Second Death - der Tod im Netz

31. Januar 2010, 15:49 Uhr

Längst leben wir einen Großteil unseres Lebens im Internet. Was aber passiert mit Profilen, Fotos und E-Mails, wenn der Nutzer stirbt? Viel zu lange hat das niemanden interessiert. Nun gibt es erste Ideen und Geschäftsmodelle. Von Jarka Kubsova

Jenseits, Nachlass, Legacy Locker, Mywebwill, Second Death

Der Cyberspace ist auf den Tod noch nicht richtig vorbereitet©

Es ist schon dunkel, Matthias Streitwieser steht mit nackten Füßen in schäumender Gischt, seine Turnschuhe hält er in der Hand. Das Wasser ist wohl kalt, Streitwieser jauchzt. Das ist auf dem Foto deutlich zu sehen. Es ist eins von Hunderten auf seinem Profil bei Facebook. Nur hat er dieses nicht selbst reingestellt, sondern eine Bekannte von ihm. Streitwieser ist zu dem Zeitpunkt schon seit einigen Wochen tot. Ein Unfall beim Klettern in Bayern. Streitwieser rutschte ab, stürzte 150 Meter in die Tiefe. Er wurde 34 Jahre alt. Man erfährt auf seinem Profil, dass er schnell starb, aber seine Bergung schwierig war, wie seine Familie die Nachricht über seinen Tod aufnahm, wo er begraben liegt. Streitwieser ist gestorben, wie er gelebt hat: öffentlich, im Internet.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich sein Profil kaum von dem eines Lebenden. Dann aber fällt auf, dass hier Funktionen ausgeschaltet sind, die für einen Toten mehr als unpassend erscheinen: So kann man Streitwieser nicht "anstupsen", auf seiner Seite erscheint keine Werbung. "Gedenkstatus" oder "Memorial State" wird so ein Profil bei Facebook genannt. Facebook bietet es seinen Mitgliedern bei Bedarf seit wenigen Monaten an.

Abziehbilder des Lebens

Sechs Jahre gibt es das soziale Netzwerk jetzt, 350 Millionen User sind darin angemeldet. Die Profile sind Abziehbilder des Lebens: Fotos von Partys, vom Nachwuchs, aus dem Urlaub. Lieblingsmusik, Lieblingsvideos, Geschwätz mit Freunden, Verabredungen, Pläne, Erlebnisse. Dass das Leben aber irgendwann endet, ist im Internet bisher vergessen worden. Twitter, Myspace, Studi-VZ, Wer-kennt-wen, Blogs, eigene Homepages, E-Mail-Dienste, virtuelle Festplatten, Singlebörsen - rein geht es bei allen diesen Seiten immer ganz einfach und immer ganz schnell; jeder Internetnutzer hat heute häufig weit mehr als ein Dutzend Nutzerkonten bei den unterschiedlichsten Diensten. Raus geht es aber nur sehr schwer. Und was mit den Internetprofilen nach dem Tod geschieht, rückt erst allmählich ins Bewusstsein - bei den Usern wie auch bei den Anbietern.

"Das hat in erster Linie mit dem Altersdurchschnitt der Internetnutzer zu tun, noch ist der relativ niedrig. Mit Todesfällen mussten sich die Betreiber in der Vergangenheit eher selten auseinandersetzen", sagt Carsten Ulbricht, der sich als Rechtsanwalt auf die Themen Web 2.0 und Social Media spezialisiert hat. Aber es gebe in diesem Bereich viele neue Probleme und Pflichten für die Betreiber, sagt Ulbricht. Mit zunehmender Zahl und steigendem Alter der Internetgemeinde können Onlinedienste den Tod nicht mehr ignorieren.

Das Beenden des virtuellen Lebens, das Löschen von Daten und Inhalten, kann selbst für Nutzer zur nervenaufreibenden Angelegenheit werden, für Hinterbliebene aber zur Tortur. "Da kann es zu schrecklichen Situationen kommen. Wenn Einträge und Informationen auf Websites nicht mehr würdevoll sind, etwa, nachdem sich jemand das Leben genommen hat", sagt Birgit Janetzky. Die Theologin berät in Seminaren Bestatter zum Thema Tod und Internet. "Wenn niemand Zugriff auf die Nutzerkonten hat, ist das für Angehörige oft ein großes Problem." Manche Betreiber würden die Endlichkeit des Lebens in ihren Konzepten schlicht nicht berücksichtigen.

Auch das deutsche Erbrecht hinkt der digitalen Entwicklung hinterher. Wenn jemand ein Haus hinterlässt, ist ganz klar geregelt, wie vorzugehen ist, selbst wenn es kein Testament gibt. Etwas Vergleichbares existiert für das digitale Erbe nicht. "Die Gesetze sehen für die heutige Wirklichkeit im Internet oft keine passenden oder interessengerechten Lösungen vor", sagt Ulbricht.

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KOMMENTARE (1 von 1)
 
JMan (31.01.2010, 15:05 Uhr)
Hinweis zu falscher Aussage
Mahlzeit,

"In Deutschland hat sich bisher nur der Anbieter Idivus vorgewagt."

Diese Aussage kann ich so nicht nachvollziehen. So existiert seit fast 2 Jahren bei "xsen . de" ein weitaus umfangreicheres Angebot, Daten zu speichern. Warum wurde über diesen Anbieter nicht mit berichtet?

mfg
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