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Ratgeber Sexualität

Gegensätze ziehen sich an

Alles eine Frage der Kultur?

Die Statistik lässt vermuten, dass Team "Hetero" weltweit ungefähr zehnmal größer ist als Team "Schwul/lesbisch". Offenbar gibt es in jeder bekannten, bislang erforschten Kultur mehr heterosexuelle als homosexuelle Kontakte. Das gilt auch für Kulturen, in denen die körperliche Liebe zwischen Männern und Männern oder Männern und Knaben gesellschaftlich voll akzeptiert ist. Viele Forscher vermuten daher, dass die Entwicklung zur Heterosexualität nicht - oder zumindest nicht nur - durch Sozialisation bestimmt wird, also durch das, was Eltern, Lehrer, Autoritäten von uns erwarten.

Anfang der 1980er Jahre führten Mitarbeiter des Kinsey-Instituts ausführliche Interviews mit fast 1000 Lesben und Schwulen und 500 heterosexuellen Frauen und Männern. Die auch analytisch anspruchsvolle Untersuchung wurde als San-Francisco-Studie bekannt und gilt bis heute als Meilenstein der Forschung. Die Interviewpartner wurden nach familiären, sozialen, finanziellen, emotionalen und religiösen Verhältnissen befragt.

Alles eine Frage der Gene?

Das Ergebnis: Es fanden sich überhaupt keine nennenswerten familiären Anhaltspunkte oder Erziehungsstile, mit denen sich die spätere sexuelle Orientierung hätte voraussagen lassen. Die Studie widerlegte auch die These, dass das erste sexuelle Erlebnis die weiteren erotischen Neigungen bestimmt: Sowohl die heterosexuellen Frauen und Männer als auch die Lesben und Schwulen gaben an, dass zwischen ihrem ersten konkreten Begehren und ihrem ersten Sex drei Jahre lagen und dass diese erste sexuelle Erfahrung dann genau ihrer vorher phantasierten Spielart entsprach.

Man kann demnach weder erzogen noch dazu verführt werden, ausschließlich heterosexuell oder ausschließlichen homosexuell zu sein. Also doch alles Biologie, festgeschrieben in den Erbinformationen? Wohl kaum. Seriöse Studien in diese Richtung haben bislang nicht nachweisen können, dass die sexuelle Orientierung im Wesentlichen genetisch oder hormonell bedingt ist. Es gibt Anzeichen dafür, dass die Vorliebe teilweise vom Erbgut beeinflusst sein könnte - aber teilweise eben auch nicht.

Alles eine Frage der Erziehung?

Warum Gegensätze sich anziehen, ist somit weiterhin ungeklärt. Ebenso die Frage, warum sich Gleich und Gleich zusammentun. Allerdings haben Untersuchungen gezeigt, dass mehr schwule als heterosexuelle Männer in ihrer Kindheit mit Puppen gespielt haben statt mit Autos. Und dass sie auch sonst "Mädchenkram" mochten und manchmal sogar gern ein Mädchen gewesen wären. Und dass mehr heterosexuelle Frauen als Lesben früher lieber mit Mädchen gespielt haben und "Mädchenkram" mochten. Das klingt furchtbar klischeehaft, ist aber durch mehrere Studien belegt. Die Freude an typischen oder untypischen Aktivitäten in der Kindheit gilt derzeit sogar als einziger signifikanter, also wissenschaftlich haltbarer Hinweis auf die später bevorzugte erotische Spielart.

Allerdings stammen die bislang vorliegenden Daten allesamt aus retrospektiven Studien, bei denen Erwachsene nach ihren Erinnerungen befragt wurden. Sogenannte prospektive Studien fehlen. Es gibt keine in die Zukunft gerichteten Untersuchungen an Kindern, die den rückblickend ermittelten Zusammenhang belegen könnten. Ob sich aus kindlichen Hobbys und Freundeskreisen tatsächlich ablesen lässt, für welches Team der oder die Kleine mal spielen wird, ist damit weiter fraglich - zumal jede Menge Ausnahmen die vermutete Regel anfechtbar erscheinen lassen.

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