Gesteigertes Gemeinschaftsgefühl im Online-Auktionshaus mit den vier bunten Buchstaben: Die "Ebay Live!" sollte zusammenbringen, was zusammen geboten hat. stern.de hat sich die Kuschelparty angeguckt.

Kaum zu übersehen: Ebay regierte einen Tag lang das Berliner Tempodrom© Claudia Fudeus
Durch weit geöffnete Türen weht die herbstliche Berliner Luft. Ein Studentenpärchen kuschelt sich im Tempodrom in eine Wandnische. Party im Großstadtdschungel? Nicht ganz - die Nische ist aus Beton, nicht aus Plüsch, und im Raum kursieren Worte wie "Turbolister" und "Höchstgebot". Wer - wie die beiden - auf Namen wie Eaglesanych und Erorlo hört, geht heute nicht ins Kino, sondern ins Seminar. Willkommen im Ebay-Universum.
Bei Eaglesanych und Erorlo geht es um Ebayritis im Anfangsstadium - Körpertemperatur und Faszination steigend, doch der Keller ist noch nicht zum Warenlager geworden. Bisher haben sie nur einen einzigen Akkubohrschrauber als Trophäe aus der virtuellen Kaufwelt. Doch das soll anders werden, und darum sind sie hier. Das weltgrößte Online-Kaufhaus hat seine Schäfchen zum ersten deutschen LebenLernenFeiern-Treffen auf die "Ebay Live!" nach Berlin eingeladen. Über 2000 kamen - Profiverkäufer und Anfänger, Hausfrauen und Schüler. Und Studenten wie Eaglesanych und Erorlo.
"Wir wollen einsteigen", sagen sie, hören sich dabei entschlossen an und funkeln abenteuerlustig mit den Augen. "Man kann wirklich sagen, dass das ein Geschäft der Zukunft ist. Alles kaufen und danach verkaufen", verrät Eaglesanych die Quintessenz ihres Planes. Und da Erfahrung bekanntlich unbezahlbar ist, hat die Besucher auch der Eintrittspreis von 25 Euro nicht abgeschreckt. Für das Geld kann man immerhin zwei Seminare besuchen und ein bisschen was futtern.
Eaglesanych und Erorlo gehen das ganz professionell an: Kaum haben sie das Gelände betreten, wird der Schlachtplan ausgearbeitet. Er macht ein Grundlagenseminar und lässt sich etwas über Turbolister - Programme - mit denen man unkompliziert viele Artikel gleichzeitig anbieten und verwalten kann-, erzählen. Sie lauscht den Tipps und Tricks von Powersellern und einem Vortrag über den ersten Verkauf.
Schlangestehen am rappelvollen Seminarzelt, und das ständige "Zurr-zurr" der Reißverschlüsse an den Zelteingängen zeigt, dass der Weg auf die Dachterrasse nicht ganz so leicht zu finden ist. Der Tür zur großen Arena hilft es wenig, dass sie den Hinweis "Kein Durchgang" trägt - schnell haben die verspäteten Lernwilligen die Abkürzung lokalisiert und drücken sich gegenseitig die Türklinke in die Hand.
Drinnen ist es ein bisschen wie in der Schule: viele aufmerksame Blicke, ein paar Notizblöcke, ab und zu ein gelangweiltes Gähnen. Und Streber, die den Referenten mit hilfreichen Kommentaren oder "Bei mir war das aber so"-Geschichten unterstützen. Nicht immer sind die Blicke dankbar. Fragen hingegen sind erwünscht - nach einem Vortrag verschwinden regelmäßig kleine diskutierende Gruppen in ruhigere Ecken.

Eaglesanych und Erorlo wollen mehr - mehr kaufen, mehr verkaufen, mehr Ebay. Fest geplant: Im nächsten Jahr stehen sie schon um 10 Uhr morgens auf der Matte© Claudia Fudeus
Wolfgang Weber beispielsweise, der als professioneller Datenschützer über vertrauensvolles Handeln referiert, ergibt sich nach dem Vortrag geduldig Teilnehmern, die ihm von unzuverlässigen Käufern, bösen Verkäufern und den Lücken des Systems berichten. Gemeinsamer Wunsch: Leid klagen und als Antwort nicht nur eine standardisierte E-Mail erhalten. Einige fragen sich, ob es in der Ebay-Verwaltung auch noch Menschen gibt. Erorlo hat Glück gehabt, sie kommt mit glänzenden Augen aus ihrem Verkaufs-Seminar. "Das hat richtig weitergeholfen", sagt sie und man hat das Gefühl, dass man die Minuten bis zu ihrem ersten Verkauf schon ticken hören kann. Sie hat Glück gehabt - ein Plätzchen in einem Einsteigervortrag ist gar nicht so leicht ergattert, die Auswahl dürftig.
In der Seminarstatistik des Ebay-Universums führen die "Fortgeschrittenen" konsequent mit 39: 8 Terminen, denn der Versteigerungsriese mag treue Anhänger. Gelegenheitskäufer und -verkäufer sitzen mit langen Gesichtern in Seminaren über professionelle Angebotsgestaltung oder Verkäufer-Tools für Profis. Pech gehabt. Eaglesanych dagegen wirkt wie ein ernsthafter Fall von Ebayritis, als er aus dem Zelt kommt - hat den Veranstaltern denn niemand gesagt, dass man Jurastudenten nicht in Seminare über rechtliche Grundlagen gehen lassen sollte?