Bis heute steht bei vorzeitigem Samenerguss die Sexualtherapie im Vordergrund. In Beratungsgesprächen oder einer mehrwöchigen Therapie lernen Betroffene, den eigenen Körper und die eigene Lust, aber auch die der Partnerin besser zu verstehen. Sie erfahren, wie sie Wünsche und Bedürfnisse äußern können und Ängste, Konflikte und Druck abbauen. Paare üben mithilfe verhaltenstherapeutischer Maßnahmen Atemtechniken, gegenseitiges Berühren und sexuelle Erregung stufenweise - anfangs ohne Geschlechtsverkehr, um den Erwartungsdruck herauszunehmen. Ein Beispiel dafür ist die Stopp-Start-Technik.
In manchen Fällen sollten Betroffene zunächst in einer Psychotherapie tiefer liegende Ängste und Konflikte lösen, bevor sie sich der sexuellen Störung widmen.
Die wichtigste ist die Stopp-Start-Methode. In beiden Fällen soll der Mann seine Erektion besser wahrnehmen und lernen, sie zu kontrollieren. Dabei masturbiert er oder seine Partnerin stimuliert ihn, bis er stark erregt ist. Kurz vor dem Orgasmus wird die Stimulation unterbrochen, für 30 bis 60 Sekunden, bis die Erregung etwas abgeflaut ist, dann geht es von vorne los: Stimulation und Pause im Wechsel, drei bis fünf Mal, bis er dann den Höhepunkt zulassen darf. Eine weitere Methode, die Squeeze-Technik, verläuft ähnlich, mit dem Unterschied, dass die Partnerin nicht nur pausiert, sondern die Erregung gewissermaßen abwürgt, indem sie den Penis an einer bestimmten Stelle in Höhe der Eichel fest zudrückt.
Mit diesen Techniken tastet sich der Mann schrittweise an den kritischen Punkt heran, an dem der Orgasmus unausweichlich ist. Anfangs kann er die Technik auch alleine üben; später wird sie auf den Sex übertragen. Manche Paare können die Methoden in Eigenregie ausprobieren, für viele ist es aber besser, sie im Rahmen einer Paartherapie einzusetzen. Therapeuten können genaue Anleitungen geben und dem Paar einen geschützten Rahmen bieten, sich über die Erfahrungen auszutauschen.
Bei der primären Form des vorzeitigen Orgasmus hat sich gezeigt, dass Psychotherapie nur bedingt wirkt. In schweren Fällen setzen Sexualtherapeuten bei Bedarf zusätzlich Medikamente ein. Hierbei handelt es sich um bestimmte Antidepressiva, die den Serotonin-Haushalt beeinflussen, so genannte Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI). Das sind Medikamente, die eigentlich für Angststörungen und Depressionen zugelassen sind, sich bei vorzeitigem Orgasmus aber als wirksam erwiesen haben.
Wobei Wirksamkeit relativ ist: Lässt sich der Samenerguss damit von einer auf zwei oder drei Minuten hinauszögern, verdoppelt oder verdreifacht sich die Zeit vielleicht. Manche Betroffene sind aber damit zufrieden, berichten Fachärzte. Allerdings haben Antidepressiva viele Nebenwirkungen - ob der Nutzen hier den Schaden überwiegt, sollte der Mann oder das Paar sehr genau abwägen.
Ärzte betonen, dass Tabletten alleine wenig bewirken, sondern immer in Kombination mit einer Therapie eingesetzt werden sollten. Dann ist die Wirkung am größten. Das gilt auch für ein neues Präparat mit dem Wirkstoff Dapoxetin - das einzige für die Behandlung von vorzeitigem Samenerguss zugelassene Medikament in Deutschland. Es ist aus eben jener zufälligen Entdeckung entstanden, dass bestimmte Antidepressiva eine ejakulationsverzögernde Nebenwirkung hatten. Im neuen Mittel bekam der Nebendarsteller die Hauptrolle. Ob er sich bewährt, muss sich erst noch zeigen.
Der Unterschied dieses Präparats zu anderen SSRI: Es erfordert keine langfristige Einnahme, sondern wird bei Bedarf ein paar Stunden vor dem Sex eingenommen. Das ist allerdings schwer vereinbar mit spontaner Lust auf Sex. Manche Kritiker schätzen den Nutzen auch als eher dürftig ein. Wie bei anderen Medikamenten auch sollten Sie sich sehr sorgfältig über Nebenwirkungen aufklären lassen. Möglich sind Kopfschmerzen, Magen-Darm-Probleme, Übelkeit, Schwindel, Schlaflosigkeit und Müdigkeit.
In Einzelfällen kommen auch frei verkäufliche Sprays oder Salben mit betäubender Wirkung zum Einsatz. Eine Variante sind spezielle Kondome, die innen mit einem leichten Betäubungsgel benetzt sind. Sie sollen ebenfalls den Orgasmus hinauszögern helfen. Ob das eine echte Alternative ist, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Die Studienlage zu diesen Mitteln ist dürftig, der Erfolg hält sich in Grenzen - und bei unsachgemäßer Behandlung kann die Partnerin etwas davon abbekommen.