HOME

Weinwirtschaft: Winzer: Mit Weinaktien auf Kundenfang

Edle Rebsäfte sind als Dividende der besonderen Art im Kommen. Weiterer Nebeneffekt dieser Genuss-Investiton: Die Landschaften werden gerettet.

Von den Erträgen seiner Aktien kann sich mancher Börsianer derzeit nicht einmal eine Flasche Mineralwasser kaufen, geschweige denn einen Wein. Doch edle Rebsäfte sind als Dividende der besonderen Art im Kommen. Winzer entdecken Wertpapiere als Mittel, um Kunden an sich zu binden. Die Mosel-Weinberg Aktiengesellschaft AG (MW-AG) etwa ist an keiner Börse notiert, doch ihren Teilhabern garantiert sie ein Fläschchen Wein (0,375 Liter) pro Jahr. Als der Präsident des Weinbauverbandes Mosel-Saar-Ruwer, Adolf Schmitt, 1997 die AG ins Leben rief, hatte er nicht etwa einen Werbegag im Sinn.

Neue Flächen kaufen

Schmitt will mit dem Geld der verkauften Aktien neue Flächen kaufen und die Weinkulturlandschaft im größten zusammenhängenden Riesling-Steillagengebiet der Welt retten. Das Prinzip ist simpel: Ein Investor kauft eine Aktie für 150 Euro und wird - anders als bei Pacht- oder Leasing-Verträgen für Rebstöcke - gesetzlich abgesicherter Weinberg-Miteigentümer. Bewirtschaften muss er die Rebflächen nicht - und zapft trotzdem Wein ab. Tafeln in den Steillagen an der Mosel zieren Namen wie der von Schlagersänger Udo Jürgens oder Japans Ministerpräsident Junichiro Koizumi.

Kunden an sich binden

Experten beim Deutschen Weinbauverband und beim Deutschen Weininstitut (DWI) begrüßen solche Marketing-Strategien von Winzern. Das Land Rheinland-Pfalz würdigte die Idee von der Mosel mit einem Marketing-Preis. »So bindet ein Winzer Kunden an sich und hat stets einen Vorwand, ihnen etwas mitzuteilen - und wer jedes Jahr eine Flasche als Dividende kriegt, kauft sicher weitere zum Vorzugspreis«, meint Weinexperte Steffen Schindler vom DWI in Mainz. Solche Systeme setzen sich allmählich durch.

Genuss-Scheine

Im Fall der Mosel-Winzerin Sybille Kuntz aus Bernkastel-Lieser wirft das Kundenbindungsystem satte Gewinne ab. Sie druckte 1994, um ihren Betrieb zu vergrößern, »Genuss-Scheine« für damals jeweils 1.000 Mark (511 Euro) das Stück. Die Zinsen für die Anleger zahlt sie in Wein aus. "Meist sind das Leute, die ein bisschen Spielgeld haben und ohnehin gern Wein trinken", so Kuntz.

Laufzeiten für Rebstöcke

Im Rheingau verkaufen eine ganze Reihe Weingüter Rebstöcke zwischen 26 und 140 Euro das Stück und garantieren dafür pro Rebstock und Jahr für eine Laufzeit zwischen 5 und 15 Jahren eine Flasche Wein. Das Weingut Korrell Johanneshof in Bad Kreuznach beispielsweise verteilt Besitzurkunden für einen Wein-Safe, in dem Lieblingsweine für eine bestimmte Dauer von Jahren gelagert werden.

Toplagen liegen brach

"Je mehr Investoren wir finden, desto eher können wir die wertvollen Riesling-Steillagen an der Mosel erhalten", meint Weinbaupräsident Schmitt. Mehr als 500 Hektar Toplagen liegen brach, weil für die aufwendige Bewirtschaftung das Geld fehlt. Die AG versteht sich deshalb als moderne Form des Flächenmanagements. Ins Programm geschrieben haben sich die Gesellschaft außerdem die Veredelung der Tropfen zu spritzigen Sekten und Weinbränden. In diesem Herbst wollen sie erstmals die »S«-Klasse - so der Arbeitstitel - trockener Rieslingweine auf den Markt bringen.

Wichtig: Umweltschonender Anbau

Das »S« soll die schon eingeführten Marken »Selection« und »Classic« toppen. Wichtig ist neben der sehr langen Vegetationszeit, in der sich Mineralstoffe ansammeln, das großzügige Ausdünnen "nicht so schöner Trauben" und der umweltschonende Anbau, berichtet Schmitt. Der Wein wird besonders schonend gekeltert. Trauben werden praktisch nicht mehr bis zum letzten Tropfen ausgepresst. Die lange Gärung und Reifung des Weins soll für eine besonders harmonische Säure sorgen und den Weinaktienbesitzern wohl bekömmlich sein.

Keine satten Gewinne

Seit ihrem Start hat die MW-AG Aktien an 2.000 Besitzer in 23 Ländern verkauft, vor allem an Deutsche und Japaner. 1.000 neue Namenspapiere folgten letzten Sommer zur Kapitalerhöhung. Mit saftigen Gewinnen freilich ist nicht zu rechnen. Die AG, zu 96 Prozent im Eigentum des Königlichen Sächsischen Wein- und Sektkontors S.A. in Luxemburg, schreibt rote Zahlen.