Versicherungen Wenn Herr Kaiser klingelt


Beim nächsten Besuch des Versicherungsvertreters wissen Sie besser als er, was Sie wirklich brauchen und welche Police er getrost einpacken kann.

Haben Sie eine Rechtsschutzversicherung? Dann befinden Sie sich in großer Gesellschaft. Jeder zweite Deutsche hat diese Versicherung abgeschlossen, mit der er sich gegen die Kosten eines möglichen Gerichtsprozesses wappnen möchte. Nur: Standen Sie schon einmal vor dem Kadi, und haben ihre Rechtsschutzversicherung wirklich gebraucht? Nein? Sie zahlen also lieber ihre Beiträge für diese Police und hoffen, dass sie diese niemals in Anspruch nehmen müssen. Auch das ist nicht unüblich.

Die Deutschen lieben Versicherungen. Und sie lassen sich ihr Sicherheitsbedürfnis etliches kosten. Jeder Haushalt zahlte im vergangenen Jahr durchschnittlich 2.771 Euro für private Versicherungen, hat der Branchenverband der Assekuranz ausgerechnet. Das waren 106 Euro mehr als 2001. Bei so viel Vorsorge kann ja nichts schief gehen. Irrtum. Die Deutschen zahlen zu viel - vor allem, weil sie sich oft falsch versichern. "Je mehr Schutz ich habe, desto besser" klingt zwar beruhigend, führt aber in die Irre.

Versicherungen versprechen gegen Gebühr (Prämie) einen finanziellen Ausgleich für Schäden - wenn diese denn eintreten. Aber ob und in welchem Ausmaß Schäden auftreten, weiß niemand. Es handelt sich also um eine ungewisse zukünftige Entwicklung, ein Risiko. Und genau das schätzen die meisten Menschen oft völlig falsch ein - mal zu hoch, mal zu niedrig.

So werden die möglichen Kosten bei Rechtsstreitigkeiten offenkundig als sehr bedrohlich angesehen. Viel wichtiger ist es, sich mit der Frage zu befassen: Wie sichere ich meine eigene Arbeitskraft? Nur jeder zehnte Erwerbstätige hat nach Erkenntnissen des Bundes der Versicherten eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen. Dabei ist das Risiko statistisch gesehen hoch: Jeder Vierte wird im Laufe seines Arbeitslebens aufgrund von Krankheit oder Unfall berufsunfähig.

Tipp:

Die Versicherer bieten meist eine Berufsunfähigkeits-Zusatzversicherung, im Branchenjargon kurz BUZ genannt, zu einer Risikolebensversicherung an. Das ist in der Regel preiswerter als ein separater Berufsunfähigkeitsschutz. Es kommt also darauf an, nicht alles, sondern die wirklich wichtigen Dinge des Lebens abzusichern. Und da hapert es hierzulande nicht nur in Sachen BUZ.

So besitzt mehr als ein Drittel aller Haushalte keine private Haftpflichtversicherung. Das kann sich böse rächen. Wer anderen schuldhaft einen Schaden zufügt, ist laut Gesetz zum Schadenersatz verpflichtet. Dieser schlichte Rechtsgrundsatz kann leicht zum finanziellen Ruin führen, denn wer den Schaden verursacht, haftet grundsätzlich mit seinem gesamten Vermögen und - bis zur Pfändungsgrenze - auch mit seinem Einkommen. Mit dem Abschluss einer Haftpflichtversicherung lässt sich dies verhindern.

Tipp:

Die Versicherungssumme sollte möglichst drei Millionen Euro pauschal für Personen- und Sachschäden betragen. Sinnvoll ist auch die Vereinbarung einer gewissen Selbstbeteiligung.

