HOME

Digitaler Nachlass: E-Mails aus dem Jenseits

Der Tod muss im 21. Jahrhundert nicht das Ende jeder Kommunikation bedeuten: Dienste wie FromBeyond2U ermöglichen Netzbürgern zu Lebzeiten, ihren digitalen Nachlass zu regeln: Wer bekommt Zugriff auf Online-Profile? Was sind die wichtigsten Passwörter? Und wer will, kann nach dem Ableben weiter E-Mails versenden.

Es war die Angst vor einem plötzlichen Tod, die Peter Ingram auf die Idee mit der Website brachte: Weil der Australier sich von seiner Tante vor deren Dahinscheiden nicht mehr richtig verabschieden konnte, gründete er die Website FromBeyond2u.com (etwa: Aus dem Jenseits zu dir). Jeder Nutzer kann hier Videos, Fotos und Dokumente hinterlassen, die nach seinem Tod an Angehörige und Freunde versandt werden sollen. Für eine Gebühr von einem australischen Dollar pro Woche (0,59 Cent) können die Grüße aus dem Grab zu Lebzeiten auf der Website gespeichert werden.

Ingram musste mit ansehen, wie seine Tante innerhalb von zwei Wochen durch einen Gehirntumor das Sprechen verlernte, das Schreiben und sogar das Lächeln. Obwohl sie bis zu ihrem Tod bei vollem Bewusstsein gewesen sei, habe sie sich nicht mehr mitteilen können, sich nicht mehr bedanken oder entschuldigen, ihre Erinnerungen und Geheimnisse mit niemandem mehr teilen, schildert Ingram: "Ich kannte sie 20 Jahre, und für mich war das eine Katastrophe.

Altes Konzept mit neuer Technik

Seine Website soll Abschiede nun auch nach dem Tod möglich machen. "Wir halten Ihre Verbindung zum Leben" heißt es auf der blau-orangefarbenen Seite. "Es ist kein neues Konzept, dass man Briefe hinterlässt, Videos oder andere Nachrichten, aber das Internet hat die Möglichkeiten verändert", betont Ingram. "Man kann in Verbindung bleiben, heute, morgen und darüber hinaus." Die Abonnenten können ihre eigene Grabrede verfassen, eine Multimedia-Schau für ihre eigene Beerdigung zusammenstellen oder der Nachwelt Fotos und Videos vermachen.

Zu Lebzeiten funktioniert der Dienst wie ein Online-Fotoalbum, in dem Dateien zur Ansicht für Freunde und Familie ins Netz gestellt werden. Für den Todesfall gibt es ein Zertifikat mit einem Code, der dem Testament beigefügt oder bei einem Vertrauten hinterlegt werden kann. Nach dem Tod des Nutzers kann der Dienst dann mit dem Code aktiviert werden.

"Jeder kann machen, was er will"

Neben FromBeyond2u gibt es weltweit noch eine Handvoll ähnlicher Portale (siehe Bilderstrecke). Ob nun Online-Speichermedium oder Postversand aus dem Jenseits, seine Website bringe nachfolgenden Generationen "immerwährende Liebe", betont Ingram. Was aber, wenn böse Nachrichten hinterlassen werden? Wenn beispielsweise die Schwiegermutter von ihrem längst verstorbenen Schwiegersohn via Web-Service jedes Jahr bissige E-Mails zum Geburtstag bekommt? "Dann kann sie ihre Email-Adresse ändern, würde ich sagen", schlägt Ingram vor. Auch dunkle Geheimnisse oder Briefe an die heimliche Geliebte könnten aus den Tiefen des Internets postum auftauchen, da die Toten keine Konsequenzen mehr zu befürchten haben, fügt er hinzu und lacht: "Das geht mich nichts an, jeder kann machen, was er will."

Vergnügt erzählt Ingram, dass er selbst schon jetzt peinliche Filmchen seines zwölfjährigen Sohnes in den virtuellen Speicher stellt, die er dem Sprössling an dessen 21. Geburtstag vorspielen will. "Ich hoffe, ich werde dann auch noch da sein. Aber wenn ich vorher den Löffel abgebe, ist alles aus den vergangenen zwölf bis 13 Jahren für ihn da."

Natürlich ließen sich auf der Ewigkeitsseite auch profanere Nachrichten speichern, an die in einem gesetzlichen Testament nicht jeder denke, sagt Ingram, zum Beispiel wo die Motorradschlüssel liegen oder wo der Familienschmuck versteckt ist. Oberstes Ziel seiner Website sei aber, "mit seinen Liebsten die Liebe zu teilen, für sie da zu sein, und nicht vergessen zu werden, davor habe ich Angst".

Amy Coopes/AFP / AFP
Themen in diesem Artikel