Robert Enke Stolpersteine mitten im Kasten


Er sollte die Nummer eins im deutschen WM-Tor sein. Dann erkrankte Robert Enke. Jetzt bereitet er sich auf sein Comeback vor und versucht, sich dabei nicht zu verbiegen.
Von Christian Otto

Selbst nach der schlimmsten Schufterei im Training, wenn Dreck und Grashalme noch in seinem Gesicht kleben, pflegt Robert Enke den Kontakt zur Basis. Tag für Tag stehen jugendliche Fans und Autogrammjäger am Rande des Übungsgeländes für einen Torhüter Spalier, der in Hannover verehrt wird. Sie lieben seine Paraden. Sie mögen seine besonnene Art, schätzen, wie freundlich und geduldig er mit ihnen umgeht.

Und es ist wohl auch dieser zuweilen tragische Verlauf einer Karriere, der sein positives Image weiter veredelt. Enke, vor ein paar Wochen noch Deutschlands Torhüter Nummer eins, kämpft gerade um sein Comeback, nicht zum ersten Mal. "Ich glaube immer noch an meine Chance", sagt der 32-Jährige und meint die Nationalelf.

Der besonnene Leisetreter

Die Frage, ob Bundestrainer Joachim Löw bei seinem langwierigen Casting für die WM 2010 in Südafrika eher einen jungen Torhüter mit Talent, einen mutigen Draufgänger mit Selbstdarstellungsdrang oder einen besonnenen Leisetreter suchen sollte, stellt sich bald aufs Neue. Denn Enke nimmt bei Hannover 96 am Samstag, wenn das Bundesligaspiel beim 1. FC Köln ansteht, wieder seinen Stammplatz ein.

Letzter Anlauf für die Chance, 2010 das DFB-Tor zu hüten: Robert Enke Mit dieser Rückkehr bewirbt er sich auch für eine Nominierung zu den nächsten beiden Länderspielen im November. Löw hatte Enke zuletzt aus seinem Aufgebot gestrichen, weil der sechs Wochen lang an einer rätselhaften Viruserkrankung gelitten hatte. "Natürlich war ich enttäuscht. Aber man hat mir gesagt, dass ich weiter ein Teil der Nationalmannschaft bin", sagt Enke.

In Hannover findet Enke Rückhalt

Ihm ein böses Wort über Dritte zu entlocken ist nahezu unmöglich. Andere hätten aufgeschrien, wenn ihnen eben noch das Trikot mit der Nummer eins fest versprochen worden war und es dann doch weitergereicht wird. "Für mich ist auch das ein Stück Qualität, dass Robert nicht auf alles von außen reagiert, sondern ruhig und konzentriert seine Arbeit macht", sagt Jörg Schmadtke. Der frühere Profitorhüter ist heute Sportdirektor von Hannover 96 und hofft, dass ihm dieser Keeper noch möglichst lange erhalten bleibt.

Enke wird immer wieder gefragt, warum er sich in den niedersächsischen Matsch schmeißt. Sein Vertrag mit 96 läuft am Ende dieser Saison aus. Nachdem das hartnäckige Campylobakter-Virus in seinem Blut endlich besiegt war, wirkte der Mann zuletzt nachdenklich. "Ich habe mich während dieser Pause oft gefragt: Warum? Und warum schon wieder ich?", sagt ein Profi, der entschieden hat, dass man nicht nur bei den ganz großen Klubs, sondern auch in Hannover sein Glück finden kann.

Der Verein gab ihm 2004 die Chance zu einer Rückkehr in die Bundesliga, als seine Karriere einen Tiefpunkt erreicht hatte. Beim FC Barcelona konnte er sich nicht durchsetzen. Bei Fenerbahce Istanbul ließ Enke seinen Vertrag auflösen und war lieber arbeitslos, als sich auf Fans einzulassen, die ihn mit Flaschen und Feuerzeugen bewerfen.

Gelassen in den Konkurrenzkampf

In Hannover geht es für Enke nicht nur um die Frage, wie gut ein Vertrag dotiert ist. Er wird bald mit einem Arbeitgeber über seine Zukunft verhandeln, der ihm auch als Mensch jede nur erdenkliche Rückendeckung hat zukommen lassen. Als Familie Enke 2006 um das Leben ihrer herzkranken Tochter Laura bangte, gab es von den Verantwortlichen bei Hannover 96 und an der Medizinischen Hochschule Hannover jede Unterstützung. Wer jemals einen privaten Kampf wie den um die kleine Laura verloren hat, betrachtet ein gebrochenes Kahnbein, rätselhafte Viren im Blut oder sonstige Karrierebremsen für einen Berufssportler mit anderen Augen.

Er bleibt trotz des medialen Druckes gelassen, wenn es um seine erhoffte Rückkehr in die Nationalmannschaft geht. Seine Mitspieler in Hannover sind es, die den Wettstreit zwischen Enke, René Adler, Tim Wiese und Manuel Neuer kritisch betrachten und darüber auch ein wenig lauter reden. "Robert ist der einzige deutsche Torhüter, der keine Politik für sich macht. Und seine erstklassige Arbeit wird einfach nicht genügend gewürdigt", findet 96-Spielmacher Arnold Bruggink.

Ein Spieler ohne Lobby-Arbeit

Das ist sein großes Manko. Enke steckt mit Hannover 96 im Mittelmaß fest. Martin Kind, der Präsident des finanzschwachen Vereins, hatte seinen wertvollen Torhüter, als der noch frei von Erkrankungen war, zum Kauf angeboten. Aber niemand biss an. Nicht einmal der FC Bayern, trotz seiner ungelösten Torwartfrage. Bei so einem Verein täglich im Rampenlicht zu stehen passt auch nicht zu der Idylle, die Enkes in einem Vorort von Hannover auf einem früheren Bauernhof gefunden haben.

Dort gibt es Auslauf für herrenlose Hunde, um die sich die Frau des Sportlers kümmert. Hier findet er die nötige Ruhe und den Schutz vor dem nervösen Zeitungsboulevard, der jetzt wieder fordert, dass "Robert Riese" den Adler möglichst schnell einfangen soll. Dass er gegen den jungen Rivalen aus Leverkusen um seine wohl letzte Chance in der Nationalelf kämpft, ärgert ihn selbst. "Aber ich kann mich deshalb nicht zu Hause einschließen und weinen", sagt Enke. Er wird es auf seine Art versuchen. Ohne große Worte.

Diesen Artikel haben wir für Sie in der Financial Times Deutschland gefunden.

FTD

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