Bilder erzählen Schicksale

13. April 2012, 09:22 Uhr

Rund 4000 "Stolpersteine" sind in Hamburg ein Mahnmal für die Opfer der NS-Zeit. Gesche-M. Cordes hat Angehörige mit "ihren" Stolpersteinen fotografiert. Ihre Bildltexte berichten von den einzelnen Schicksalen.

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Der Kölner Künstler Gunter Demnig verwirklicht die Idee eines dezentralen Denkmals seit dem Jahr 2000: Ein quadratischer Stein aus Beton, bündig eingelassen in den Bürgersteig, abgedeckt mit einer Messingplatte und dem Schriftzug: Hier wohnte, ein Name, Geburtsjahr, Todestag. Er erinnert daran, dass an diesem Ort jemand gelebt hat, der verfolgt, deportiert, ermordet oder in den Freitod getrieben wurde.

Von 2002 bis 2011 fotografierte Gesche-M. Cordes in Hamburg die Verlegung und Enthüllung der sogenannten Stolpersteine. Dabei steht Hamburg exemplarisch für 655 andere Städte und Gemeinden in Deutschland mit Stolpersteinen.

Hamburg, Schlankreye 17, Oktober 2003
Gunter Demnig (Foto) legt drei Stolpersteine für die Familie Schwarzschild vor dem Eingang eines Mietshauses. Dazu ist Schlomo Schwarzschild mit seiner Frau Aviva nach Hamburg gereist. In der Hand hält er eine Elbseglermütze. Sie verweist auch auf seinen Beruf als Kapitän der Hafenschlepper von Haifa. Er erzählt: "Wenn ich hier stehe, höre ich die Stimme meiner Mutter, wie sie mich zum Essen ruft."

Schlomo und sein Bruder Leopold, genannt Poldi, besuchten die Talmud Tora Schule. Der Vater Ignatz Schwarzschild arbeitete als Kantor in der Synagoge in Altona. Die Mutter Kela Schwarzschild lebte wie ihr Mann fromm nach jüdischen Geboten. Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten begann für die beiden Brüder die Diskriminierung. Andere Jungen verprügelten und beschimpften die Geschwister wegen ihrer Herkunft. Aber auch an Schulstreiche kann Schlomo sich erinnern: "Ich musste regelmäßig zum Direktor. Ich kam häufig zu spät und hatte immer irgendetwas ausgeheckt."

Mit elf Jahren erlebten die Brüder die Trennung ihrer Eltern. Poldi zog mit der neuen Familie seines Vaters in die Bornstraße 22. Schlomo wohnte bei seiner Mutter. Er überlebte als Einziger seiner Familie den Holocaust. Um nach Palästina auswandern zu können, durften Kinder nicht älter als fünfzehn Jahre sein. Schlomo war jünger als sein Bruder Poldi und konnte mit Ausreisedokumenten emigrieren. Die Zerstörung der Synagoge am Bornplatz hat er noch mit erlebt. "Überall lagen Glasscherben, zerfetzte Thorarollen und Gebetsbücher. Ich griff nach einigen Scherben als Andenken." Im August 2009 starb Schlomo Schwarzschild. In seinen Grabstein ließ seine Familie die blaue Scherbe der Synagoge vom Bornplatz einfügen, die der Dreizehnjährige in der Pogromnacht 1938 mitgenommen hatte.

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