkende Überschussbeteiligungen. Die Gesamtjahresrendite sackte zuletzt im Marktdurchschnitt von sieben auf rund fünf Prozent ab. Manche Anbieter wie etwa die Mannheimer Lebensversicherung bieten nur noch den Garantiezins.

Immerhin. Denn fast nebenbei hat das Börsen-Desaster gezeigt, wie unsinnig so genannte Fonds-Policen für die meisten Verbraucher sind: Bei dieser Spielart der Lebensversicherung fließt der Spar-Cent nicht in den großen Kapitaltopf der Versicherung, sondern in Investmentfonds. Das Wertentwicklungsrisiko trägt aber allein der Kunde. War der im falschen Fonds, bekommt er statt Garantiezins Verluste von 50 Prozent und mehr "gutgeschrieben". Der Fonds muss nun mindestens um 100 Prozent zulegen, um wieder bei Plus-Minus-Null herauszukommen. Entfällt künftig die steuerfreie Auszahlung nach zwölf Sparjahren, wie es jetzt die Rürup-Kommission vorgeschlagen hat, entfällt auch das allerletzte Argument, Geld in eine Fonds-Police zu pumpen.

Zwar drücken niedrige Jahresgutschriften die Rendite von Lebensversicherungen, die in schlechten Kapitalmarkt-Jahren fällig werden, besonders deutlich; und zwar umso mehr, je kürzer die Laufzeit der Versicherung war. Ein Aktienfonds-Sparplan kann jedoch binnen eines Jahres sogar die Hälfte oder mehr aller Einzahlungen verlieren. Jede frühere Jahresgutschrift der klassischen Lebensversicherung bleibt hingegen erhalten. Garantiert.

"Für Versicherte ist deshalb nicht die Frage, was sie verloren haben, sondern was ihnen durch die fehlgeschlagenen Börsenabenteuer der Versicherungen entgangen ist", sagt "map-report"-Chef Manfred Poweleit. Hätten nicht Dutzende Anlage-spezialisten auch bei manchem großen Anbieter wie etwa bei der Victoria Milliardenbeträge am Aktienmarkt versenkt, könnte sie heute eine Jahresrendite von rund sieben Prozent gutschreiben, rechnet Poweleit vor. "Und damit wären sie jetzt der absolute Star am Markt."

Der aber heißt Rolf Florian. Bei der Debeka entscheidet er nahezu im Alleingang über die Geldanlage. "Wir werden die vergleichsweise hohe Gutschrift für 2003 im kommenden Jahr wohl nicht ganz erreichen. Aber um sechs Prozent sollten wir wieder schaffen." Das könnte dann immer noch ein Top-Wert sein. Denn manche Analysten befürchten, dass die Gutschriften im Branchendurchschnitt unter fünf Prozent rutschen könnten.

Bleibt immer noch

der Garantiezins. Den erhalten Versicherte sogar, wenn ihr Anbieter Pleite geht. Dann übernimmt die erst vor kurzem von der Branche gegründete Auffangfirma Protector die Zahlungen. Die würde wohl erst ins Schlingern geraten, wenn einer der ganz großen Anbieter k. o. ginge und sich keine Aufkäufer fänden - nach heutigem Stand ein eher unwahrscheinlicher Fall. "Richtig unter die Räder kommen also wohl weder Verbraucher noch die gut geführten Versicherungen", sagt Marktkenner Poweleit. "Aber die Branche hat ohne große Not das Image ihres Produkt-Klassikers verschlechtert. Sie hätte Vorsorgesparen nicht mit kurzfristiger Renditejagd verwechseln sollen." Dabei ist die Lebensversicherung bis heute das einzige Angebot am hiesigen Geldanlagemarkt, das relativ hohen Festzins und die Chance auf Mehr über lange Anlagezeiträume bieten kann. "Basisinvestment" nennt denn auch McKinsey-Berater Stephan Binder die lange Zeit als "ultralangweiliger Rendite-Tod" verspottete Police.

"Sicherheit mit Dividende - Lebensversicherung", versprach vor 20 Jahren ein graumelierter Herr in der Fernsehwerbung. Dazu hielt er demonstrativ ein Bündel Hundetmarkscheine in die Kamera. Wer damals als 30-Jähriger darauf vertraute und seither jedes Jahr 1.200 Euro in eine Kapitalpolice investiert hat, bekäme heute rund 50.000 Euro ausbezahlt. Mittlere Jahresrendite: 6,3 Prozent. "Verlust" durch den Börsencrash: 0,2 Prozent, also rund 2.000 Euro. Zumindest im Branchendurchschnitt. Wie viel mehr oder weniger bei Rendite, Service und Solidität herausspringt, hängt auch in Zukunft vom Anbieter ab - aber eben auch von Aktienkursen und Zinsen.

Sicher und teuer: Vor- und Nachteile von Lebensversicherunge

Vorteile:

* garantierte Mindestverzinsung über die gesamte Laufzeit (derzeit für alle Neuverträge 3,25 Prozent pro Jahr); * Chance auf höhere Verzinsung durch Überschussbeteiligung (Garantiezins plus Gewinnanteil); derzeitiger Branchendurchschnitt rund fünf Prozent pro Jahr; * jährliche (unverfallbare) Gutschrift der Überschussbeteiligung; * Insolvenzschutz für Kunden durch Branchen-Auffanggesellschaft Protector; * steuerfreie Auszahlung nach zwölf Sparjahren (auch als lebenslange Privatrente auszahlbar);

Neutral:

* Todesfallschutz (daher beispielsweise geeignet als Absicherung von Krediten oder als Hinterbliebenenversorgung); * Verknüpfungsmöglichkeit mit Berufsunfähigkeitsschutz;

Nachteile:

* teils hohe Verwaltungsgebühren; * hohe Vertriebsprovisionen; * Verlustgeschäft bei Kündigung in den ersten Einzahljahren (Tipp: Beitragsfreistellung statt Kündigung); * teils ungenügende Informationen zu Stand und Verlauf von Policen.

Frank Donovitz / print