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Das Radio aus dem Busch

Mitten im Busch lässt der Indonesier Singgih Kartono das Designer-Radio "magno" bauen. Der hartnäckige Mann glaubt an den Erfolg seiner liebevoll von Hand gefertigten Radios mit exotischem Flair - und erschließt sich langsam die Märkte in Übersee. Dabei setzt er auch ein ökologisches Zeichen.

Von Stefanie Zenke

Lautes Lachen hallt aus der Werkstatt. Ein paar junge Frauen hocken im Schneidersitz auf dem Boden. Sie tragen T-Shirts, Jeans, darüber weiße Schürzen. Vor ihnen stehen ordentlich aufgereiht ein Dutzend kleine Kästen aus Palisander- und Pinienholz. Mit kleinen Lappen verteilen die Frauen Öl auf den Kästen, die bereits als Gehäuse für Radios zu erkennen sind. Ein angenehmer Duft steigt dem Besucher in die Nase. Vor den Fenstern flattert ein exotischer Vogel durch die schwüle Luft. Da betritt Singgih Kartono den Raum. Er wirft einen prüfenden Blick auf die Arbeit der Frauen. "Alles klar?", fragt er in die Runde, die Frauen nicken eifrig und lächeln: "Alles klar."

Singgih Kartono, 40, ist Produktdesigner, der Chef der Werkstatt und Schöpfer von "magno". So hat Kartono seine Radios benannt. Sie sind handgefertigt, in schlichtem, ästhetischem Design. Mitten im Busch in Indonesien liegt seine kleine Produktionsstätte, in einem 4000-Seelen-Dorf namens Temanggung, im Bezirk Kandangan. 30 Mitarbeiter beschäftigt Kartono. Es sind junge Frauen und Männer aus dem Ort. "Keine Fachkräfte, aber sie sind zuverlässig und arbeiten gewissenhaft, das ist ihre Qualifikation - und für mich das Wichtigste", sagt er.

Etwa 150 Radios produzieren Kartono und seine Mitarbeiter pro Monat. Jedes ist ein Unikat. In aufwändiger manueller Arbeit wird gefräst, gesägt, gestanzt, gebohrt. Für jedes magno-Radio werden drei Reglerknöpfe benötigt - für Lautstärke, Frequenz und Feinabstimmung. Auf dem Antennen-Ende steckt ein kleiner Holzknopf, als Markenzeichen. Die Oberfläche aus Pinien- und Palisanderholz ist ein Blickfang. Jedem Radio ist die Sorgfalt anzumerken, mit der es gebaut wurde.

Jedes Radio ist ein Unikat

Etwa 14.000 Kilometer entfernt von Kartonos Buschwerkstatt sitzt Oliver Errichiello in seinem Hamburger Büro. Er freut sich über die gerade eingetroffene Lieferung. Schon die Verpackung verheißt etwas Besonderes: Kein herkömmlicher Karton, vielmehr sorgfältig gefaltetes Packpapier umschließt den Inhalt, den Errichiello „einen wahren Schatz“ nennt. Er öffnet das Paket und fördert ein kleines braunes Radio zutage. Auf der hellen Oberfläche ist ein dunkles "g" eingearbeitet: das magno-Label.

Errichiello ist Markensoziologe, betreibt eine kleine Werbeagentur. In seiner Freizeit versucht er, dem Indonesier auf dem europäischen Markt ein Standbein zu verschaffen. Doch der Weg ist lang und steinig, "das Produkt braucht Zeit", weiß Errichiello. Die Menschen in der Ersten Welt sind es gewohnt, standardisierte Massenware zu kaufen - gerade im Bereich der Unterhaltungselektronik. Ein handgefertigtes Designer-Radio für etwa umgerechnet 180 Euro aus Indonesien - da stutzen die meisten Konsumenten erst einmal. "Dabei handelt es sich hier um kein Produkt, das man nach ein paar Jahren ausrangiert. Das ist ein Radio fürs Leben", schwärmt Errichiello.

Das Gerät, das sowohl mit Strom als auch mit Batterien betrieben werden kann, ist i-Pod-kompatibel. Das magno könnte, so hofft der deutsche Zwischenhändler, ein ernsthaftes Alternativprodukt für das Kult-Monoradio "Tivoli" oder die hochpreisigen Monoradios von Bose werden. Das technische Innenleben, eine westliche Lizenz und vom TÜV geprüft, kann mithalten, bietet überraschend präsenten Sound. Dem Holzgehäuse ist die sorgsame Handfertigung anzumerken. Das Design strahlt exotisches Flair aus. Eine Mischung, die bei verwöhnten Radiofreaks hierzulande ankommen könnte.

