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6. Dezember 2010, 13:30 Uhr

"Was ich vermisse, ist ein bisschen Realismus"

Positives Denken lässt die Welt verdummen, sagt die amerikanische Autorin und Feministin Barbara Ehrenreich. Ein Gespräch über das internationale Geschäft mit Optimismus, Schönrednerei bei Krebs und illusionslose Wege zum Glück.

© Picture Alliance Zur Person Barbara Ehrenreich gehört zu den renommiertesten Publizistinnen der USA. Die 69-Jährige schreibt in Sachbüchern, Reportagen und Essays vor allem über gesellschaftspolitische Themen. Bekannt wurde sie durch eine Enthüllungsreportage über Zustände in Niedriglohn-Jobs. Ihr neuestes Buch über die Diktatur des Lächelns trägt den Titel "Smile or Die" und ist im Kunstmann Verlag (2010, 253 Seiten, 19,90 Euro) erschienen.

Frau Ehrenreich, wenn Sie an einem Baby vorbeigehen: Wollen Sie es zum Lachen bringen?

Immer! Zwanghaft! Ich mache mich zum Affen für ein Babylächeln!

Aber es irritiert Sie, wenn Ihnen im Supermarkt die Verkäuferin einen schönen Tag wünscht?

Ja, denn sie tut es nur, weil ihr Boss sie dazu anhält und weil man es von ihr so erwartet. In Amerika herrscht diese Kultur des Lächelns, die mit echter Freude nichts zu tun hat. Wir sind gut trainiert darin, so auszusehen, als wären wir glücklich und zufrieden. Wir feiern die Ideologie des positiven Denkens.

Das Sie negativ finden: "Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt", lautet der Untertitel Ihres jüngsten Buches. Was ist so schlecht an einer optimistischen Lebenshaltung?

Ich weiß, ich weiß, das klingt, als würde ich den Weltfrieden ablehnen. Oder als hätte ich nie gute Laune. Tatsächlich macht mich nur die Vorstellung wahnsinnig, dass man mit einem Lächeln und "positiven" Gefühlen sein Leben in den Griff bekommen soll. Dieser Mythos wird einem weisgemacht - am Arbeitsplatz, bei der Partnersuche, sogar wenn man abnehmen will: Lächle, und alles läuft prima.

Sie haben diese Attitüde kennengelernt, als es gerade nicht so prima lief.

Vor acht Jahren bekam ich Brustkrebs. Es ging mir schlecht, ich war verzweifelt und suchte Unterstützung bei anderen Patientinnen und entsprechenden Organisationen. Und da tat sich diese Welt der rosaroten Ansteckschleifchen vor mir auf: Statt dass ich meine Angst mit jemandem teilen konnte, prasselte von allen Seiten das Kommando auf mich ein, das Ganze positiv zu sehen - weil einen die Krankheit ja zwingt, sein Leben zu überdenken, spirituelle Einkehr zu halten. Eine Selbsthilfegruppe druckt sogar "Danke, Krebs!" auf T-Shirts. Ich bekam beinahe ein schlechtes Gewissen, weil ich meinen Krebs nicht willkommen hieß.

Man kann argumentieren, dass eine positive Einstellung einem hilft, solche Tiefschläge durchzustehen.

Sie hilft aber nicht, den Krebs zu besiegen! Sie können grantig sein oder fröhlich, es spielt keine Rolle. Die Krankheit nimmt ihren Gang. Und die Behandlung, Chemotherapie und so weiter, ist barbarisch, wieso sollte ich mich dafür bedanken?

Damit attackieren Sie, wovon viele Menschen fest überzeugt sind: dass innere Einstellung und Heilungschancen eng miteinander verkoppelt sind.

Wie perfide: Da bin ich krank, fühle mich schlecht und soll dann auch noch alle negativen Gefühle wie Wut und Angst unterdrücken, weil ich sonst ja nie mehr gesund werde? Wenn der Krebs also weiterwächst, ist es meine Schuld! Eine These im Übrigen, die sich als falsch erwiesen hat. Eine Studie der Stanford-Universität von 2007 widerlegt ein oft zitiertes älteres Forschungsergebnis, nach dem an Brustkrebs erkrankte Frauen, die Therapiegruppen besuchten, im Schnitt achtzehn Monate länger lebten als Patientinnen, die keine Unterstützung suchten. Positives Denken verlängert nicht das Leben.

Negatives vermutlich auch nicht.

Ich plädiere ja nicht für ausufernden Pessimismus! Was ich vermisse, ist ein bisschen Realismus. Diese Smiley-Industrie infantilisiert uns. Neulich sah ich in der Zeitung eine Anzeige für rosarote Teddybären, die man als Dankeschön für Spenden an eine Krebshilfegruppe bekommt. Sehen Sie, ich habe keine Angst vor dem Tod, aber mir graut vor der Vorstellung, mit einem rosafarbenen Teddybären im Arm zu sterben!

Übernommen aus ... stern Gesund leben stern Gesund leben
Ausgabe 06/2010
zum Heft

Seite 1: "Was ich vermisse, ist ein bisschen Realismus"
Seite 2: Geht es Ihnen heute wieder gut?
 
 
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