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Christian von Boetticher Das Haferflockengeschäft war keineswegs immer klimafreundlich

Christian von Boetticher, Chef des Haferflockenherstellers Peter Kölln, beim Bäumepflanzen
Christian von Boetticher, Chef des Haferflockenherstellers Peter Kölln, beim Baumpflanzen in Schleswig-Holstein. Bäume sind das Beste Mittel für eine positive CO2-Bilanz, doch Unternehmen dürfen sie nicht in ihren CO2-Haushalt aufnehmen. Der Baum steht auf deutschem Boden und wird daher der CO2-Bilanz der Bundesrepublik zugerechnet.
© Peter Kölln / Hersteller
Der Haferflockenhersteller Kölln hat seine CO2-Neutralität ausgerufen. Keine große Sache beim Hafer, möchte man meinen, doch für die ausgeglichene Klimabilanz mussten die Elmshorner ins ferne Amazonasbecken gehen. 

Peter-Kölln-Chef Christian von Boetticher (51) kann auf eine beeindruckende Karriere zurückblicken: Von 1999 bis 2004 war er Abgeordneter des Europäischen Parlaments, von 2005 bis 2009 Minister für Landwirtschaft, Umwelt und Ländliche Räume in Schleswig-Holstein, ab Juli 2009 auch Minister für Soziales, Gesundheit, Familie und Senioren und stellvertretender Ministerpräsident, von 2009 bis 2011 Fraktionsvorsitzender der CDU-Landtagsfraktion und von 2010 bis 2011 auch Parteivorsitzender der CDU Schleswig-Holstein. Seit 2015 ist er Geschäftsführer des Lebensmittelherstellers Peter Kölln und treibt dort unter anderem die Nachhaltigkeit des Mittelständlers voran. 

Herr von Boetticher, Kölln könnte seine Packungen mit Nachhaltigkeits-Aufklebern pflastern. Stattdessen übt man sich in kleingedruckter Zurückhaltung. Warum?

Wir sind ein Familienunternehmen und wie in allen familiengeführten Firmen, denken wir über Generationen hinweg. Im gewissen Sinne liegt Nachhaltigkeit also in unserer DNA. Es ist so selbstverständlich, dass wir es lange für nicht so erwähnenswert hielten. Nachhaltigkeit erstreckt sich bei uns von jeher auf gute Arbeitsbedingungen.

Also so etwas wie soziale Nachhaltigkeit?

Ja, könnte man sagen. Die Gesellschafter haben zum Beispiel einen Verein gegründet, um unverschuldet in finanzielle Not geratene Mitarbeiter zu unterstützen. Flexibel Arbeitszeiten gehören schon lange bei uns zum Arbeitsalltag, ebenso die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.  Was in vielen Unternehmen heute als Neuerung gefeiert wird, ist für uns seit Jahrzehnten gelernte Praxis. Die letzte betriebsbedingte Kündigung in den Köllnwerken gab es 1927 zur Weltwirtschaftskrise.

Und die ökologische Komponente?

Die Initiative zu mehr Nachhaltigkeit kam vor über zehn Jahren aus den Reihen der Belegschaft. Zertifiziertes Palmöl aus nachhaltigem Anbau gibt es bei uns seit über zehn Jahren, seit 2013 gilt das auch für den Schokoladenanbau und seit 2014 für die Energieversorgung der Firma aus erneuerbaren Energien.

Und was macht das Management?

Ich bin seit 2015 im Unternehmen, meine Aufgabe ist es, die vielen Projekte und Bestrebungen rund um soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit zu einem Gesamtkonzept zu formen. Wir schauen uns derzeit alle Bereiche des Unternehmens hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeit an.

Wie sieht das konkret aus?

Wir sind vom Zentrum für nachhaltige Unternehmensführung in Witten/Herdecke zertifiziert worden. In 44 Einzeltools stellt man dort jeden Aspekt seines Unternehmens auf den Prüfstand. Von Einkauf, Vertrieb, Marketing bis zur Produktion und Energieverbrauch. Und das nicht nur ein Mal. In jährlichen Evaluationen müssen wir nachweisen, dass das Unternehmen in den Prüfkriterien tatsächlich besser geworden ist, um unsere Zertifizierung aufrecht zu erhalten.

