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Werner Müller: "Wir brauchen neue Zechen"

Der Chef der Ruhrkohle AG spricht mit dem stern über den Boom der Kohle, die Zukunft des Bergbaus in Deutschland und Milliardensubventionen vom Staat.

Herr Müller, endlich sinken die jährlichen Subventionen der Steuerzahler für die Kohle von drei auf 1,8 Milliarden Euro. Und Sie wollen jetzt neue Zechen bauen?

Der Staat bestellt bei uns Energiesicherheit. Viele halten das für überflüssig. Nicht so die Bundesregierung, aber sie reduziert die Bestellmenge bis 2012. Weitere Zechenschließungen sind notwendig. Inzwischen ändert sich die Lage auf dem Kohlemarkt dramatisch. Die Preise für Koksimporte sind explodiert. Noch vor fünf Jahren war Deutschland autark, wir konnten die Stahlindustrie vollständig aus deutscher Kohleproduktion versorgen. Dann glaubte man, Koks und Kokskohle gäbe es immer problemlos und billig vom Weltmarkt, weshalb wir diese Produktion weitgehend schließen mussten. Deutschland besitzt eine Milliarde Tonnen gute Kokskohle. Da stellt sich die Frage nach neuen Kokskohlezechen und Kokereien, um wieder unabhängig vom immer knapperen Weltmarkt zu werden.

Kohle gibt es auf der Welt noch für Hunderte von Jahren. Die Preise werden doch kaum auf dem jetzigen Niveau bleiben.

Die Leitwährung für Energie ist Öl. Und das wird systematisch teurer. Außerdem schränken die großen Kohleexporteure Indien und China die Lieferungen immer weiter ein. Sie brauchen den Rohstoff selbst. Der Preis pro Tonne Kraftwerkskohle hat sich gegenüber dem letzten Jahr von 35 auf 60 Euro erhöht. Noch extremer war die Entwicklung bei der Kokskohle, aus der Koks für die Stahlwerke gewonnen wird. Die kostete zeitweise 170 Euro und ist vielfach gar nicht zu bekommen. Wenn das so weitergeht, werden viele Stahlhersteller dahin abwandern, wo der Koks ist: nach Asien. Der Trend zur Deindustrialisierung Europas kann durch die Koksknappheit enorm beschleunigt werden.

Sie würden gern eine neue Zeche nördlich von Hamm bauen. Auch dafür soll wieder der Staat aufkommen, obwohl Sie bei den hohen Weltmarktpreisen gute Gewinne machen. Finden Sie das nicht reichlich unverschämt?

Wenn die Kokspreise 15 Jahre lang auf dem Weltmarkt so teuer blieben oder jemand Koks so lange für rund 250 Euro pro Tonne kauft, wäre eine neue Zeche plus Kokerei staatsfrei sehr profitabel. Diese Garantie kann die Wirtschaft nicht geben. Deswegen sind wir bereit, eine neue Kokskohlenzeche zu bauen, wenn es eine Risikoteilung gibt. Wir können deutschen Koks aus neuen Anlagen zu unseren Kosten liefern, selbst wenn der Weltmarktpreis doppelt so hoch ist. Bedenkt man, dass in der Metallverarbeitung über eine halbe Million Menschen beschäftigt sind, so sollten Wirtschaft und Politik über solch ein Angebot der Risikoteilung nachdenken. Sehen Sie sich das Airbus-Modell an: Hätte der Staat das wirtschaftliche Risiko in den 70er Jahren nicht getragen, wäre Airbus heute nicht Weltmarktführer bei Passagierjets.

Der Staat soll also die neuen Zechen und Kokereien finanzieren, und wenn sie Gewinne machen, fließt das Geld zurück?

Das ist für eine neue Kokskohlenzeche sinnvoll, aber das muss keine rein deutsche Angelegenheit sein: Die Stahlindustrien unserer europäischen Nachbarn leiden genauso. In Frankreich wird gerade die letzte Zeche geschlossen. Europa muss sich nur unserer riesigen Reserven erinnern und kann sich finanziell beteiligen.

Und wieso zahlt nicht Ihr Abnehmer, die Stahlindustrie?

