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12. Oktober 2007, 08:27 Uhr

Eine Frau ohne Moden

Sie galt gegen ihren Willen als der Inbegriff des Feminismus. In Klassikern wie "Das goldene Notizbuch" stellte sie immer wieder die Beziehung zwischen Mann und Frau in den Mittelpunkt. Heute hat die 87-jährige Schriftstellerin für politisches Engagement nicht mehr viel übrig. Von Gerda-Marie Schönfeld

Die britische Schriftstellerin Doris Lessing schmückt sich mit der höchsten Auszeichnung der Literaturwelt© Oliver Berg/DPA

Das viktorianische Häuschen im Norden Londons hat eine schmale, unendlich steile Treppe. Man blickt hinauf und denkt: Oh, das schreit nach Oberschenkelhalsbruch. Oben steht eine alte Dame und sagt: "Kommen Sie rauf, aber langsam". Doris Lessing gibt mir auf der letzten Stufe die Hand und seufzt: "Ich mag diese Treppe nicht". Kann ich verstehen.

Die beiden Zimmer im ersten Stock sind überladen mit Büchern, Zeitungen, Papieren. Ein Schriftstellerdomizil eben. Dabei sieht sie aus wie eine robuste Farmersfrau, und so kleidet sie sich auch: langer Rock, grobe Strickjacke, handfeste Schuhe. Sie deutet auf ein uraltes Sofa und sagt: "Setzen Sie sich". Als ich bis auf den Boden in dem dunklen Ungetüm versinke, weiß ich: Diese Frau kann nichts wegwerfen. Das Sofa ist seit Jahrzehnten nicht aufgepolstert worden. Im Keller stapeln sich Kisten, Möbel, ein Fahrrad. "Ich sollte mal aufräumen" seufzt sie. Und man weiß - sie wird es niemals tun. Ihr Garten ist ein kleines Paradies mitten in der Großstadt, so anheimelnd verwildert, dass man gleich auf dem Bänkchen Tee trinken möchte.

Kommunistin in den Swinging Sixties

Doris Lessing hat soeben, es ist im Jahre 2003, ihr neues Buch veröffentlicht: "Ein süßer Traum". Es beschreibt die kommunistischen Utopien in Europa wie in Afrika, und ihre Konsequenz ist radikal: "Ich mag keine Utopien. Sie enden meist in Konzentrationslagern". Aber natürlich waren alle ihre Freunde, sie auch, "in diesem verrückten glamourösen Jahrzehnt", in den Sechzigern, Kommunisten. Wieso natürlich? "Weil es einfach so war. Waren Sie nie Kommunist?" - "Natürlich nicht, wir sind vor den Kommunisten aus der DDR geflüchtet. Da ist man dann einfach kein Kommunist", sage ich, und sie lacht ein bisschen und meint: "Naja, wahrscheinlich war es einfach lustiger, in swinging London Kommunist zu sein, als in der DDR." Dagegen ist einfach nichts einzuwenden.

Nach ihrem Abschied vom Kommunismus vor 50 Jahren hat sich Doris Lessing keiner Mode mehr angeschlossen, auch nicht der feministischen. Dass ihr Hauptwerk "Das goldene Notizbuch" als Bibel des europäischen Feminismus hoch gehandelt wurde, hat sie stets geärgert. Eine Frau, nur weil sie eine Frau ist, die schreibt, mit dem höchsten Literaturpreis auszuzeichnen, hätte Doris Lessing mächtig verstimmt. Das haben die Juroren aber auch nicht getan. Sie haben eine Schriftstellerin für ihr Lebenswerk ausgezeichnet, die sich seit Jahrzehnten jedem ideologischen Chic verweigert.

Von Gerda-Marie Schönfeld
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
Anemone (12.10.2007, 09:29 Uhr)
Besonders
freue ich mich, daß Doris Lessing nach all den Jahren weise geworden ist!! Doch ich meine, daß sie trotz ihrer Weisheit sich über diese Anerkennung etwas freuen wird. Ich wünsche ihr Segen!
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