Stern.de-Kolumnist Scheibe trifft sich nach langer Abstinenz endlich einmal wieder mit Jörgi, Cookie und Robert. Thema des neuen PC-Smalltalks sind einmal mehr die Anwender. Nach der Meinung der selbst ernannten "Experten" werden sie immer dümmer.

© Carsten Scheibe
Wir treffen uns dieses Mal in der neu aufgemachten "Knödelstube" in Falkensee. Das Restaurant bietet schlesisch-böhmische Kost zu moderaten Preisen. Bei einem Dunkelbier aus dem ehemaligen Ostblock konsultieren Cookie, Robert und Jörgi die umfangreiche Speisekarte. Ich habe mich bereits für eine dicke, fette Kohlroulade entschieden. Meine verstorbene Oma hat sie früher immer gemacht. Und da sie auch aus der schlesischen Ecke stammte, schließt sich hier der Kreis wieder.
Jörgi bestellt sich als Vorspeise ein Knoblauchbrot - er weiß nicht, dass die hier in der "Knödelstube" gerne eine ganze Knolle aufs Brot reiben. Da wird er zu Hause wohl im Gästezimmer schlafen müssen. Seine Frau versteht da absolut keinen Spaß, wenn er aus allen Poren stinkt. Jörgi schlürft an seinem Bier und eröffnet die Runde: "Wisst ihr noch, wie wir damals angefangen haben, zum allerersten Mal den Computer zu erkunden?"
Wir nicken alle, der Blick verliert sich in vergangene Zeiten. Ich muss an mein allererstes Graustufen-Notebook denken, das damals noch mit einem XT-Prozessor ausgestattet und schwer wie ein halber Reisekoffer war.
Jörgi fährt fort: "Damals haben wir absolut nix kapiert. Das war echt frustrierend, wenn man wieder einmal aus Versehen beim Aufräumen der Verzeichnisse die Festplatte formatiert oder seine persönlichen Daten gelöscht hat. Nur haben wir uns das eigene Trauma damals nicht lange bieten lassen. Wir haben Magazine wie "Computer Live" und "DOS International" gelesen, die kundigen Kumpels immer wieder mit neuen Anrufen belästigt und darüber hinaus so lange gefrickelt und gefummelt, bis wir es endlich gerafft haben, das mit den Bits und Bytes. Beim Karate bekommt man den Schwarzen Gürtel ja auch nicht geschenkt, den muss man sich verdienen. So ist es am Computer auch. Wir sind alle durch das Tal der Tränen gegangen. Aber jetzt wissen wir wenigstens, wo der Prozessor seine Einsen einsammelt."
Jörgi wollte noch weitersabbeln, aber Robert stopfte ihm seine Knoblauchstulle tief in die Kauleiste und unterbrach so den Wortfluss: "Weiß ich doch. Kenn ich doch. Hast du uns extra hier zusammengetrommelt, um deine ersten Computererfahrungen zum tausendsten Mal zu wiederholen?"
Jörgi kaute verbissen: "Fie find fo fumm!"
Drei fragende Gesichter schauten den Mann mit der Knoblauchstulle zwischen der Nasenspitze und dem Kinnbart an. Der kaute schnell zu Ende. Und begann noch einmal von vorne: "Die sind alle so dumm heute."
Wir schauten noch immer fragend.
Jörgi spülte die letzten Reste des Brotes mit seinem Bier herunter und rülpste so laut, dass das Blumengedeck auf dem Tisch sofort die Köpfe hängen ließ. Den Knoblauch hätte man aus der Luft heraus löffeln können.
"Heutzutage haben immer mehr Leute einen Computer. Nur nutzen sie ihn gar nicht mehr richtig. Sie schreiben Briefe. Oder sie raubkopieren CDs. Oder sie surfen im Internet. Diese eine Tätigkeit beherrschen sie auf einem absolut dilettantischen Level. Aber wehe, sie stoßen auf ein Problem. Dann ist sofort das Ende der Welt nahe."
Robert nickt: "Ich weiß genau, was du meinst. Ich hatte da letztens einen wirklich beispielhaften Fall. Da zieht eine Familie in ein neues Haus. Der Sohn der Familie gilt in seiner Sippe als ausgewiesener Kenner. Er baut alle Rechner neu auf, verkabelt sie und beschwert sich anschließend lautstark, dass die nagelneuen ISDN-Leitungen nicht auch nur ansatzweise funktionieren. Zweimal rückt deswegen ein Techniker der Telekom an. Zweimal erklärt der Techniker nach einer umfangreichen Prüfung, dass die Leitungen in Ordnung sind. Nachdem der Sohn eine ganze Nacht vor dem Rechner zugebracht hat, habe ich mich in die Sache eingeklinkt. Ihr ratet nie, was die Ursache für das Problem war."
Cookie hob die Achseln: "Kabel nicht in die ISDN-Buchse gesteckt?"
"Gut gedacht", sagte Robert, der weiß, dass sich 50 Prozent aller User-Probleme mit dem Kabel-Tipp bewältigen lassen. "Aber es war etwas anderes: Der junge Mann hatte überhaupt gar keinen Internet-Account. Dem fehlte ganz einfach der Provider und damit auch die Zugangstelefonnummer ins Internet. Vor dem Umzug hatte der wohl immer einen vorkonfigurierten T-Online-Account. Da reichte immer ein Mausklick aus, um online zu gehen. Vor dem Umzug wurde der Account abgemeldet, aber kein neuer beantragt."
Cookie war neugierig: "Und? Was nun?"