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100. Geburtstag von Stefan Heym: Träumer von einem neuen Deutschland

Stefan Heym ist tot, aber seine Werke leben weiter: Am 10. April hätte der streitbare Schriftsteller seinen 100. Geburtstag gefeiert. Seinen eigenen "Nachruf" schrieb er schon zu Lebzeiten.

Er bekannte sich zum "sozialistischen Deutschland" - und wurde gleichwohl zur Symbolfigur für den geistigen Widerstand in der DDR. Stefan Heym zählt bis heute zu den wichtigsten Autoren der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte. An diesem Mittwoch wäre der 2001 in Jerusalem gestorbene Autor 100 Jahre alt geworden. Bundesweit wird in zahlreichen Veranstaltungen an ihn erinnert.

Noch zu Lebzeiten hatte Heym seinen eigenen "Nachruf" geschrieben. In diesen fesselnden, 1988 erschienenen Memoiren schilderte er die Geschichte seines bewegten Lebens: In einem jüdischen Elternhaus in Chemnitz geboren und vor den Nazis ins Exil geflohen, hatte er nach seiner Rückkehr mithelfen wollen, ein besseres Deutschland zu bauen. In der DDR wurde er zum wohl bedeutendsten "oppositionellen Autor".

Nach dem Fall der Mauer griff er 1994 aktiv in die Politik ein, als er als Direktkandidat für die PDS in den Bundestag einzog. Seine Antrittsrede als Alterspräsident fand damals kontroverse Beachtung im vereinten Deutschland - der erste deutsche Schriftsteller und der erste Jude in diesem Amt, wie Heym immer hervorhob. Ein Jahr später gab er sein Mandat jedoch wieder zurück, aus Protest gegen eine Diätenerhöhung.

Bekannteste Unperson in der DDR

Resümierend meinte der Autor einmal, dass er mit seinem Wirken vielleicht "hier und da" etwas bewegt habe. "Insofern habe ich nicht ganz umsonst gearbeitet." Und vielleicht würden einige Menschen, wenn er längst nicht mehr da sei, noch immer etwas Spaß an seinen Büchern finden und auch etwas zum Nachdenken haben.

Mit dem Ende der DDR war auch für Heym ein Traum zu Ende gegangen, den er bei seiner Rückkehr aus dem Exil wie viele andere Menschen geträumt hatte - dass es mit der DDR ein neues Deutschland geben könnte, das ihren Vorstellungen entsprach. "Ich ging nach Ost-Berlin, weil ich woanders keinen Platz gefunden hatte, ich wollte zunächst nach Prag zurückkehren", sagte er einmal. "Auch in der DDR hat man mich nicht mit offenen Armen empfangen. Vielleicht haben sie ja Recht gehabt, denn ich habe ihnen ja nichts als Schwierigkeiten gemacht."

So wurde er zur bekanntesten Unperson der DDR - mit entsprechendem Stasi-Dossier - und schließlich zu einer Zentralfigur des Umsturzes im SED-Staat. Nach dem Zusammenbruch der DDR im Herbst 1989 rief Heym zu einem neuen Widerstand auf, diesmal unter dem Motto "Für unser Land" gegen den, wie er meinte, "Ausverkauf an die Bundesrepublik".

Als US-Soldat gegen die Nazis

Der am 10. April 1913 in Chemnitz geborene Kaufmannssohn, der eigentlich Helmut Flieg hieß, wechselte in der Schulzeit nach Berlin und floh 1933 vor den Nazis zunächst in die Tschechoslowakei und später in die USA. Von dort kehrte er als amerikanischer Soldat nach Deutschland zurück. In Amerika hatte er sich mit Veröffentlichungen wie "Hostages" (deutsch: "Der Fall Glasenapp") und dem Kriegs-Bestseller "The Crusaders" ("Der bittere Lorbeer") einen Namen gemacht. 1952 zog er mit seiner amerikanischen Frau nach Ost-Berlin.

Heym beschäftigte sich neben zeitgeschichtlichen Themen auch mit historischen Stoffen. Zu seinen Büchern gehören "Der König David Bericht", der Probleme des Stalinismus parabelhaft spiegelt und in der DDR zunächst nicht erscheinen durfte, "Fünf Tage im Juni", der Bericht über den Volksaufstand vom 17. Juni 1953, das Funktionärsgleichnis "Collin", der Roman über die Republik "Schwarzenberg" im Erzgebirge kurz nach dem Krieg und "Ahasver" über eine drohende atomare Vernichtung und bürokratisch-dogmatische Erstarrungen.

Der unbotmäßige Autor wurde 1979 aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen und sogar strafrechtlich wegen angeblicher Devisenvergehen verurteilt. Erst 1992 nahm das Gericht die Entscheidung offiziell zurück. Nach dem Ende der DDR hielt Heym in dem dokumentarischen Roman "Radek" über den Mitarbeiter Lenins und Trotzkis eine groß angelegte Rückschau auf "Geburtsfehler einer Revolution". 1996 erschien der Band "Der Winter eines Missvergnügens", der einen Moment DDR-Geschichte im geschichtsträchtigen Jahr der Biermann-Ausbürgerung 1976 beleuchtet.

Wilfried Mommert, DPA / DPA