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"Tatort"-Kritik: Wenn der Polizist zum Henker wird

Kokain-Dealer und Drogenfahnder werden erschossen, Polizisten geraten unter Verdacht, sich bereichert zu haben: "In eigener Sache", die zweite "Tatort"-Folge mit den Stuttgartern Lannert und Bootz, ist aber nicht so krawallig wie es scheint, sondern eine feine Betrachtung über den Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit.

Von Kathrin Buchner

Eine Schießerei in einem Stuttgarter Hotelzimmer: Danach hat nicht nur der Drogen-Großhändler El Zhar ein Loch in der Brust, ein weiterer Dealer und auch zwei Ermittler lassen ihr Leben. Der Kokain-Deal eskaliert zu einer wilden Schießerei, die Fronten verwischen, die Abläufe sind unklar. Als die beiden "Tatort"-Kommissare Torsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) am Schauplatz eintreffen, finden sie zwei Polizei-Kollegen, die Fahnder Sven Wippermann (Charly Hübner) und Jürgen Wolf (Bernd Gnann), der eine ein Häufchen Elend, der andere relativ cool und abgebrüht.

Das ist die plakative Szenerie, vor der Regisseur Elmar Fischer zum zweiten Mal das neue Stuttgarter Ermittlungsduo auflaufen lässt. Doch Slapstick-Einlagen und Sportwagen fehlen diesmal, "In eigener Sache" geht tiefer als der erste Auftritt von Lannert und Bootz. Es geht um Bereicherung und Amtsmissbrauch, eine Thematik, die schon einige Male im populären Sonntagabendkrimi behandelt wurde. Aber diesmal ist sie andersrum als üblich gedreht.

Zwar gibt es den Ermittlungschef im Bundeskriminalamt, in diesem Fall heißt er Dieter Mendt, der klassisch bei Drogendeals Geld in seine eigene Tasche abzwackt. Doch im Mittelpunkt steht der einfache Ermittler, der tagtäglich seinen Kopf hinhält, für ein bescheidenes Gehalt (so detailliert wurde selten ein Beamtengehalt auf Lebenshaltungskosten umgerechnet), der immer wieder zusehen muss, wie Verbrecher für ihre Taten mit geringen Strafen davonkommen. Eindrücklich zeigt der "Tatort", wie es kommt, dass die Drogenfahnder Wippermann und Wolf Selbstjustiz üben, warum sie den feinen Grad zwischen Recht und Gerechtigkeit nicht mehr aushalten, wie sie ihr Amt nicht aus Geldgier, sondern aus Idealismus missbrauchen, wie sie ihr garantiert nicht unschuldiges Opfer regelrecht hinrichten. Denn El Zhar ist nicht nur Drogen-Großhändler, sondern auch ein Kinderschänder, der in einem Prozess freigesprochen wurde und dessen Opfer Selbstmord begangen hat.

Gerechtigkeit statt Geld

Die Art und Weise, wie Regisseur Fischer diesen moralischen Kern des "Tatort" erzählt, ist allerdings ziemlich komplex und verwickelt. Lonesome Rider Lannert beißt sich fest in akribischer Analyse, zerpflückt das Handy eines der Opfer, Kriminaltechnikerin Nika Banovic (Miranda Leonhardt) simuliert jede Schussposition wieder und wieder am Computer. Sogar gegen den Widerstand seines Kollegen Bootz, der mit Wippermann befreundet ist, geht Lannert seinem Verdacht nach.

Fleisch bekommt der verworrene Fall durch persönliche Episoden: Lannerts Flirt mit der Nachbarin, die kiffende Studentin, der Klatsch im Team, nachdem die Blondine morgens vor dem Büro aus seinem Auto steigt. Auch Bootz' Frau Eva ist keine reine Staffage, sie darf durchaus ihre Empörung zu den Verdächtigungen gegen Freund Wippermann lautstark äußern. Überhaupt präsentiert sich das Stuttgarter Team als die derzeit wohl modernste Ermittlergruppe in der altehrwürdigen "Tatort"-Reihe: Es herrscht eine offene, freundschaftliche Atmosphäre, die attraktiven Frauen, Kriminaltechnikerin Banovic und Staatsanwältin Emilia Alvarez (Carolina Vera), verrichten selbstbewusst ihren Job und müssen sich nicht ständig gegen zotige Anspielungen von Platzhirschen wehren, alle haben ein Leben neben dem Job.

Am Ende beweist Lonesome Rider Lannert echtes Fairplay, befreit Bootz heldenhaft mit Worten statt Waffen aus der Geiselhaft des eigenen Kollegen und stößt mit Ehepaar Bootz auf das "Du" an. Das dunkle Geheimnis um Lannerts Vergangenheit bleibt allerdings ungelüftet und ein Grund, auch das nächste Mal beim Stuttgarter "Tatort" einzuschalten.