Ein Muss ist auch die Absicherung von Krankheitskosten. Die Frage nach der richtigen Krankenversicherung - gesetzlich oder privat - ist heikel, denn die Entscheidung hat langfristige Folgen: Aus der privaten Krankenversicherung kann man kaum in die gesetzliche zurückwechseln. Beide Systeme haben ihre Vor- und Nachteile. Generell lässt sich sagen: Die gesetzlichen Krankenkassen haben breitere Leistungen beispielsweise bei psychischen Erkrankungen; die Familie ist zudem kostenlos mitversichert. Private Versicherer bieten hingegen oft ein höheres Niveau bei den Leistungen. Eine pauschale Empfehlung lässt sich nicht geben.

Tipp:

Gesetzlich Versicherte können eine private Zusatz-Police abschließen, mit der sie beispielsweise im Krankenhaus oder beim Zahnarzt wie ein Privatpatient behandelt werden.

Die Versicherungspraxis zeigt: Die meisten Menschen können die Wahrscheinlichkeit, dass ein bestimmtes Risiko eintritt, genauso wenig einschätzen wie die tatsächlichen finanziellen Folgen.

Versicherer sind darin Profis. Um das Risiko zu bestimmen, muss man zum einen wissen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass das Ereignis eintritt, und zum anderen, wie hoch der mögliche wirtschaftliche Schaden ist. Ganze Hundertschaften von Mathematikern berechnen dies anhand einer Formel: Ein Risiko ist die Eintrittswahrscheinlichkeit multipliziert mit der Höhe des Schadens.

Für die Verbraucher ist diese Risikorechnung ungleich schwieriger, denn sie haben kein statistisches Material über die Wahrscheinlichkeit bestimmter Risiken gesammelt. Manchmal hilft der gesunde Menschenverstand: Bevor Sie beispielsweise eine Reisegepäckversicherung abschließen, sollten Sie sich die Frage stellen, ob Ihnen im Urlaub schon einmal die Koffer gestohlen worden sind. Und ob Sie im Fall des Falles nicht selbst dafür aufkommen können.

Generell gilt: Versicherbar sind nur die wirtschaftlichen Folgen eines Risiko-Eintritts. Keine Versicherung kann beispielsweise das Todesfallrisiko abnehmen - Versicherte können lediglich dafür sorgen, dass die Hinterbliebenen wirtschaftlich abgesichert sind. Und: Es ist unmöglich, sämtliche Lebensrisiken abzusichern, wie es rund um das Auto mit einer Vollkasko-Versicherung möglich ist. Bei jedem einzelnen Risiko müssen Verbraucher also für sich ganz persönlich entscheiden, ob sie dieses oder jenes versichern wollen oder die Prämien sparen und im Schadenfall die Rechnung selbst begleichen. Denn: Wer konsequent Vermögen aufbaut, erreicht früher oder später eine Schwelle, ab der sich der Schaden bequem aus eigener Tasche bezahlen lässt.

Der stern hat zusammen mit dem Forschungsinstitut für Finanzdienstleistungen Evers & Jung ein Test-Tool "Welche Versicherungen Sie wirklich brauchen" erstellt (siehe gleichnamiger Artikel). Wenn Sie mit dessen Hilfe herausgefunden haben, was Sie benötigen, heißt der nächste Schritt, einen geeigneten Anbieter zu finden.

Wie viel Zeit - und Geld - Sie dafür aufwenden, sollten Sie von der wirtschaftlichen Bedeutung abhängig machen. Mit der Entscheidung für eine Berufsunfähigkeitsversicherung, mit der Sie sich für viele Jahre binden, sollten Sie sich intensiver befassen als mit der Optimierung einer Privathaftpflichtversicherung, bei der ein Wechsel eine Ersparnis von vielleicht 50 Euro im Jahr bringt. In der Fachpresse und im Internet findet sich eine Vielzahl von Versicherungsvergleichen, aus denen Verbraucher für ihren Bedarf geeignete Anbieter auswählen können. Vor Abschluss ist stets eine zweite Meinung hilfreich. So bieten die Verbraucherzentralen zu jeder Empfehlung aus den Medien oder vom Vermittler einen unabhängigen Gegencheck.

von Joachim Reuter print

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