27. Juni 2007, 16:34 Uhr

Den Generationen auf der Spur

Woher komme ich, wer sind meine Vorfahren? Ahnenforschung liegt im Trend, benutzt Computerprogramme und Internetangebote als wichtige Werkzeuge. Doch längst nicht alle Hobbygenealogen sind bereit für digitale Hilfe. Von Thomas Krause

Das gerade gestartete Stammbaum-Website verwandt.de versucht, mit freundlicher Optik auch junge Menschen für Ahnenforschung zu interessieren©

Im Stadtteilzentrum in Hamburg-Eimsbüttel geht es zum Seniorentreffpunkt hinter dem Eingang gleich nach rechts. Doch die Räume liegen verlassen da, nur ein Gehwagen parkt ordnungsgemäß in einer Lücke zwischen Blumenkübel und Glastür. Die Senioren, die an diesem Tag ins Hamburg-Haus kommen, zieht es direkt in den Hermann-Bossdorf-Saal. Denn hier stehen die meisten Stände der 7. Norddeutschen Computergenealogie-Börse, einem Treffen derjenigen, die für die Suche nach Vorfahren nicht nur alte Chroniken wälzen, sondern auch Rechner nutzen.

Dieter Sommerfeld steigt auf einen Stuhl und bittet mit lauter Stimme um Aufmerksamkeit. Dem schlanken Mann mit grauen Haaren und weißem Kinnbart sieht man seine 70 Jahre nicht an. Und das liegt nicht nur daran, dass er auf dem Stuhl steht. "Wir haben gleich mit Hans Jürgen Wolf den Experten für Familienforschung in Westpreußen an unserem Stand. Er wird gerne Ihre Fragen beantworten", sagt Sommerfeld.

Schnell stehen Zuhörer und Fragensteller im Halbkreis um Wolf, dessen hagere Gestalt an einem Bistrotisch lehnt. Durch die Brusttasche seines weißen Oberhemdes schimmert eine Packung HB-Zigaretten, während der grauhaarige Brillenträger bereitwillig Fragen beantwortet. Immer wieder betont Wolf die Vorzüge von Internetseiten gegenüber Büchern zur Ahnenforschung. Als die Fragen an den Experten seltener werden, erkundigt sich eine Frau: "Wie hieß noch einmal das Buch, das sie empfohlen haben?"

Nachbarschaftshilfe im Archiv

Sommerfeld ist im Gegensatz zu der Zuhörerin von den Möglichkeiten des Internets bei der Familienforschung überzeugt. Er selbst betreibt mit seinem Verein "Überseespatzen" ein Forum, in dem sich Hobby-Ahnenforscher speziell zur Auswanderung nach Übersee austauschen können. Gedacht ist das Ganze auch als eine Art Nachbarschaftshilfe. "Wir versuchen mithilfe unserer Mailingliste Kontakte herzustellen. Wenn jemand etwa zu seinem eigenen Familiennamen forscht und vielleicht eher zufällig auf den Familiennamen eines befreundeten Familienforschers trifft, schreibt er die gefundenen Angaben oft mit auf und gibt sie weiter", sagt Sommerfeld.

Im Saal werden mehr Bücher als DVD-Rom angeboten, werben mehr Fachverlage als Anbieter von Internetseiten zum Thema. So liegen Nachdrucke von Kirchenbüchern neben Büchlein zum Selbstausfüllen, auf denen in Fraktur-Schrift "Meine Ahnen" steht. Anscheinend tun sich Familienforscher mit moderner Informationstechnologie noch etwas schwer. Nur Computer-Programme zum Erstellen von Stammbäumen oder Telefonbücher für das Deutsche Reich, Ausgabe 1944 "inklusive aller deutschen Ostgebiete", auf DVD interessieren zumindest einige der Familienforscher.

Nur die Hälfte nutzt das Internet

Der "CompGen - Verein für Computergenealogie" ist fast schon eine Ausnahmeerscheinung auf der Börse. "98 Prozent unserer Mitglieder besitzen einen Internetanschluss", sagt der Vereinsvorsitzende Klaus Peter Wessel. "Bei den meisten anderen Vereinen für Familienforschung sind es nur um die 50 Prozent". Dennoch kann sich der 46-Jährige über mangelnden Zuspruch auf dem Treffen in Hamburg-Eimsbüttel nicht beklagen. Unermüdlich erklärt Wessel mit Unterstützung von Informatiker Jesper Zedlitz die Funktionen und Vorzüge von GenWiki. Neben der Vernetzung der Vereinsmitglieder und anderer Interessierter sind vor allem die zahlreichen Datenbanken eine Stärke des Vereins. In ihnen lassen sich etwa die historische Angaben ganzer Orte recherchieren, sind historische Adressbücher erfasst oder werden aktuelle Familienanzeigen aus Tageszeitungen gesammelt. "Die Familienanzeigen sind jetzt vielleicht noch nicht für die Familienforschung von gesteigertem Interesse", sagt Wessel. "Sehr wohl aber in einigen Jahrzehnten". Dieser Ansatz scheint symptomatisch für Familienforscher: Sie denken nicht nur an sich und ihre Forschung, sondern auch an jetzige und zukünftige Genealogie-Interessierte.

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