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15. September 2007, 09:53 Uhr

Die Fürstin der Finsternis findet zum Licht

Nach zahlreichen Vampir-Romanen kehrte Anne Rice zurück zum katholischen Glauben. Jetzt überrascht sie mit einem ganz besonderen Untoten: Sie veröffentlicht die fiktive Autobiografie von Jesus Christus. Von Stephan Maus

Vor ihrer Bekehrung dienten Rosenkränze Rice höchstens als Requisiten in ihren barocken Romanen - heute sind sie ihr heilig© Todd Williamson/ WireImage.com

"Nach draußen? Maximal für zwei Minuten." Anne Rice zurrt an dem Tuch, das der Fotograf über ihr Sofa drapiert hat – als würde sie sich am liebsten in den schwarzen Stoff hüllen. Wie düster ihr Blick glänzt; beinahe wie ihr Bösendorfer- Flügel. Ob der Fotograf dieses Tuch durch ihre Pupillen direkt aus dem Dunkel in ihrem Kopf gezogen hat? Warum will sie ihren Bungalow nicht verlassen? Hat sich diese Königin der modernen Schauerliteratur schon so sehr den Schattenwesen aus ihren Vampir-Romanen angeglichen, dass sie beim ersten Kontakt mit dem Tageslicht zerfallen würde? Ist das der teuflische Preis für eine Gesamtauflage von mehr als 50 Millionen Exemplaren?

Nein, so kommt man nicht weiter. Man muss sich der distanzierten 65-Jährigen sachlich nähern. In ihrer ernsten Aura zerfallen all ihre Mythen zu Staub. Sie will nicht raus aus ihrem klimatisierten Bungalow in prunkvollem Hollywood-Barock, weil sie diabeteskrank ist und die Außentemperatur fürchtet: Da draußen liegt Palm Springs unter einer Gluthitze von 43,9 Grad Celsius. Die Hitze hat jegliche Farbe aus der Landschaft gesengt. Nur unter dem steten Ballett von 1001 Rasensprengern grünt es - aber sehr kontrolliert. Palm Springs ist das Reich strenger Gärtner. Ein Reich mit scharf gezogenen Grenzen: Gleich hinter Rices Garten flirrt die Mojave Desert. Dort gedeihen nur noch Gestrüpp und Klapperschlangen. Nach fast 20 Jahren im tropischen Klima von New Orleans ist Rice Anfang 2006 in die Wüste gegangen. Um einen Schnitt zu setzen; um in einer Landschaft zu leben, die im Einklang mit ihrer Seele steht. Sie konnte nicht mehr so weiterleben wie zuvor. Zu tief war der Wandel, den sie durchgemacht hatte.

Gute gegen Böse, Tod und Unsterblichkeit

Anne Rice macht keine halben Sachen. Bei ihr ist alles bigger than life. Nach 39 Jahren des Zweifels ist sie 1998 zum Glauben ihrer Jugend zurückgekehrt. Sie stammt aus einer katholischen Familie. Aus Freiheitsbedürfnis und sexueller Neugier hatte sie sich als junge Frau vom Katholizismus losgesagt. Selbst schwere Schicksalsschläge hatten sie nicht zurückbringen können. 1972 starb ihre fünfjährige Tochter Michele an Blutkrebs. Von da an wurde Blut zu Rices Obsession. Blut, Tod, Einsamkeit: Jeder ihrer Vampir-Romane variiert diese Themen. Gleich in ihrem ersten Buch, "Interview mit einem Vampir", verlieh sie Michele posthum die Unsterblichkeit, indem sie die Tochter als Mädchen- Vampir auftreten ließ. Doch Trost fand Rice in ihren Gothic Novels nicht: Zusammen mit ihrem Mann, dem Dichter und Maler Stan Rice, versank sie für Jahre im Alkohol.

In ihren Romanen verhandelte sie die Fragen, die sie aus den Messen ihrer Jugend kannte und die sie nun ohne Gott lösen musste: Gute gegen Böse, Tod und Unsterblichkeit - das universelle Lebensquiz. Aus jedem Detail von Rices barocken Kulissen spricht ihre Faszination für den Glanz des katholischen Ritus. Und wenn Rice heute dem Besucher in einem schweren Kristallkelch Vittel servieren lässt, beschleicht einen das Gefühl, dass aus diesem Gefäß auch ihr Vampirheld Lestat de Liancourt den Blutschwall eines besonders wertvollen Jahrganges hätte verkosten können. Zusammen mit ihren Vampiren richtete Rice sich in einer gottlosen Welt ein, indem sie die Leere mit dekadenter Pracht füllte. Stärker noch als die Blutgier ihrer melancholischen Nachtgestalten ist deren Sinnhunger. Sie hat den existenzialistischen Blutsauger erfunden. Nicht vergebens haben sich diese philosophierenden Untoten auf Sinnsuche gemacht: Nach sechs Vampir-Romanen, die zahllose Mythen der Literaturgeschichte zur Ader ließen, fand Anne Rice zurück zum Glauben. Kurz nach ihrer Rückkehr zur Kirche bat sie ihren Mann um eine kirchliche Trauung - nach 37 Jahren Ehe.

"Die Chroniken gibt es nicht mehr. Gott sei Dank!"

Zwei Tage nach dieser Trauung fiel die Vampir-Königin in ein Diabetes-Koma und war klinisch tot. Wieder der Fluch des Blutes! Doch die Ärzte holten sie zurück ins Leben. Anne Rice wurde neu geboren. Ihr Mann starb vier Jahre später an einem Hirntumor. Seine lodernden Gemälde schmücken die Wände von Rices Zuhause. Die bekehrte Vampir-Königin schrieb noch ein paar Schauerromane. Doch sie steckte in einer Sackgasse: Ihre Literatur passte nicht mehr zu ihrem Glauben. Verzweifelt jagte sie ihre Vampire in immer absurdere Abenteuer. Die letzten Romane missfielen selbst ihren Fans. In einem wütenden Beitrag auf amazon.com kündigte Rice das Ende des Vampir-Zyklus an: "Die Chroniken gibt es nicht mehr. Gott sei Dank!" Sie entsagte den Fürsten der Finsternis, schaute zu ihrem neuen Herrn auf und schwor ihm, nie wieder eine Zeile zu schreiben, die nicht sein Lob singen würde. Die Untoten waren für immer gestorben. 2005 überraschte Rice mit dem ersten Band einer auf vier Romane angelegten fiktiven Autobiografie von Jesus Christus, der nun auf Deutsch erscheint.

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Ausgabe 37/2007

Der neue Roman

Der neue Roman Anne Rice: "Jesus Christus. Rückkehr ins Heilige Land", Hoffmann und Campe, 19,95 Euro

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