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Online-Arztpraxis Web-Doktor mit Risiken

Sprechstunden im Netz, verschreibungspflichtige Medikamente per Mausklick - mit dieser Idee wollen Mediziner von London aus den deutschen Markt erobern. Doch Gesundheitsexperten warnen davor.
Von Lea Wolz

Zwei Mediziner, ein Jurist und ein Ökonom stecken hinter dem Angebot, das in dieser Form neu für den deutschen Gesundheitsmarkt ist: eine Online-Praxis, in der sich Patienten über das Internet behandeln lassen können. Wer eine Sprechstunde bei "DrEd" in Anspruch nimmt, erhält eventuell ein Rezept und verschreibungspflichtige Medikamente per Mausklick. An diesem Sonntag geht der virtuelle Dienst online. Gesundheitsexperten allerdings sind äußerst skeptisch und warnen vor solchen Ferntherapien. Wie seriös ist das Angebot?

"So etwas ist höchst problematisch", sagt der Arzt und Apotheker Wolfgang Becker-Brüser, der das pharmakritische Arznei-Telegramm herausgibt. "Diese Angebote dienen in meinen Augen häufig nur dazu, in einem lukrativen Bereich, der sogenannten Lifestylemedizin, Geld zu machen."

Bedenken beim Thema Online-Arztpraxen hat auch Corinna Schaefer vom Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin, einer gemeinsamen Einrichtung der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Sie hat sich auf einem Kongress bereits über die englischsprachige Version von "DrEd" informiert, die seit August dieses Jahres online ist. "Online Diagnosen abzufragen und dann Medikamente zu verschreiben, ist riskant", sagt sie. "Ein Arzt muss zuvor den Patienten gesehen haben. Der transportiert viele Informationen allein durch seine Gegenwart, durch Aussehen, Geruch, Tonfall. Zudem muss ich als Mediziner die Möglichkeit haben, Patienten auch körperlich zu untersuchen und abzuhören."

Diagnose muss häufig bereits gestellt sein

Bei "DrEd" geht all das nicht: Die Behandlung erfolgt online. Die Diagnose muss häufig zuvor schon bekannt sein, in manchen Sprechstunden werden noch gezielt ein paar Fragen zum Problem gestellt. Ergänzend zu den Fragebögen, die der Patient für den Medikamenten-Nebenwirkungs-Check ausfüllen muss, kann er Fotos übermitteln. Bei Bedarf erhält er Selbsttests, die an ein mit "DrEd" kooperierendes Labor geschickt werden. "Das ist absurd", sagt Becker-Brüser. "Das ist umständlicher, als wenn ich zum Arzt um die Ecke gehe."

Behandelt werden auch nur neun Krankheiten, zum Beispiel Bluthochdruck, Tripper oder Asthma. Hinzu kommt eine Spur Reisemedizin und fünf Lifestyle-Hilfen, von der Raucher-Entwöhnung über Pillen zur Verhütung bis zu Mitteln gegen Haarausfall, Vorzeitigen Samenerguss oder Impotenz.

"Das sind Arzneimittel, die viel Geld bringen, bei denen Patienten oftmals aus Scham den Gang zum Arzt scheuen", sagt Becker-Brüser. "Im Lifestylebereich lassen sich die Menschen auch am ehesten Nutzloses aufschwatzen." Doch die Mittel sind bei Weitem nicht so ungefährlich, dass man sie via Fernrezept wie ein Buch bei Amazon übers Netz bestellen sollte. "Auch Medikamente wie Viagra haben Nebenwirkungen, die lebensbedrohlich sein können", sagt der Arzt und Apotheker.

