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6. April 2010, 17:25 Uhr

Mein Leben als Jo-Jo

Seit zehn Jahren nimmt er ab. Und wieder zu. Nach etlichen Diätversuchen weiß Autor Stephan Bartels: Er ist mehr als die Summe seiner Speckrollen.

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Das ewige Zu- und Abnehmen führt zum Jo-Jo-Effekt© Colourbox

Der 31. Dezember war ein guter Tag. Es war kalt und klar, sogar die Sonne schaute ein bisschen vorbei. Ich frühstückte spät und gut, Brötchen, Schinken, Ei. Später war ich bei meiner Oma zum Grünkohlessen eingeladen, mit Kohlwurst und Kasseler. Zum Kaffee gab es die letzten Stollenreste und nach dem Raclette am Abend den obligatorischen Berliner.

Normalerweise ist das ein Speiseplan, der mich in große innere Bedrängnis bringt: die pure Unvernunft. Ich weiß, dass man anders essen sollte. Und ich besonders, schließlich liegt mein Body-Mass-Index signifikant jenseits der 30, ich hätte eigentlich zwischen Fitnessstudio und Rohkostteller hin- und herpendeln müssen. Aber der 31. Dezember war auch deshalb ein guter Tag, weil er der Tag der Vorsätze ist - neues Jahr, neues Glück. Auch ich lebte in dem Bewusstsein, dass ab morgen alles anders wird. Ab morgen würde ich abnehmen. Ganz bestimmt. Das habe ich an Silvester gedacht. Und es sogar geglaubt.

Ich bin ein großer Freund guter Vorsätze. Sie sind beruhigend, ein Versprechen auf bessere Zeiten, und für den Moment spenden sie Kraft, Freude, Ausgelassenheit, ja, sogar Trost. Und der Vorsatz "im nächsten Jahr 15 Kilo abnehmen" ist für mich ein Dauerbrenner an jedem Silvester. Nach Neujahr wird er ersetzt durch einen anderen: ab morgen. Ab morgen fange ich wieder an mit meiner Ernährungsumstellung. Mit Sport. Mit zwei Litern Wasser am Tag. Morgen also, oder ab dem nächsten Ersten. Dieses Mantra ist wichtig für Typen wie mich. Typen, die dünner sein wollen, als sie sind. Und die wissen, wie es geht. Wie es sich anfühlt.

Gefangen im System des Ab- und Zunehmens

Seit ungefähr zehn Jahren lebe ich im Jo-Jo-Modus. Von 117 Kilo auf 88, rauf auf 114, wieder runter auf 92, 113, 89 und so weiter. Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends gab es keine zwei Wochen, in denen ich mal mein Gewicht gehalten hätte. Als ich beim ersten Mal fast 30 Kilo verloren hatte, war ich überwältigt von mir selbst. Und ich dachte: Das war's. Alles richtig gemacht, jetzt werde ich für immer ein muskulöser Typ mit einem kleinen, niedlichen Bäuchlein sein. Das war ein Irrtum. Schon ein paar Wochen später stand vorn die 9 auf der Waage, und ich wusste nicht, was ich dagegen machen sollte. Ich ahnte damals bereits dunkel, dass ich die mittlere Vorhölle betreten hatte, die man in einschlägigen Kreisen den Jo-Jo-Effekt nennt.

Tja, und da bin ich nun Gefangen im System des Ab- und Zunehmens. Ist das der "Kreislauf des Lebens"? Zumindest ist es einer, den viele nicht verstehen können. Warum ich überhaupt zunehme, werde ich manchmal gefragt, übrigens sehr vorsichtig und nur von Menschen, die mich gut kennen, ich wüsste doch wie kein anderer, wie das funktioniert mit dem Abnehmen. Das stimmt schon. Aber es schützt mich vor gar nichts. Auch nicht vor den unerklärlichen Kräften in meinem Körper, die mich zu Hause halten und nicht zum Sport gehen lassen. Die mich Chips und Käse essen lassen und alle Willenskraft aus meinem Körper ziehen. Geist willig, Körper schwach, so ist es, ich weiß nicht, warum. Ich weiß nur, dass es mich wahrscheinlich umbringen würde, wenn ich es jeden Tag an mich heranließe.

