Professor Martin Wabitsch von der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin an der Universität Ulm antwortet
Warum haben dicke Kinder meist auch dicke Eltern?
Da spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Einerseits tragen die Gene ihren Teil dazu bei. Das Ernährungsverhalten ist genetisch fixiert, das heißt, Kinder bekommen in die Wiege gelegt, wie schnell sie essen und ob sie über das Sättigungsgefühl hinaus essen. Auch ob sie eher zu fett- und kohlenhydratreicher Nahrung greifen, ist genetisch bedingt. Andererseits haben Eltern eine starke Vorbildwirkung: Wenn Eltern Sport machen, sich viel draußen bewegen und zum Mittag Mineralwasser statt Cola trinken - warum sollte das Kind dies alles anders machen?
Gibt Entwicklungsphasen, in denen Kinder mehr oder weniger stark zunehmen? Die Kinder durchlaufen Phasen der Streckung und der Fülle. Das erste Lebensjahr ist eine Phase der Fülle; die Kinder nehmen viel zu. Sind die Kinder dann dick, ist das jedoch noch kein Grund zur Aufregung. Dann wachsen die Kinder bis zum Beginn der Schulzeit sehr stark. Kinder um die fünf, sechs Jahre sind extrem schlank, fast dürr; das ist aber völlig normal. Kinder, die dann dick sind, haben häufig auch zukünftig Gewichtsprobleme. Nach der Grundschulzeit erfolgt noch einmal ein kräftiger Wachstumsschub bis in die Pubertät. Danach neigen die Jugendlichen wieder dazu, Gewicht zuzulegen.
Wie formt sich das Essverhalten von Kindern? Die Prägung erfolgt in der frühkindlichen Phase, sagen wir bis zum dritten Lebensjahr. Es ist ein Zwischending zwischen genetischer Veranlagung und dem eigenen Willen der Kindes. Untersuchungen zeigen, dass das Kind bereits durch die Nahrung der Mutter während der Stillzeit geprägt wird. Bestimmte Geschmackstoffe, die sich in der Muttermilch anreichern, wird das Kind auch später bevorzugen. Wenn ich meinem Kind also immer wieder gesunde Dinge anbiete und das in einem angenehmen Ambiente, dann wird es diese auch irgendwann essen. Das braucht viel Geduld; man muss es immer wieder probieren.
Wie erfolgreich sind Therapien für übergewichtige Kinder? Für die meisten Kinder gibt es keine geeignete Therapie. Erfolgreiche Therapieverläufe beobachten wir vor allem bei Kindern aus intakten Familien. Für eine erfolgreiche Therapie muss die gesamte Familie hochmotiviert sein. Bewährt haben sich Modelle, in denen die Kinder zunächst ihre Motivation beweisen müssen, beispielsweise durch die Teilnahme an einer wöchentlichen Sportsstunde. Langfristige Programme bis zu einem Jahr sind erfolgreicher als kurzfristige. Grundsätzlich sollten Verhaltens-, Bewegungs- und Ernährungs-Therapien miteinander kombiniert sein.