Doch wie weist "DrEd" auf die Risiken hin? Wer die Internetseite aufruft und sich zum Beispiel zum Thema "Vorzeitiger Samenerguss" informiert, wird zwar über mögliche Nebenwirkungen des Medikaments "Priligy" informiert. Doch ein Absatz dazu, wer das Mittel aufgrund von Vorerkrankungen nicht nehmen darf, fehlt. Stattdessen ist dort zu lesen: "Im Allgemeinen wird das Medikament gut vertragen." Die Bewertung des Arznei-Telegramms klingt da anders: "Dürftig wirksam und teuer" sei das Arzneimittel. Im Vergleich mit einem Scheinmedikament verlängere es die Zeit bis zur Ejakulation nur um rund eine Minute - bei einem satten Nebenwirkungsprofil.

Online-Diagnose laut Berufsordnung verboten

Dass es eine vollständig virtuelle Praxis in Deutschland noch nicht gibt, hat auch juristische Gründe. Laut Berufsordnung der deutschen Ärzte ist eine Beratung "ausschließlich über Kommunikationsmedien oder Computerkommunikationsnetze" nicht erlaubt. Doch was deutschen Medizinern verboten ist, dürfen ihre englischen Kollegen. Um das Angebot nun auch in Deutschland an den Start zu bringen, beruft sich "DrEd" daher auf eine im April dieses Jahres in Kraft getretene EU-Richtlinie.

Rechtlich könne man nicht gegen solche Angebote vorgehen, da die Anbieter im Ausland sitzen, heißt es aus dem Bundesgesundheitsministerium (BMG). Auch Patienten könne niemand verbieten, die Leistungen in Anspruch zu nehmen. Ein Sprecher des BMG verweist jedoch auf die Risiken und betont, dass "nach deutschem Recht eine Online Konsultation nicht durch die gesetzliche Krankenversicherung erstattungsfähig ist".

Allerdings setzt "DrEd" zu Beginn ohnehin vorrangig auf Bereiche, die auch sonst in der Regel nicht von den Kassen übernommen werden - wie Pille oder Potenzmittel. "Für die meisten Sprechstunden muss erst einmal Cash auf den Tisch", räumt David Meinertz, Mitbegründer von "DrEd", ein. Zahlen muss der Patient für jede einzelne Verschreibung. Einen finanziellen Vorteil gibt es bei den Medikamenten nicht, denn die Ärzte verschreiben in Deutschland zugelassene Mittel zu deutschen Marktpreisen.

Kein finanzieller Vorteil

Bleibt die Frage, warum Patienten überhaupt für etwas bezahlen sollten, das sie bei ihrem Hausarzt - abgesehen von der Praxisgebühr und einer Rezeptgebühr - als Kassenleistung bekommen? Beispiel Cholesterinsenker: 19 Euro kostet ein Folgerezept bei "DrEd", dazu kommt die Rezeptgebühr. Bei einem deutschen Arzt fallen dafür zehn Euro Praxisgebühr und ebenfalls die Rezeptgebühr an. "Einen finanziellen Vorteil gibt es hier nicht", räumt Jens Apermann, Kommunikationschef von "DrEd" und einst Pressesprecher der Online-Apotheke DocMorris, ein.

"Was wir machen, halten wir für verantwortliche Medizin", sagt Meinertz. Um die Qualität zu sichern, sei ein medizinischer Beirat mit an Bord; zugelassen ist die Praxis mit Sitz in London von der zuständigen britischen medizinischen Aufsichtsbehörde. Stimmt der Patient zu, informiert "DrEd" den Hausarzt über die Behandlung. "Wir sind sehr zurückhaltend in dem, was wir anbieten", so Meinertz. "Antidepressiva könnten wir theoretisch auch verschreiben, was wir aber nicht machen."

Bei dem früheren Arbeitgeber von Meinertz, dem englischsprachigen Angebot "DrThom", ist das tatsächlich möglich. "Das ist jenseits von Gut und Böse", sagt Becker-Brüser. Gerade bei psychisch Erkrankten sei der persönliche Kontakt zum Arzt unersetzlich. "Das zeigt, wohin solche Angebote führen können. Warum sollten nicht irgendwann von Pfizer angestellte Ärzte über einen solchen Online-Doktor Viagra verordnen?" Für den Herausgeber des Arznei-Telegramms ein handfester Interessenkonflikt: "Nicht ohne Grund dürfen Ärzte in Deutschland keine Arzneimittel verkaufen. Wenn sich der Mediziner bestimmte Arzneien hinlegt, die er zu Rabattpreisen bekommt und diese hauptsächlich seinen Patienten verschreibt, dann ist er Händler und kein Arzt." Sprich: Er wählt eventuell nicht die Behandlungsmethode, die für den Erkrankten am besten ist.

