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Karlsruher Komponist wird 60 Jahre alt Musikszene feiert Wolfgang Rihm


Komponisten, die zu Lebzeiten geehrt werden? Das ist eher die Ausnahme - wie bei dem Karlsruher Wolfgang Rihm. Zu seinem 60. Geburtstag darf er sich über jede Menge Aufmerksamkeiten freuen.

An Wolfgang Rihm führt in diesem Jahr kein Weg vorbei. Zur Feier seines 60. Geburtstages haben mehrere Theater und Opernhäuser die Werke des Komponisten auf ihr Programm gehoben. Allen voran das Haus in seiner Heimatstadt Karlsruhe, das beim Jubilar eigens ein Werk in Auftrag gegeben hat: "Vers une symphonie fleuve VI" wird nun pünktlich zum Festtag am 13. März aufgeführt.

Aber auch die internationale Musikszene steht ganz im Zeichen Rihms. Er dürfte der derzeit meistaufgeführte lebende Komponist der "E-Musik" sein. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo auf der Welt eines seiner mehr als 400 Werke gespielt wird. Die Internetseite Universaledition listet bis Oktober 124 Aufführungen auf - von New York und Montreal über London und Amsterdam bis Luzern und Florenz.

Das Festspielhaus Baden-Baden ist auch dabei. Für Intendant Andreas Mölich-Zebhauser gehört Rihm zum festen Bestand. "Ich gebe zu, dass ich seine Musik gern höre, sie bereichert mich, weil sie eigenständig ist." Zudem bewundert er den Komponisten für dessen Allgemeinwissen. "Welch ein Vergnügen, zwei bis dreimal im Jahr mit Rihm und Boulez (Anm.: der französische Komponist Pierre Boulez) Essen gehen zu dürfen und den beiden Titanen zuzuhören: Urteilskraft aus Wissen und Geschmack."

"Unwissenheit hat noch nie Kunst hervorgebracht."

Damit trifft er den Grundton Rihms, der immer wieder gerne einen seiner Lieblingssätze zitiert: "Unwissenheit hat noch nie Kunst hervorgebracht." Und so umfangreich seine Kenntnisse in Philosophie, Literatur und Geschichte sind, so vielseitig ist auch seine Musiksprache. Der Komponist kennt keine Tabus. Er kann mit brutalen Schlagwerkgewittern verstören, um plötzlich in hauchzarte Melodik umzuschlagen.

Die kompositorischen Mittel der Avantgarde beherrscht Rihm ebenso virtuos wie traditionelle Techniken. Das hat dazu geführt, dass seine Kompositionen den Weg ins Orchester- und Kammermusikrepertoire gefunden haben - und das, obwohl er billige Anbiederei verschmäht. "Crossover" ist ihm ein Gräuel, "Verbindungsgematsche", wie er es bezeichnet.

Diese Haltung teilt er mit seinem Lehrer und Freund, dem Münchner Komponisten Wilhelm Killmayer (*1927), dem er etliche Werke gewidmet hat. Von ihm hat er die totale Freiheit gelernt. So konnte bereits der junge Rihm sich vom seriellen Korsett der 1970er Jahre befreien und mit wohlklingenden tonalen Dreiklängen provozieren.

Seine größte Herausforderung: der Gesang

Wegen seines Ruhms zu Lebzeiten und seiner Werkfülle wird Rihm immer wieder in einem Atemzug mit dem Erfolgskomponisten des vergangenen Jahrhunderts, Richard Strauss, genannt. Ein Vergleich, den er gleichermaßen bescheiden wie selbstbewusst kommentiert: "Ist es für einen Schriftsteller beleidigend, wenn er mit Goethe verglichen wird? Außerdem: Man wird sowieso immer verglichen - irgendwann auch mit sich selbst."

Als größte Herausforderung nennt Rihm den Gesang. Zu seinen Musen zählt die Hamburger Sopranistin Mojca Erdmann, der er unter anderem das Stück "Proserpina" auf den Leib geschrieben hat. Auch an der gefeierten Uraufführung von "Dionysos" bei den Salzburger Festspielen hatte sie ihren Anteil. "Ich weiß seine Musik gut zu lesen, und wir fühlen uns sehr verbunden", sagt sie.

Dass seine Heimatstadt Karlsruhe die Europäischen Kulturtage mit seinem Stempel versieht, empfindet Rihm als Ehre. Bis zum 6. April werden rund 50 Stücke von ihm gespielt. Zudem diskutiert er mit dem Philosophen Peter Sloterdijk und steht im Mittelpunkt eines internationalen musikwissenschaftlichen Symposiums.

Der Titel der Kulturtage - "Musik baut Europa" - regt zudem Rihms Phantasie an. "Darin höre ich das Wort Musik betont", schreibt er in einem Grußwort. "Das feinstoffliche unfassbare Phänomen, das kaum der Übersetzung bedarf: Musik ist immer Gegenwart."

Von Martin Roeber und Ingo Senft-Werner, dpa DPA

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