Ich muss verdrängen, um irgendwie durchzukommen. Alles andere würde mich wahnsinnig schlecht drauf bringen. Ich muss verdrängen, dass mir wieder alle automatisch zuerst auf diesen Bauch gucken. Dass meine Freunde und Kollegen sich ihren Teil denken, ohne etwas zu sagen. Was haben die mich gelobt beim letzten Mal, mir Komplimente gemacht, es toll gefunden, dass ich den Arsch hochbekommen und mich deutlich reduziert hatte. Sogar ein bisschen attraktiv haben sie mich gefunden. Und jetzt: alles wieder da, alles umsonst.

Was ich nicht sehe, ist auch nicht da

Würde ich mich mit diesem Problem ernsthaft auseinandersetzen, müsste ich mich permanent schämen. Jeder, der sein Problem nicht in den Griff bekommt, der seine Sucht nicht besiegt, ist in den Augen seiner Umgebung ein Versager, irgendwie. So funktioniert unsere Gesellschaft nun einmal, im Großen und im Kleinen. Und ich denke ja durchaus auch so, ob ich will oder nicht. Wenn ich denn denke. In meinem Fall versuche ich eben oft, das Denken zu unterdrücken. Vielmehr: das Nachdenken. Es ist ein bisschen wie bei kleinen Kindern, die, wenn sie Angst haben, einfach die Augen schließen: Was ich nicht sehe, ist auch nicht da.

Deshalb stelle ich mich auch nicht mehr auf die Waage. Ich habe gar keine. Meine letzte ist vor zwei Jahren kaputtgegangen, ich habe es nicht geschafft, mir eine neue zu kaufen. Das ist auch gut so. Erstens habe ich gelernt, dass das Gewicht nicht allzu viel darüber aussagt, wie ich mich fühle. Zweitens kann so eine Waage echten Terror ausüben, wenn die Werte nicht stimmen, eine dreistellige Anklage in LED. Und drittens habe ich andere Indikatoren. Meinen Kleiderschrank zum Beispiel, in dem die Grundausstattung für vier meiner Persönlichkeiten hängt, von M bis XXL. Ich habe einige Lieblingshemden, die ich manchmal anprobiere, in der Öffentlichkeit tragen kann ich sie seit ungefähr letztem September nicht mehr. Wenn ich den Bauch einziehen muss, um hineinzukommen, weiß ich, dass ich deutlich zu viel habe. Aber das heißt noch lange nicht, dass es mich alarmiert. Wenn ich aber nicht einmal mehr die Knöpfe zubekomme, dann ist Holland in Not. Das ist der Moment, in dem das System der gut geschmierten Ignoranz kippt - ins genaue Gegenteil.

Wenn ich mich entschließe, den Trend zu stoppen und umzukehren, dann sammle ich alle Informationen über meinen desolaten Zustand, die ich bekommen kann. Ich lasse meine Leute wissen, dass ich gerade mal wieder dabei bin, ein Bewusstsein zu entwickeln. Ich schaue in jeden verfügbaren Spiegel, ich probiere sogar die größten Jeans bei H&M an, ein hoffnungsloses Unterfangen, wenn man sein Selbstbewusstsein steigern will - die sind mir immer noch zu klein. Mir jedoch geht es um etwas anderes: Ich will meinen Selbsthass befeuern, der latent in mir schlummert. Nur der kann mich durch die öden Monate einer Diät tragen, mich auf den Crosstrainer treiben.

Übernommen aus ... GesundLeben GesundLeben
Ausgabe 2/2010

Zur Person

Zur Person Stephan Bartels, 1967 in Hamburg geboren, absolvierte 1996 die Henri-Nannen-Schule. Seit 1997 arbeitet er bei Brigitte, wo er Porträts und Reisereportagen schreibt, Interviews macht und sogar Modestrecken betextet. Sein erstes Buch, "Der Kilo-Killer", ist seit dem 16. Januar 2008 auf dem Markt.