Kölln macht in Hafer, also ein Naturprodukt. Ist der denn nicht schon nachhaltig an sich?

Hafer selber ist eine bodenschonende Frucht. Das Produkt ist nachhaltig, nur seine Logistik war es lange nicht. Früher beschaffte man sich Hafer auf dem Weltmarkt aus Australien zum Beispiel. Wir haben uns dann schon vor längerem entschieden, Hafer aus Schweden und Finnland zu beziehen, den beiden größten Haferproduzenten in Europa. Die Wege waren kürzer und logistisch einfacher. Mittlerweile setzen wir uns seit Jahren dafür ein, dass der Hafer-Vertagsanbau in Deutschland ausgebaut wird. Und das ziemlich erfolgreich:  Rund 70.000 Tonnen Hafer verarbeiten wir im Jahr. 28 Prozent davon kommen inzwischen aus Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg. Und unseren Bio-Hafer beziehen wir übrigens schon zu 100 Prozent aus Norddeutschland. Natürlich hat uns die Richtlinie der EU in die Karten gespielt, als sie Fruchtfolgen in der Landwirtschaft verlangte. Dort, wo bodenintensive Gewächse wie Raps und Mais angebaut werden, mussten schonende Früchte im Wechsel folgen. Hafer bot sich da an.

Das Haferflockenwerk Petr Kölln in Elmshorn
Peter Kölln ist ein Scheinreise, der kleiner wird, je näher man ihm kommt. Das Unternehmen kann in Sachen Markenbekanntheit locker mit Großkonzernen wie Beiersdorf mithalten, ist von der Größe allerdings nur ein Mittelständler.
© Peter Kölln / Hersteller

Das klingt doch im Sinne der Nachhaltigkeit großartig.

Ja, aber der Weg war schwierig. Die Landwirte in Schleswig-Holstein kamen auf uns als großen Haferverarbeiter zu. Mit ihrem Hafer mussten sie jedoch gegen die hervorragenden Qualitäten aus Finnland behaupten. Die Finnen sind Haferprofis, die bauen fast nichts anderes an. Bis Landwirte aus Norddeutschland da mithalten konnten, waren einige Anläufe notwendig. Mittlerweile bezieht Kölln Hafer von 16 Vertragslandwirten im Norden. Jeder muss mindestens 300 Tonnen in hoher Güte liefern können. Das schaffen nur größere Betriebe.

Schmecken die unterschiedlichen Qualitäten denn anders?

Nein, die fertige Haferflocke in der Kölln-Tüte schmeckt stets gleich. Qualität meint, wie leicht sich der Hafer von den Mühlen verarbeiten lässt. Guter trockener Hafer ist deutlich schneller verarbeitet als zum Beispiel feuchter. Für den Flockenhersteller macht das wirtschaftlich einen gravierenden Unterschied. Der Vorteil der skandinavischen Länder sind die dort im Schnitt trockeneren Sommer.

Es gibt kaum Bio-Produkte von Kölln. Wie kommt das? Bei anderen Herstellern gilt das Wort bio auf der Packung als verkaufsfördernd.

Bei Bio-Produkten haben wir stark aufgeholt: Wir haben eine eigene Bio-Linie bei den Getreideflocken eingeführt, unseren Haferdrink komplett auf Bio umgestellt, und bei den Bio-Haferflocken sind wir sogar Marktführer. Zudem haben wir die Bio-Produkte aus unserem Bereich aus dem Nischenregal in die Hauptregale des Lebensmitteleinzelhandels geholt.

Viele Hersteller führen in ihrem Nachhaltigkeitsversprechen auch stets das „fair“ im Munde. Fairer Umgang mit den Zulieferern zum Beispiel. Auch Kölln. Der Begriff ist windelweich. Was versteht Kölln denn darunter?

Wir setzen uns für regionalen Vertragsanbau ein, bei dem jeder Anbauer ein individuelles Angebot erhalt. So kann er langfristig kalkulieren und sich langfristig auskömmliche, vom Weltmarkt unabhängige Preise sichert. Auch die Frage nach der Kontrolle der Lieferkette beschäftigt uns. Als Mittelständler haben wir keine Möglichkeit, Lieferketten in der Tiefe nachzuprüfen. Aber wir haben zum Beispiel eine Null-China Politik. Das klingt erstmal hart…

Nein, das klingt eigentlich eher eigenartig. Welche Überscheidungen hat denn ein mittelständischer Haferflockenhersteller aus Elmshorn mit China?

