Positives Denken lässt die Welt verdummen, sagt die amerikanische Autorin und Feministin Barbara Ehrenreich. Ein Gespräch über das internationale Geschäft mit Optimismus, Schönrednerei bei Krebs und illusionslose Wege zum Glück.
Immer! Zwanghaft! Ich mache mich zum Affen für ein Babylächeln!
Ja, denn sie tut es nur, weil ihr Boss sie dazu anhält und weil man es von ihr so erwartet. In Amerika herrscht diese Kultur des Lächelns, die mit echter Freude nichts zu tun hat. Wir sind gut trainiert darin, so auszusehen, als wären wir glücklich und zufrieden. Wir feiern die Ideologie des positiven Denkens.
Ich weiß, ich weiß, das klingt, als würde ich den Weltfrieden ablehnen. Oder als hätte ich nie gute Laune. Tatsächlich macht mich nur die Vorstellung wahnsinnig, dass man mit einem Lächeln und "positiven" Gefühlen sein Leben in den Griff bekommen soll. Dieser Mythos wird einem weisgemacht - am Arbeitsplatz, bei der Partnersuche, sogar wenn man abnehmen will: Lächle, und alles läuft prima.
Vor acht Jahren bekam ich Brustkrebs. Es ging mir schlecht, ich war verzweifelt und suchte Unterstützung bei anderen Patientinnen und entsprechenden Organisationen. Und da tat sich diese Welt der rosaroten Ansteckschleifchen vor mir auf: Statt dass ich meine Angst mit jemandem teilen konnte, prasselte von allen Seiten das Kommando auf mich ein, das Ganze positiv zu sehen - weil einen die Krankheit ja zwingt, sein Leben zu überdenken, spirituelle Einkehr zu halten. Eine Selbsthilfegruppe druckt sogar "Danke, Krebs!" auf T-Shirts. Ich bekam beinahe ein schlechtes Gewissen, weil ich meinen Krebs nicht willkommen hieß.
Sie hilft aber nicht, den Krebs zu besiegen! Sie können grantig sein oder fröhlich, es spielt keine Rolle. Die Krankheit nimmt ihren Gang. Und die Behandlung, Chemotherapie und so weiter, ist barbarisch, wieso sollte ich mich dafür bedanken?
Wie perfide: Da bin ich krank, fühle mich schlecht und soll dann auch noch alle negativen Gefühle wie Wut und Angst unterdrücken, weil ich sonst ja nie mehr gesund werde? Wenn der Krebs also weiterwächst, ist es meine Schuld! Eine These im Übrigen, die sich als falsch erwiesen hat. Eine Studie der Stanford-Universität von 2007 widerlegt ein oft zitiertes älteres Forschungsergebnis, nach dem an Brustkrebs erkrankte Frauen, die Therapiegruppen besuchten, im Schnitt achtzehn Monate länger lebten als Patientinnen, die keine Unterstützung suchten. Positives Denken verlängert nicht das Leben.
Ich plädiere ja nicht für ausufernden Pessimismus! Was ich vermisse, ist ein bisschen Realismus. Diese Smiley-Industrie infantilisiert uns. Neulich sah ich in der Zeitung eine Anzeige für rosarote Teddybären, die man als Dankeschön für Spenden an eine Krebshilfegruppe bekommt. Sehen Sie, ich habe keine Angst vor dem Tod, aber mir graut vor der Vorstellung, mit einem rosafarbenen Teddybären im Arm zu sterben!
Übernommen aus ...
stern Gesund leben
Ausgabe 06/2010
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