Minderjährige und Notfälle ausgeschlossen

"DrEd" verkauft keine Medikamente, weist aber auf seiner Seite prominent auf eine Versandapotheke hin. Eine Konstruktion, die so in Deutschland wohl ebenfalls nicht möglich wäre. Der Kunde kann nach der Behandlung zwischen zwei Varianten wählen. Entweder schickt "DrEd" das Rezept gleich an die kooperierende Apotheke und die Medikamente werden dann via Versandservice nach Hause geliefert. Oder das Rezept wird per Post zugestellt, damit es der Patient selbst bei einer Apotheke einlösen kann.

Nur Patienten, die keine akuten Erkrankungen oder komplexen Vorerkrankungen haben, sollen bei "DrEd" behandelt werden, versprechen die Betreiber. Auch Minderjährige und Notfälle sind ausgeschlossen. Klingt gut. Doch ist es umsetzbar? "Wenn ich ein Medikament haben will, erzähle ich etwas vom Pferd", sagt Becker-Brüser. "Ob jemand wahrheitsgemäß antwortet, können sie ebenso wenig überprüfen wie die Tatsache, ob der Gesprächspartner am anderen Ende tatsächlich ein Arzt ist."

"Bei 'DrEd' muss jeder Patient nach Beantwortung der Fragebögen einen Haken setzen, dass er wahrheitsgemäß geantwortet hat", sagt Apermann. "Im Impressum finden sich zudem die Zulassungsnummern der dort tätigen Ärzte." Doch woher weiß ich, ob derjenige, der mir via Web antwortet, tatsächlich auch dieser Arzt ist? "Sie dürfen sich sicher sein", sagt der Pressesprecher.

Zuerst zum Hausarzt

Für Becker-Brüser ist "DrEd" in erster Linie ein "Rezepte verordnender Computer". Er fragt sich, worin der Nutzen von einem solchen Angebot besteht, "wenn diese Ärzte zumeist eine bestehende Behandlung lediglich fortsetzen und dann den Rat geben, bei Änderungen in der Behandlung den Hausarzt aufzusuchen". Für die Therapiebegleitung sei das sinnlos und kontraproduktiv.

Ein weiterer heikler Punkt ist der Datenschutz. Bei "DrEd" werden alle Informationen zu Krankheitsbild, zum Beispiel zu Geschlechtskrankheiten, und Behandlung in einer Online-Patientenakte gespeichert. Die Informationen werden laut Betreiber verschlüsselt übertragen und auf einem Server in Großbritannien gespeichert. "Was sie sonst vertraulich im Arztgespräch sagen, ist plötzlich im Netz", so Schaefer. "Ob die Daten dort wirklich sicher sind, kann ihnen keiner sagen. Wir sehen immer wieder, wie leicht es ist, solche Angebote zu knacken." Ein aktuelles Thema: Erst vor wenigen Tagen kam heraus, dass durch eine schwere Datenpanne 3.600 hochsensible personenbezogene Daten von Patienten mit psychischen Krankheiten aus Schleswig-Holstein frei im Internet zugänglich waren.

"Wer ein Medikament braucht, sollte zuerst zum Hausarzt gehen", sagt Schaefer vom Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin. "Jedes Arzneimittel, das wirkt, hat auch Nebenwirkungen. Ob beides in einem angemessenen Verhältnis steht, sollte ein Arzt beurteilen, der sie zumindest einmal gesehen hat." Alles andere kann nicht nur gefährlich sein - im Zweifel nutzt es auch mehr dem Betreiber als dem Patienten.

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