Selbstbefriedigung ist die einfachste Art, einen Orgasmus zu erleben. Sie bereichert das Liebesleben, auch von glücklichen Paaren.

Theresa, 22: "Seit vier Jahren lebe ich in einer festen Beziehung, aber ich onaniere eigentlich genauso häufig wie vorher."© Thomas Karsten
Die meisten Praktiken der Liebe werden viel und gern auch öffentlich diskutiert: Zweier, Dreier, alle erdenkliche Stellungen, hetero, homo oder bi. Nur der Sex im Alleingang, die kleine Lust mit sich selbst, findet nach wie vor im Verborgenen statt. Als wäre sie noch heute, als was sie seit biblischer Zeit galt: Inbegriff von Schuld, Sünde schlechthin.
Ein Tabu, das Männer und Frauen brechen. Sie erzählen, wie sie sich selbst befriedigen, wie es sich am schönsten anfühlt, wann sie es am liebsten tun und was sie dabei denken. Sie reden ohne Scham und Scheu, und das ist ungewohnt, neu, auch befremdlich, denn von den Wonnen in diesem intimsten Winkel der Sexualität spricht man - eigentlich - nicht. Dabei ist die Selbstbefriedigung die erste und häufigste Art von Sex, die Menschen im Laufe ihres Lebens betreiben. Auch die unkomplizierteste, denn diesen Lustgarten hegt der Besitzer ganz allein, ohne fremde Erwartungen, ohne Zwang zur Rücksicht, ohne Leistungsdruck. Die Onanie ist die einfachste und zuverlässigste Art, einen Orgasmus zu bewirken. Mögen Partnerschaften zerbrechen, Bettgenossen kommen und gehen - die eigenen Hände bleiben einem treu.
Anscheinend wird am Anfang des neuen Jahrtausends so viel allein gesext wie nie. Einer Studie der Bonner Universität zufolge befriedigen sich 90 Prozent aller Männer und 86 Prozent der Frauen regelmäßig selbst - jung wie alt, egal, ob gebunden oder nicht. Eine vergleichende Untersuchung der Abteilung für Sexualforschung an der Universität Hamburg unter 12.000 Studenten verzeichnete in den vergangenen 30 Jahren einen Anstieg um 22 Prozent bei den Männern; die Zahl der Frauen, die sich bekennend selbst befriedigen, verdoppelte sich sogar. Die Masturbation, so befindet Studienleiter Professor Gunter Schmidt, wurde offenbar neu entdeckt. Männer tun es zwar immer noch häufiger als Frauen, doch letztere ziehen nach. Die Onanie hat das Stigma der Ersatzbefriedigung verloren - sie gedeiht weitgehend unabhängig neben dem Sex zu zweit.
70 Prozent der Männer und 90 Prozent der Frauen erleben die Selbstbefriedigung als eigenständige Spielart der Sexualität. Die Hälfte aller Männer macht, auch in festen, glücklichen Beziehungen, mindestens einmal pro Woche den Narziss mit Goldhand. "Früher war das ein Entsorgungsakt", sagt Sexualforscher Schmidt, "heute wird es auch als Ressource genutzt, die Partnerschaft zu intensivieren oder mit sich selbst etwas Lustvolles anzufangen."
Bei Frauen wird die Eigenlust durch ein befriedigendes Paarleben sogar noch befördert. "Gerade wenn sie in glücklichen Beziehungen leben, können viele Frauen sehr lustvoll masturbieren", stellt Ulrike Brandenburg fest, Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin und Sexualwissenschaftlerin an der Uniklinik Aachen. "Wenn sie dagegen traurig sind, etwa wegen einer Trennung, haben sie eher Probleme damit." Die Sexualtherapeutin weiß von vielen Frauen, die berichten, direkt nach dem Höhepunkt beim Geschlechtsverkehr noch einmal zu onanieren. Die Frauen genießen es: Weil es so schön war, wollen sie das Gefühl in Gang halten, einfach so, kurz vorm Einschlafen.
Die reizvollsten Vorlagen liefert dabei die Fantasie: die schönsten Frauen, die glamourösesten Männer - im Hirn ist alles möglich. Auch das ist ein Grund dafür, dass Masturbation und Partnersex so friedlich koexistieren können. Männer, die es mit sich selbst treiben, sind in Gedanken angeblich meistens bei ihrer Traumfrau; Frauen dagegen vor allem bei sich selbst und ihren intimsten Empfindungen. Aber auch Sex mit Fremden, schwule und lesbische Begegnungen, Inzest, Vergewaltigung, Prügelszenen dienen als virtuelle Vorlage - mit realen Wünschen hat das Kino im Kopf nicht unbedingt zu tun.
Sich selbst zu lieben, ist zudem gesund. Jeder Orgasmus trainiert den Pubococcygeus-Muskel im Beckenboden zwischen Schambein und Anus. Das beugt Blasenschwäche vor und kann das sexuelle Erleben auf Dauer verstärken, denn diese Zone ist für die Weiterleitung der Erregung über die Nerven ins Gehirn zuständig. Der Orgasmus wirkt gegen Stress, Kopfschmerzen oder Regelprobleme.
Vom lustvollen Solo profitiert auch das partnerschaftliche Liebesleben: Die Psychotherapeutin Eva Poluda-Korte hält die Handarbeit für die wichtigste Einstimmung auf den Sex à deux, weil "die Kommunikation mit sich selbst" den Menschen erst reif für den erfolgreichen Paarlauf mache. "Wer nicht onanieren kann, kann nicht selbstständig denken. Denn begreifen", meint die Kölnerin, "ist doch auch ein körperlicher Vorgang."
Was das Begreifen angeht, holen laut Statistik vor allem die ganz jungen Frauen auf: Mit durchschnittlich 15 Jahren hat heutzutage die Hälfte die Lustbarkeit ihrer Körper erkundet, fast acht Jahre eher als in den Sechzigern. Beim ersten Sex mit einem Mann kennen die Teens bereits ihre erogenen Zonen, ihre Erregbarkeit, ihren Orgasmus. "Heute begegnen sich beim ersten Sex zwei Menschen, die beide Orgasmuserfahrungen haben. Auch die Frauen haben jetzt ihr Skript im Kopf", lobt Sexualwissenschaftler Schmidt. Weil die Sexualität auf diese Weise stärker von Frauen, ihren Grenzen, Wünschen und Erfahrungen mit dem eigenen Körper geprägt werde, sei sie weiblicher geworden. Die Selbstbefriedigung als gewaltiges Sozialisierungsprogramm.
Und als Therapeutikum. Ulrike Brandenburg sieht in der erotischen Selbstentdeckung auch einen Weg zu den eigenen Wünschen, zu verborgenen Verletzlichkeiten und verschütteten Erfahrungen. Eine Expedition, auf die sie ihre Patientinnen bisweilen schickt, auch wenn diese mit vermeintlich körperfernen Leiden wie Depressionen zu ihr kommen. "Die Wiederentdeckung des eigenen Körpers und Begehrens durch die Onanie und das Spiel mit der eigenen Erregung kann für die Frauen ein Schlüssel sein, um wieder gesund zu werden." Brandenburg gibt gerne Hausaufgaben auf: sich selbst betrachten, berühren, sich vor dem Spiegel erregen. "Das ist ein Bereich, über den die Frauen enorm an Selbstbewusstsein und Selbsterkenntnis gewinnen können. Manchmal führt das fast zu einer Neuentdeckung: Da ist ja noch was an mir, was funktioniert." Bis ins hohe Lebensalter sogar.