Ein alter Zausel ermittelt gegen seinen Willen als Pathologe. Und das in einem Land, von dem man nichts weiß: in Laos. Colin Cotterill packt in seine Krimis mehr Exotik als jeder andere Autor. Nun erscheint der erste von vier Bänden um den Gerichtsmediziner "Dr. Siri" auf Deutsch. Im Gespräch mit stern.de erklärt der Engländer, wie man in Südostasien Leichen aufschneidet. Von Andrea Tholl

Colin Cotterill verfasst seine Kriminalromane - zunächst handschriftlich - auf einer einsamen Insel in Thailand© Jessi Wichaiwong
Dieses Land blieb in der fiktiven Literatur bisher tatsächlich fast unerwähnt, was ich ändern wollte. Man kennt Laos vielleicht als Nebenschauplatz des Vietnamkriegs. Aber die wenigsten wissen, dass im zweiten Weltkrieg auf Laos mehr Bomben geworfen wurden als auf Deutschland und Japan zusammen. Damit gehört es sogar zu den am stärksten zerbombten Ländern dieser Erde.
Eine sehr faszinierende Zeit. Man braucht im Grunde keine Geschichte mehr zu erfinden, sondern kann einfach erzählen, wie es war. Für einen Ermittler ist es sicherlich schon schwer genug, an einem sicheren und komfortablen Ort zu arbeiten. Wenn man aber - wie Dr. Siri - kaum die alltäglichen Dinge erledigen kann, ohne eine offizielle Genehmigung zu benötigen, wenn reisen kaum möglich ist oder man keine richtige Ausrüstung hat, wird alles zehnmal so schwer.
Das Land wurde kommerzieller und gleichzeitig korrupter. Und in den späten 80er Jahren verabschiedete man sich von der Vorstellung, aus dem Land ein kooperatives System machen zu können. Die Armen sind noch immer arm und die Laoten können nicht frei entscheiden, wer sie repräsentiert. Allerdings gibt es neuerdings eine kleine Hoffnung auf kommerziellen Erfolg, wenn man ein Geschäft hat. Laos ähnelt in vielerlei Hinsicht Birma, aber um Laos kümmert sich keiner. Es ist in der öffentlichen Wahrnehmung wie eine kleine graue Maus.
Mag sein. Es herrscht wirklich das totale Chaos. Aber ich mag diese Situation. Der Leser kann Dr. Siri zuschauen, wie er in diesem Durcheinander zurecht kommt, in dem andere verrückt werden würden.
Durchaus, aber das habe ich geschickt gelöst, indem zwischen den Büchern immer nur eine Woche oder zwei liegen. Wenn Siris nächstes Lebensjahr vorüber ist, sind wir schon bei Band sechs. Aber selbst, wenn ich ihn umbringe, bedeutet das nicht, dass er ganz weg ist. Der Hauptgrund für diesen Charakter: Diese Generation ist in der Literatur unterrepräsentiert. Meine Mutter ist 82, mein Vater 84. Er ist noch immer sehr aktiv, klettert auf dem Dach herum, rückt Möbel umher. Meine Mutter geht am Wochenende noch tanzen. Wenn ich sie besuche, fühle ich mich wie der älteste Mensch im Haus, weil ich nichts davon tue.
In erster Linie wollte ich einen Protagonisten erschaffen, der in der Lage war, ein sensibler Leichenbeschauer zu sein. Er sollte Zugang zu den Menschen haben, die er als Pathologe untersuchen muss. Ich wollte dem Ganzen noch eine weitere Dimension geben. Im Fernsehen sieht man oft Tote, die einfach aufgeschnitten und zersägt werden. Wenn man aber davon ausgeht, dass sie in einem anderen Körper wiedergeboren werden, schneidet man sie respektvoller auf und entnimmt ihre Organe mit mehr Ehrfurcht.
Siri bekommt nur ein bisschen Input. Am Ende löst er die Fälle durch logisches Denken und gesunden Menschenverstand. Aber ohne das übersinnliche Element kann man eben nicht über Südostasien schreiben.
Ich glaube, dass manche Menschen die Fähigkeit haben, durch ein Fenster zum Übersinnlichen zu gelangen, ich aber kann das nicht. Vor einiger Zeit lebte ich in einem alten Haus in Laos. Darin wohnte ein Geist, ein alter General, den alle in diesem Dorf sahen. Sie verehrten ihn und legten Obst vor meine Tür. Auch ich wollte ihn gern einmal sehen, aber er ist mir nie erschienen. Leider.
Überhaupt nicht. Ich bin Agnostiker oder noch etwas Stärkeres. Religion halte ich für sehr gefährlich. Ich kann zwar verstehen, dass Menschen etwas brauchen, um sich festzuhalten, aber Religion ist nicht das Richtige. Je mehr ich gereist bin und je mehr Religionen ich kennen lernte, desto gefährlicher erschienen sie mir. