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Im Vorgarten von Thessa

Diese Party wird Thessa nie vergessen: Die Hamburger Schülerin hatte über Facebook aus Versehen "öffentlich" zu ihrem 16. Geburtstag eingeladen. 1600 Feierwütige versetzten ein beschauliches Wohngebiet in einen Ausnahmezustand. Die Polizei musste einschreiten. Partybericht aus den Vorgärten von Bramfeld.

Von Katharina Miklis

Am frühen Abend ist die Welt in Bramfeld noch in Ordnung. In einer kleinen Seitenstraße nicht weit entfernt vom malerischen Ohlsdorfer Friedhof sprengt ein Bewohner seinen akkurat gepflegten Vorgarten. Die Sonne geht langsam unter. Endlich Wochenende. Nur der Polizeiwagen, der hin und wieder Streife fährt, stört die Vorstadtidylle. Der Mann lässt sich davon nicht beirren. Er weiß, dass eines der Nachbarmädchen bei Facebook ihren 16. Geburtstag gepostet hat und nun das ganze Wohngebiet ein bisschen aufgeregt ist. Sie hat versäumt, die Veranstaltung als privat zu kennzeichnen. Jeder konnte ihre Adresse und den Partyaufruf lesen. Jetzt sollen angeblich viel mehr Teenies kommen, als erwartet, hat der Nachbar im Radio gehört. "Tsss... Kinder...".

Eine knappe Stunde später stehen mehrere hundert Teenager in seinem frisch gesprengten Vorgarten und denen seiner Nachbarn. Überall Jugendliche. Und es werden immer mehr. Längst fährt die Polizei nicht mehr nur Streife. Die Straße muss schon am frühen Abend für den Verkehr gesperrt werden. Die feierwütige Meute wird durchgelassen. Man will nicht alle wegschicken, will die Situation nicht eskalieren lassen. Um 20 Uhr, dem offiziell angesetzten Beginn der Party, stehen rund 400 Leute vor der Hauseinfahrt des minderjährigen Geburtstagskindes und rufen seinen Namen. Polizisten mit Schäferhunden versperren die Auffahrt zum Haus. Zusätzlich hat Thessas Vater einen privaten Sicherheits- und Ordnungsdienst engagiert. Die Feier ist längst abgesagt. Doch das spielt keine Rolle mehr.

Partymeile für eine Nacht

Am Montag hatte die Schülerin des Albert-Schweitzer-Gymnasiums im größten sozialen Netzwerk der Welt ihre Geburtstagseinladung gepostet - aus Versehen "öffentlich", für alle einsehbar. 15.000 Menschen aus ganz Deutschland hatten bei Facebook ihr Kommen angekündigt. Als Thessa ihren Fehler bemerkte und ihr Profil löschte, hatte sich die "Party des Jahres", wie die Schülerin sie nannte, längst verselbstständigt. In Blogs und auf diversen Internetseiten wurde dazu aufgerufen, die Party in Bramfeld zu besuchen.

Heute kann es regnen, stürmen oder schneien... Sie wären sowieso gekommen. "Thessa - Jetzt erst recht" steht auf ihren Plakaten. Und: "Danke Thessa für die nette Einladung!". Schon am Hamburger Hauptbahnhof oder am Busbahnhof Barmbek haben sich etliche Teenager via Facebook verabredet, um gemeinsam in die Bramfelder Partygasse zu fahren. Nicht alle passen in die Busse, der Andrang ist zu groß. Vorbei ist es mit der beschaulichen Ruhe in der für eine Nacht angesagtesten Straße der Vorstadt. Viele der Kids tragen Geburtstagshütchen oder haben sich den Namen der unfreiwilligen Gastgeberin ins Gesicht oder den Oberkörper geschrieben. Es regnet Konfetti, Wunderkerzen brennen. Viele tragen "I love Thessa"-T-Shirts oder -Buttons.

"Atzen"-Stimmung in der Vorstadt

Ein nichtgesetztes Häkchen bei Facebook verwandelt Bramfeld am Freitagabend in einen riesigen Open-Air-Kindergeburtstag. Aus einem Ghettoblaster tönt der "Thessa-Song", der bei iTunes bereits auf Platz 7 der Schlager-Charts steht: "Thessa, oh, Thessa, wir kennen uns zwar nicht - doch uns egal, wir feiern Dich und saufen uns jetzt dicht." TV-Teams holen sich beseelt angetrunkene Teenager vor die Kameras. Ein paar Jungs tragen 5-Liter-Fässer Bier auf den Schultern heran. Farbenfrohe Mischgetränke machen die Runde. "Happy Birthday", singen hunderte Teenies im Chor, und: "Wir wollen Thessa sehen". Dabei kennt hier wohl kaum einer das Mädchen persönlich. Was zählt ist die Party zwischen spießigen Vorgärten. "Atzen"-Stimmung in der Vorstadt.

Einige Nachbarn haben sich persönlich vor ihren Einfahrten positioniert - teils aus Neugier, teils aus Angst um ihre Petunien. "Das Auto haben wir heute ein paar Straßen weiter geparkt", erzählt eine Anwohnerin. Beim Bäcker habe man noch gescherzt. Mit diesem Ansturm habe hier jedoch keiner gerechnet. Ein anderer Nachbar mit Schnauzbart fotografiert aus dem Fenster im zweiten Stock. Kuriose Szenen spielen sich ab: Vermummte Partygäste pöbeln gegen die Polizei, stimmen Sprechchöre an: "Thessas Freunde sind keine Verbrecher!" Später wird es unschön: Bierflaschen fliegen durch die Luft, Böller explodieren. Mülltonnen werden angezündet, eine Gartenlaube brennt nieder, Autos werden demoliert. In der Nacht werden elf Personen vorübergehend festgenommen - wegen Körperverletzung, Sachbeschädigung oder Widerstand gegen die Polizei.

Vom Geburtstagskind keine Spur

Doch die meisten sind friedlich. "Peace, Frieden, keine Gewalt", rufen ein paar Mädchen mit Herzen auf den Wangen. Seltsam, diese Facebook-Freunde. Die Beweggründe, die all diese Menschen an diesem Abend an den Stadtrand getrieben haben, scheinen sehr unterschiedlich zu sein. Die meisten von ihnen haben nicht mehr gemein, als einen Account bei Facebook. Und nichts zu tun an einem Freitagabend. In einem Vorgarten gegenüber der Einfahrt von Thessas Wohnhaus zerrt eine hochschwangere Frau zwei Jugendliche von ihrem Garagendach. Langsam haben die Nachbarn genug von dem Party-Flashmob, der immer lauter wird. Gegen 21 Uhr spricht die Polizei von 1600 Leuten, die die Straße eingenommen haben. Sie klettern auf die Bäume, feiern auf den Garagen und in den Blumenbeeten.

"Die glühen alle vor und pissen mir in den Vorgarten" hatte ein Nachbar bereits vor Partybeginn befürchtet. Jetzt muss er froh sein, wenn es dabei bliebe. Als vor zwei Jahren ein 26-Jähriger zu einer Spontan-Party auf Sylt aufrief, kamen 5000 Partygäste und müllten den Strand von Westerland zu. Die Aufräumarbeiten kosteten mehrere tausend Euro, die der Organisator selbst zahlen musste. Auch auf Thessas Familie wartet nach der Partynacht Schlimmeres als ein dicker Kopf.

Gegen halb zehn gehen die ersten Partymuffel nach Hause. Oder ziehen weiter. Eine Gruppe Mädchen will weiter zum Bramfelder See, hinterm Haus. Nur auf der Straße stehen, Alkopops trinken und in der anonymen Masse "Thessa" schreien wird einigen auf Dauer zu langweilig. Andere beschweren sich, dass die Gastgeberin sich nicht blicken lässt. Sie soll verreist sein, bei Oma und Opa. Ben findet das "ziemlich uncool". Der 16-Jährige mit der bunten Plastik-Nerdbrille ist extra mit seinen Kumpels aus Pinneberg zum Feiern gekommen. Fast seine ganze Klasse hat sich angekündigt. Die Aufregung der Nachbarn versteht er nicht: "Die sollen sich doch freuen, dass hier mal geil Party ist". Auch er hat von dem Treffen am See gehört. Die Kumpels ziehen weiter. Sie hinterlassen ein plattgewalztes Blumenbeet. Die Gardinen von Thessas Nachbarn sind längst zugezogen. Morgen wird es wieder viel zu tun geben, in den Vorgärten von Bramfeld.

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