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Café oder Kämmerlein – Streit ums Stillen tobt im Prenzlauer Berg

Völlig normal oder ekelhaft? Deutschland diskutiert, ob das Stillen in Cafés in Ordnung geht. Auf mehr Akzeptanz für junge Mütter hofft nicht nur die Initiatorin einer Petition.

Stillen in der Öffentlichkeit

Der Streit ums Stillen in der Öffentlichkeit erhitzt die Gemüter am Prenzlauer Berg

Kinderhasser – hier? Im gutbürgerlichen Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, wo es selbst im Februar auf Spielplätzen nur so wuselt und man die Kleinsten in den hippen Coworking-Space mitbringt? Wo Mütter samt Anhang und Bioladen-Einkauf an jeder Ecke zu sehen sind? Hier, sagt Johanna Spanke. Vor einer Woche sind die 30-Jährige und ein Café-Betreiber beim Thema Stillen aneinandergeraten – es war der Start einer großen Netz-Debatte. 

Spanke richtete nach dem Streit eine Petition ans Bundesfamilienministerium. Seitdem wird in dem Viertel, das ohnehin den Ruf als Heimat der Kampfmütter und Weltverbesserer weg hat, um nicht weniger als ein neues Gesetz gekämpft. Der Schutz stillender Mütter in der Öffentlichkeit ist das Ziel. Per Petition hat es eine andere Mutter hier schon geschafft, dass im Supermarkt in der Nachbarschaft eine "Familienkasse" eingerichtet wurde, ganz ohne Süßigkeiten und Quengelalarm.

"Im Schaufenster blankgezogen"

Johanna Spanke

Johanna Spanke, 30, geriet mit einem Café-Betreiber im Prenzlauer Berg aneinander

Inzwischen tut es kaum noch etwas zur Sache, dass die Streithähne in der Stillfrage zwei Versionen der Geschichte erzählen: Der Betreiber sagt, es gebe kein pauschales Stillverbot, doch die Frau habe im Schaufenster blankgezogen. Spanke dagegen sagt, sie sei schon auf das Stillverbot hingewiesen worden, bevor sie überhaupt saß. Aussage gegen Aussage. Während das Café online nun mit Negativkommentaren geflutet wird, gibt sich die Presse bei Spanke die Tür in die Hand. 

Das Foto zur Petition, auf dem Spanke mit ihrem langen blonden Haar mit aufgeknöpfter Bluse ihren Sohn stillt, taugt für Titelseiten. Dazu hat sie auch noch ein sehr freundliches Lachen. Erwartet habe sie den ganzen Trubel nicht, sagt sie. Und auch dem Café-Betreiber wolle sie nichts Böses. Ihr geht es um die Frage: Was kann eine Mutter tun, der das öffentliche Stillen verwehrt wird? 

Mutti-Protest

Im Ausland ist Mutti-Protest die gängige Methode: Mit möglichst vielen anderen Müttern wird demonstrativ an dem Ort gestillt, an dem vorher einzelnen Frauen genau das untersagt wurde. Solche "Nurse-Ins" in Schnellrestaurants und Einkaufszentren wurden immer wieder bekannt: aus Dänemark, Ungarn und den USA zum Beispiel. 2014 demonstrierten in Großbritannien Tausende. Immer wieder posten Frauen Fotos von sich beim Stillen online, um andere zu ermutigen.

"Nackte Brüste sieht man zuhauf", wundert sich die Stillbeauftragte des Deutschen Hebammenverbands, Aleyd von Gartzen, über den Fall. Es ist die Doppelmoral, an der sich auch Spanke stößt: Brüste überall, aber Ekel vor "Eutern" auf dem Tisch – wie manch hämischer Kommentator schreibt. Womöglich sei der biologische Vorgang provokant, "dass da was rauskommt", glaubt von Gartzen. Außerdem hätten Frauen hierzulande von den 60-er bis in die 80-er Jahre wenig gestillt, kinderlosen Erwachsenen fehle womöglich der Bezug. "Dabei ist Stillen das Normale, Flasche geben nicht", sagt sie. Sie steht hinter Spanke. 


Stillverbote sind Diskriminierung

Ebenso die Antidiskriminierungsstelle des Bundes, die Stillverbote als Diskriminierung von Frauen wertete. Auch die Nationale Stillkommission am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) kam bereits im Vorjahr zu dem Schluss, dass öffentliches Stillen wie in anderen Ländern unter rechtlichen Schutz gestellt werden sollte. Mehr Sicherheit und die Möglichkeit zu juristischen Schritten biete das. 

Eine Stillumfrage von 2015 unter 13.000 Müttern weltweit zeigt, dass Erfahrungen wie die von Spanke kein Einzelfall sind: Eine von je vier Befragten gab an, sie sei offen kritisiert worden oder habe Vorurteile bemerkt, weil sie in der Öffentlichkeit stillte. Rund ein Drittel sagte, dass ihnen öffentliches Stillen peinlich sei. Dabei empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO), mindestens in den ersten sechs Monaten ausschließlich zu stillen und insgesamt zwei Jahre. 

Im Prenzlauer Berg, zwischen all den Müttern, sei das Stillen eigentlich kein Problem, berichten Frauen auf der Straße. Da säßen immer wieder mal stillende Frauen, sagt eine Bäckerei-Verkäuferin mit Blick auf die Sitzplätze am Fenster. Und berlinert pragmatisch: "Et kommt immer druf an, wie man det macht." Eine junge Mutter aus der Nachbarschaft hat wie viele Passanten von dem Streit bisher gar nichts mitbekommen. Ein Gesetz fürs Stillen? "Affig", meint sie, dass man so etwas nicht auf zwischenmenschlicher Basis klären könne.

bal/GiselaGross, DPA
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