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Leben unter Fundamentalisten

Deborah Feldman wuchs in einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde in New York auf. Ihr Buch „Unorthodox“ erlaubt den Blick in eine verschlossene Welt, in der Frauen weniger Rechte haben als Männer. 

Von Sylvia Margret Steinitz

Deborah Feldmann hat über ihr Leben als ultraorthodoxe Jüdin ein Buch geschrieben

Deborah Feldmann hat über ihr Leben als ultraorthodoxe Jüdin ein Buch geschrieben

Ab und zu denkt sie noch an die Straßenzüge von Williamsburg im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Hört die Schritte der Männer in ihren schwarzen Mänteln, mit wippenden Schläfenlocken unter riesigen Pelzkappen. Das Summen der Stimmen, das sich beim Näherkommen als Jiddisch entpuppte. Sie erinnert sich an die Mädchen, die von den Wohnungsfenstern aus beobachteten, wie an Lag Ba’Omer, einem jüdischen Festtag, auf der Straße Freudenfeuer entzündet wurden. Eines dieser Mädchen war sie selbst, Deborah. Sie durfte nur zusehen, wenn die Männer um die Flammen tanzten. Ihr war es verboten.

Oft denke sie aber nicht mehr an ihr altes Leben, erzählt Deborah Feldman beim Treffen in Berlin, wo sie seit eineinhalb Jahren lebt. Sie hat in die Küche ihrer Wohnung in Kreuzberg geladen, es gibt Kuchen nach einem Rezept ihrer Großmutter, einer Überlebenden des Holocaust. "Bei den Juden", sagt sie in bereits fließendem Deutsch, "schwingt der Holocaust immer mit. Aber bei den Satmarern durchdringt er alles, was du tust." Die Vernichtung durch die Nazis, so lehren ihre Rabbiner, sei die Strafe Gottes dafür gewesen, dass die Juden sich assimiliert, sich an die Welt der nichtjüdischen Mehrheit angepasst hätten. Nur das Leben nach den Gesetzen,so wie diese in den Schtetln von Osteuropa seit Jahrhunderten ausgelegt wurden, sei gottgefällig und könne einen neuen Holocaust verhindern. "Jede Handlung dient dazu, Gott zu besänftigen." 

Die auf 120. 000 Mitglieder geschätzten Satmarer, benannt nach der ausgelöschten Gemeinde ihres Gründers, Satu Mare im heutigen Rumänien, sind die größte und verschlossenste aller chassidischen Gruppen in den USA, wo ultraorthodoxe jüdische Bewegungen rasant wachsen. Was die Nazis zerstörten, soll hier neu erblühen, es gilt, Nachkommen zu zeugen, um die Lücken in den Reihen der Juden zu schließen – "die ultimative Rache an Hitler", wie Deborah Feldman in "Unorthodox" schreibt, einer autobiografischen Erzählung über ihr Leben in der Welt der Satmarer. Mehr als eine Million mal verkaufte sich der unverblümte, berührende Bericht über die Selbstbefreiung der jungen Frau von einer aus religiöser Überzeugung dem Gestern zugewandten Gemeinschaft.

Männer und Frauen leben getrennt 

Bei den Satmar-Chassiden leben Männer und Frauen weitgehend getrennt. Das Studium der heiligen Schriften steht über allem und ist Männern vorbehalten. Fernsehen, Internet und weltliche Bücher gelten als schädlich, der Kontakt zur Außenwelt ist aufs Notwendigste beschränkt. Es ist ein streng behütetes Leben, getragen von jahrhundertealten Traditionen und dem Zusammenhalt der Großfamilie. "Aber ich habe schon als Kind alles hinterfragt", sagt Deborah Feldman. "Etwa, ob Gott uns wirklich einen neuen Holocaust schickt, wenn ich meine Knie nicht bedeckt halte." Im Gespräch wie im Buch offenbart sie einen scharfen Verstand – geschliffen durch die Lektüre "verbotener" Bücher und ein heimlich begonnenes Literaturstudium.