Umweltbewusstsein spielt eine große Rolle

Begegnet sind sich Kartono und Errichiello auf einer Messe 2006 in Jakarta zum ersten Mal. Kartono hatte einen winzigen Stand - ausgestattet mit einem Regal, ein einzelnes Holzradio darauf. "Es stach mir sofort ins Auge", erinnert sich Errichiello, und er hätte es auch gerne sofort gekauft und mitgenommen. Aber Kartono machte ihm schnell klar, dass er "nicht an jeden“ verkaufe - er legte Wert darauf, dass ein potentieller Kunde zuerst seine Geschäftsphilosophie versteht. Eine Philosophie, in der sich geschmackssicheres Design und Umweltbewusstsein mischen.

Errichiello blieb hartnäckig, führte viele Gespräche mit dem eigenwilligen Indonesier. Je mehr er über das Produkt erfuhr, desto größer wurde sein Wunsch, diesen talentierten Mann zu unterstützen. Denn: "Kartono gehört zu den wenigen Menschen, die in den so genannten Entwicklungsländern selbst um eine soziale und umweltfreundliche Produktion ringen", so Errichiello. Das faszinierte den Soziologen aus Deutschland.

Tropenholz soll geschützt werden

Statt in die Fremde zu gehen und dort eine Karriere als Designer zu machen, entschied sich Kartono nach seinem Studium dazu, in sein Dorf zurückzukehren. Dorthin, wo die meisten Menschen keine Arbeit haben und in Armut leben. "Das war keine Sentimentalität. Ich wollte etwas bewegen“, sagt Kartono.

Mit wenig Geld, einer genialen Idee im Kopf und einem eisernen Willen, gründete er 2005 seine Firma, schuf so Arbeitsplätze und machte sich in kürzester Zeit landesweit einen Namen. Unterstützt wird er von seiner Frau Tri Wahyuni. Vor wenigen Tagen bekam Kartono eine Auszeichnung für sein Werk, den in Asien begehrten G-Mark Award 2008.

Auch im Kampf gegen die weit verbreitete illegale Rodung der Tropenwälder in Indonesien hat Kartono ein Zeichen gesetzt: Er verwendet ausschließlich Holz aus eigener Aufforstung. Setzlinge aus der eigenen Baumschule verschenkt er an die Bauern des Dorfes, sie sollen eigene Plantagen anbauen. So will Kartono verhindern, dass kostbares Tropenholz gefällt wird. "Die Bauern müssen irgendwann begreifen, dass sie sich damit nur selber schaden. Wer verantwortlich mit den Ressourcen umgeht, wird dagegen langfristig belohnt."

Holz besitzt eine Seele

Holz, ist Kartono überzeugt, besitzt eine Seele. In diesem Element steckten Stärke und Schwäche zugleich. "Es ist das perfekte Material", sagt der Vater zweier Töchter. Die indonesische Regierung ignoriere den Wert der eigenen Naturschätze. Oft kopiere sie Methoden aus dem Westen, die sich für Indonesien als ungeeignet erweisen. Die fatalen Folgen werden nicht mehr ernsthaft bestritten. So wurde zum Beispiel europäischer Dünger auf die Felder Indonesiens gekippt - der Boden verlor an Fruchtbarkeit.

Sorgfältige Fertigung und künstlerisches Design - damit möchte Kartono wirtschaftlichen Erfolg erreichen, an dem viele teilhaben sollen. Er hofft, ein Beispiel geben zu können, das auch andere kreative Landsleute beflügelt. Immerhin gingen erste Bestellungen für sein Radio aus Japan und den USA ein, was Kartono in geradezu euphorische Stimmung versetzt. Denn schon immer hat es ihn gegrämt, dass Indonesien nur als Exportland für billige Standardprodukte aus westlicher Designfeder bekannt ist.

Mit magno könnte es endlich ein Produkt geben, bei dem heimisches Holz im eigenen Land verarbeitet wird und das dann im Ausland ein Verkaufserfolg wird. Dass Kartono dies schafft, gemeinsam mit seinen Leuten aus dem kleinen indonesischen Nest Temanggung, davon träumt er.

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