Seite 1: Mein Leben als Jo-Jo
Seite 2: Die Phase der Erkenntnis
 
 
KOMMENTARE (10 von 11)
 
sunnyboy_1 (08.04.2010, 04:14 Uhr)
besonders abendverkuerzend
finde ich immer die Ausreden von Dicken, die fuer alles eine Erklaerung haben und jeden noch so bekloppten Grund ins Feld fuehren, warum sie so dick sind.

Dabei sind es disziplinlose Allesfresser, die sich lieber totfuttern, als auch nur im Entferntesten daran zu denken, fuers Abnehmen zu leiden.

Bisher ist mir noch keine plausible Erklaerung eingefallen, warum immer mehr Dicke ueber ihre Versagungkuenste hier im Stern schreiben? Gibts dafuer ne Abfindung, oder muessen sich nur die Leser damit abfinden, dass nicht alle privilegiert sind, in diesem Blaettelein schreiben zu duerfen

Tierisch habe ich gelacht, als Frau Emma Steel, oder wars Peel ?, uns Menschen mit einem Braunbaeren verglich, der sich naturbedingt den Ranzen vollfressen muss, damit er ueberlebt.

Was die Jahreszeiten mit dem Gewicht zu tun haben sollen, erschliesst sich wahrscheinlich nicht einmal der Kommentarschreiberin?
.
Hauptsache mal ein Spaessken gemacht.

.

Wuensche weiterhin allen Dicken einen guten Appetit, damit sie der Jojo-effekt nicht umbringt.
emmapeel66 (07.04.2010, 20:03 Uhr)
Mir hats gefallen
Merci,

die Sache mit Humor und Ironie angehen, nur so gehts. Akzeptieren was ist, über sich selbst ein wenig schmunzeln, manchmal auch verzweifelt sein, eben Mensch sein.

Nichts steht geschrieben, die Barrieren sind nur in meinem Kopf, jaja ich weiss.

Kenne das Problem, obwohl sich mein Jo-Jo-Effekt doch in Grenzen hällt.

ich seh das so, hatte grad mal wieder meinen Winterschlaf und uns gehts halt wie dem Braunbären, der sein Fett ansetzt um den Winter zu überleben.

Durchhalten, das ist meine Parole und mal den einzig vernünftigen Satz den Oliver Kahn je von sich gegeben hat zu zitieren:
" Weitermachen einfach immer weitermachen."

ich seh das so, hatte grad mal wieder meinen Winterschlaf und uns gehts halt wie dem Braunbären, der sein Fett ansetzt um den Winter zu überleben.

Bin gerade aufgewacht, hier in Berlin dauert das mit dem Frühling immer ein bißchen länger, dem Winterspeck gehts an den Kragen.