"Ich hatte immer einen starken Willen. Und ich wusste früh, ich würde dort irgendwann rauskommen." Die junge Deborah war als Scheidungskind eine Außenseiterin: der Vater geistig zurückgeblieben, die Mutter geflüchtet, nachdem sie nach der arrangierten Hochzeit merkte, wen man ihr da zum Ehemann gegeben hatte. Deborah wuchs bei ihren Großeltern auf, "den einzigen Menschen, die mich liebten, wie ich war". Sie war 13, als ihr Cousin sie gegen die Kellerwand drückte und versuchte, ihr die Kleider vom Leib zu reißen. Sie entkam, schwieg lange darüber, aus Scham und Angst. Mit 17 wurde sie verheiratet. Ihren Mann traf sie dreimal, dann wurde Hochzeit gehalten, Männer und Frauen feierten getrennt. Das erste Ehejahr wurde zur Katastrophe. Schonungslos erzählt Deborah Feldman in ihrem Buch, wie sich ihr Körper ihrem Mann förmlich verschloss. Vaginismus, eine starke Verkrampfung der Scheidenmuskulatur,tritt bei Satmar-Frauen öfter auf, erfährt sie. Die letzte Abwehr eines Körpers gegen seine Vereinnahmung.

Empfängnisverhütung ist verboten

Die wichtigste Aufgabe einer Satmarer Frau ist es, Kinder zu gebären. Fünf, sechs, acht sind ganz normal. Sex ist nur an fruchtbaren Tagen erlaubt, Empfängnisverhütung verboten. Die Hälfte des Monats gilt sie als "unrein", ihr Mann darf sie dann nicht berühren. Ist eine orthodoxe Jüdin erst verheiratet, trägt sie eine Perücke oder ein geschlungenes Kopftuch: Ihr Haar soll niemanden in Versuchung führen. Die Satmarer Frauen rasieren sich überdies den Kopf, so kann garantiert kein Härchen herausstehen. "Sittsamkeit" steht über allem. "Ständig wirst du ermuntert, die Regeln für dich selbst weiter zu verschärfen", erzählt Deborah. "In der Schule erzählten sie ehrfürchtig von der Frau eines Rabbiners, die ihren Rock mit Nadeln an ihren Waden feststeckte, damit kein Windstoß ihre Beine entblößte." 

Es wäre ein Leichtes, Feldmans Buch mit wohligem Gruseln zu lesen, den Kopf über "religiöse Spinner" zu schütteln und es dabei zu belassen. Aber es ist eben auch die Schilderung des Ringens einer jungen Frau um Selbstbestimmung. Es gibt Deborahs bei Chassiden wie bei Salafisten, bei Mennoniten wie bei Katholiken – überall dort, wo ein göttlich legitimiertes Weltbild auf dem Rücken der Frauen verwirklicht wird. "Unorthodox" zeigt, wie notwendig die Stärkung von Frauenrechten selbst dort ist, wo man sie längst als selbstverständlich nimmt. Mitten in New York etwa. Wo Deborah derart abgeschottet lebte, dass sie von den Terroranschlägen des 11. September anfangs gar nichts mitbekam.

Bei den Satmarern ist sie Hassfigur

"Wir saßen ahnungslos in der Schule. Erst viel später erfuhren wir, was wenige Kilometer entfernt passiert war." Mithilfe eines Anwalts- und Beraterteams erlangte Deborah die Scheidung und sogar das Sorgerecht für ihren Sohn. "Das haben mir viele nicht verziehen", sagt sie, "dass ich unversehrt und mit meinem Kind da raus bin." Bei den Satmarern ist sie Hassfigur. Doch die Gemeinde hat inzwischen ganz andere Skandale zu verarbeiten: Vergewaltigung von Kindern durch einen Rabbiner, Finanzbetrug, Unterschlagung staatlicher Fördergelder. Deborah weiß davon nur aus der Zeitung. Ihr neues Zuhause ist Berlin. Für sie ist die Stadt nicht die einstige Kommandozentrale des Holocaust, "sondern ein Ort der Revolution und des Aufbruchs". Ja, auch sie nimmt irgendwie Rache an Hitler, bloß auf ihre Art. "Meine Rache ist, einfach hier zu leben. Ohne Groll. Und ohne Angst."

Buch-Info "Unorthodox" von Deborah Feldman, Secession Verlag für Literatur, € 22,-

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