Es geht hier nicht um Hafer, sondern um jene Hafer-Produkte wie Müslis, die zusätzliche Zutaten benötigen wie zum Beispiel diverse Früchte, Schokolade oder Kurkuma. Die Chinesen drängen auf diesem Markt mit Preisen, die oft unschlagbar günstig sind. Auch im Bio-Bereich. Aus China kommt Bio-Ware zu sagenhaft günstigen Einkaufspreisen. Kaufmännisch ist das zwar wunderbar und absolut legal. Allerdings haben wir weder Einfluss noch Einsicht in die Herstellungs- und Arbeitsbedingungen vor Ort. Wir haben uns selber die interne Richtlinie auferlegt, nur mit Produzenten zusammen zu arbeiten, die gewährleisten können, dass unter fairen Bedingungen produziert und gerechte Löhne an die Arbeitnehmer gezahlt werden. Daher lassen wir das von vornherein. Lieferketten gehören ja ebenfalls zum Pflichtenheften der Nachhaltigkeits-Zertifizierung. Schwieriges Terrain für kleine Unternehmen.

Das hört sich so an, als hätte Köln dafür eine Stabsstelle-Nachhaltigkeit aufbauen müssen.

Wir haben seit 2018 tatsächlich einen Manager für Nachhaltigkeit, der bei uns alles koordiniert und Projekte in diesem Bereich vorantreibt.

Kölln vermelde jüngst, klimaneutral am Standort Elmshorn zu sein. Schwer vorstellbar für einen verarbeitenden Industriebetrieb.

Wir sind stolz, dass wir dieses Ziel deutlich früher erreicht konnten, als wir es ursprünglich geplant hatten. Durch gezielte Maßnahmen konnten wir den CO2-Ausstoß kräftig reduziert. Letztendlich sind wir aber ein Industrieunternehmen und können nach dem heutigen Stand der Technik nicht alle Emissionen vermeiden. Die sog. „unvermeidbaren“ Emissionen kompensieren wir mit internationalen Klimaschutzprojekten, die den verursachten CO2-Ausstoß in gleicher Menge absorbieren.

Also Bäume pflanzen?

Das machen wir zusätzlich auch noch. Zusammen mit unsrem Partner, Gut Panker, pflanzen wir in den kommenden fünf Jahren 30.000 Bäume in Schleswig-Holstein an. Dieses zahlt aber nicht auf unsere Klimabilanz ein, weil sich bereits die Bundesrepublik Deutschland jeden gepflanzten Baum und Strauch auf ihr CO2-Guthabenkonto schreibt, und doppelt abzubuchen nicht gilt. Wiederbewaldung ist jedoch das Beste, was man überhaupt für die CO2-Billanz tun kann. Und so haben wir uns entschieden, uns hier auf freiwilliger Basis zusätzlich zu engagieren.

Es dürfte doch genügend Aufforstungsprogramme weltweit geben, der Regenwald zum Beispiel.

Das stimmt. Doch als wir uns verschiedene Regenwaldprojekte genauer angeschaut haben, mussten wir feststellen, dass einige davon nicht unseren Ansprüchen genügten. Zum Beispiel wurden schnellwachsende Gehölze angebaut. Klar, die Bäume binden zwar rasch CO2, doch aus Sicht der Nachhaltigkeit ist das doch absurd. Wir sprechen hier vom Anbau einer Monokultur. Nicht alles, was dem Klima hilft, ist auch nachhaltig.

Und nun?

Nun unterstützen wir über Climatepartner ein Paranuss-Projekt im Amazonasbecken. Der Paranussbaum wächst langsam und lässt sich nur schwer kultivieren, im Sinne der Nachhaltigkeit ist das gut. Zugleich stellt er die wirtschaftliche Grundlage vieler Kleinbauern in der Region. Wir unterstützen damit also Natur und Menschen gleichermaßen.


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