Aber ein Eis ist immer drin
botoxia (07.04.2010, 12:41 Uhr)
Es ist Frühling
Auch ich habe noch meinen Winterkörper. Wie viele. Deshalb liest man zu Zeit auch überall etwas über Diäten. In Frauenzeitschriften ist es am schlimmsten.
also_ne... (07.04.2010, 10:37 Uhr)
@ frixius
Klappe, interessiert hier keinen.
Hier steht nirgends, dass es wissenschaftlich untersucht wird, sondern lediglich, dass jemand seine Erfahrungen beschreibt. Wo liegt also Ihr Problem?
Wenns nicht interessiert, nicht lesen.
Wenn Sie nach den ersten Worten merken, hoppla, nix Politik, nix recherchiert, nur Unterhaltung: Oben links das rote Viereck mit dem x drücken.
Dass wirklich bei jedem Thema irgendwelche Nörgler schreiben müssen, wie schlecht der Artikel ist, Bild-Niveau, bei anderen Themen Kommentar nicht freigegeben, blabla, geht tierisch aufn Keks!
Shanafi (07.04.2010, 09:25 Uhr)
ja was denn nun
was denn nun? Dick sein und als Dicker akzeptiert werden? Oder wollen Sie schlank sein? Da Sie sich nicht entscheiden können, pendeln Sie eben hin und her. Übrigens, wenn man schlank sein will, sollte man nicht auf die Kilos oder wahlweise die Speckrollen starren und sich fragen was mach ich nur um die wegzukriegen. Es ist besser sein Verhalten (Ess- Bewegungs-) anzupassen und abzuwarten was passiert. Aber in *kleinen* Schritten! Es müssen vernachlässigbar winzige Veränderungen sein, die man kaum bemerkt, sich daran gewöhnt und dann beibehält. Anstatt radikal alles zu ändern und den Körper damit in einen Notzustand zu versetzen! Ein Normalgewichtiger beispielsweise wäre schon nach dem geschilderten Mittagessen (ohne Nachtisch!) für den Rest des Tages pappsatt. Solange Essen die zentrale Sache bleibt, besteht eine Essstörung. Und nicht vergessen: bei jedem Abnehmen verliert man Muskelmasse, das ist schlecht fürs Herz (Muskel!) und sorgt dafür daß der Grundumsatz immer weiter sinkt. Hinterher wiegt man vllt genausoviel wie vor der Diät, hat aber mehr Fett und weniger Muskeln und verbraucht auch weniger Kalorien! Ich empfehle Ihnen weniger Hektik und kleinere Schritte (zb einfach mal den Nachtisch auslassen und sich daran gewöhnen etc).
Frixus (07.04.2010, 05:53 Uhr)
BILD-Niveau
mehr ist hier hier seitens der Redaktion nicht mehr!
Frixus (07.04.2010, 05:52 Uhr)
Ach?!?
Zu solchen Themen darf man noch Kommentare abgeben. Stern - wie low bist du gesunken??!?
sunnyboy_1 (07.04.2010, 03:47 Uhr)
und ewig gruesst das Warzenschwein
hi "Step-speck", erinnerst du dich noch an mich, den ewigen Stachel, der sich in deine fette Haut gebohrt hat und dir klar zu machen versuchte, was das Wichtigste beim Abnehmen und dem Verhindern vom jojo ist??

ja, ich bins, der nette sunnyboy von nebenan ;-) Gruess dich, alter "Fettsack".

mittlerweile kennst du mich ja so gut, dass du inzwischen weisst, wie du meine impressionanten Ratschlaege zu deuten hast.

Habe mich immer gefragt, was aus dir geworden ist. Da stosse ich auf diesen Artikel und kann es kaum glauben, dass du immer noch nicht geschafft hast , trotz vieler "schlauer" Buecher und guter Ratschlaege von "Essperten" , dein Wunschgewicht zu erreichen, geschweige es zu halten.

Was bietest du mir, und vor allem die anderen, die mit dem gleichen Problem des jojos kaempfen, wenn ich euch verrate, wie man das schafft ??

Wenn du willst, schreib mir mal, du hast doch noch meine e-mail-adresse, oder nicht ??
ronnymaldives (07.04.2010, 01:16 Uhr)
Yep...
Sie haben mir es leider auch wiedermal verdeutlicht...seit Dezember von 110kg auf aktuell 97kg runter...mit der momentanen tendez...steigend...ein ewiges up+down...denke es geht wirklich vielen so...
Scrubbie (06.04.2010, 23:00 Uhr)
Danke, Herr Bartels
Es ist mir ein Trost zu lesen, dass ich nicht der einzige behämmerte Mensch auf der Welt ist, der sich ständig fragt, welcher Schalter da im Kopf nicht funktioniert! Das alles habe ich auch seit Jahren. Der Stolz, die Lässigkeit, den Optimismus wenn man abnimmt. Und dann wieder dieser völlig unerklärliche Zustand der Gleichgültigkeit, besser noch des völligen Verdrängens und natürlich in unseren Augen und denen der Umwelt: Versagens. Was passiert da mit einem? Was ist es, wirklich Sucht? Ich bin manchmal verzweifelt.
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