Den Ausbau unserer Kokerei Prosper werden wir gemeinsam mit der Stahlindustrie stemmen - staatsfrei. Wir reden hier von rund 300 Millionen Euro. Wenn alles gut läuft, kommt Anfang 2007 der erste Koks von zusätzlich 1,3 Millionen Tonnen aus der Kokerei Prosper. Wir müssen sie aber mit Importkohle betreiben.

Momentan sprudeln bei Ihnen die Einnahmen. Brauchen Sie überhaupt im nächsten Jahr die drei Milliarden Euro als Subventionen?

Wir liefern mit längerfristigen Verträgen Koks und Kohle unter den aktuellen Weltmarktpreisen. Aber selbstverständlich ist richtig: Bleiben die Preise hoch, sinken die staatlichen Kohlehilfen unter Plan und entlasten die Haushalte.

Das dürfte den Finanzminister freuen. Unterstützt Sie die Politik bei dem Versuch, im Ruhrgebiet wieder eine Zeche aufzumachen?

Ich bin nicht sicher, ob genügend Politiker in der Lage sind, solche langfristigen Entscheidungen zu treffen und auch durchzuhalten. Wir beobachten in Deutschland eine Anti-Kohle-Stimmung, weil immer weniger die Kosten der deutschen Kohleförderung als Prämie für die Versorgungssicherheit akzeptieren. Zur Modernisierung des Ruhrgebiets gehört - wenn es nach Rüttgers von der CDU geht - die Abschaffung des Bergbaus. Er nimmt in Kauf, dass dann Stahlerzeugung, Metallverarbeitung und Stromerzeugung abwandern.

Und was sagt Kanzler Schröder dazu?

Auch in Energiefragen denkt Bundeskanzler Schröder langfristig und nicht populistisch. Schröder muss sich schon rechtfertigen, dass er bei uns überhaupt noch die Produktion von Energiesicherheit bis 2012 bestellt hat. Wir werden die Zechenschließungen noch bereuen, so wie wir jetzt die stillgelegten Kokskohlezechen schmerzlich vermissen und viel teurere Importe bezahlen müssen.

Wollen Sie auch wieder mehr Kohle zur Stromerzeugung in Kraftwerken fördern?

Das strategische Ziel müsste sein: 100 Prozent Selbstversorgung mit Koks und 15 bis 20 Prozent Anteil an der deutschen Stromerzeugung. Dafür brauchten wir insgesamt rund 30 Millionen Tonnen Kohle im Jahr - mehr, als wir jetzt fördern. Und ich sage ausdrücklich: Wenn wir beim Ausstieg aus der Kernenergie bleiben, muss der Anteil noch höher sein.

Also brauchen wir auch neue Zechen für die Kraftwerkskohle?

Meiner Meinung nach: Ja. Aber das entscheidet allein die Politik.

Würde eine solche "Kohlewende" neue Arbeitsplätze bringen?

Sie würde viele Arbeitsplätze bei Stahl, Metall, stromintensiven Betrieben und im Bergbau sichern.

Ist der Preis neuer Zechen angesichts der Umweltschäden nicht zu hoch?

Die Bergbauschäden zu beheben kostet im Jahr rund 60 Millionen Euro, 90 Prozent davon sind Schäden unter 5000 Euro. Natürlich verändert der Kohleabbau die Landschaft, aber die Folgen sind vertretbar. Wenn die Gesellschaft eine sichere und günstige Energie haben will, muss sie das akzeptieren.

Bleibt der hohe CO2-Ausstoß von Steinkohlekraftwerken: Das sind richtige Dreckschleudern.

Einspruch. Der Wirkungsgrad wird immer besser. Außerdem ist das Argument heuchlerisch. Importieren wir den Strom, muss das Ausland die Lasten tragen - frei nach dem Sankt-Florians-Prinzip. Wäre das etwa besser oder gerechter?

Also wird es 2010 die neue Zeche "Minister Müller" samt Kokerei und Kraftwerk geben?

Wenn das entschieden wird, sollte die Zeche nach weitsichtigen Politikern benannt werden.

Interview: Rolf-Herbert Peters und Jan Boris Wintzenburg / print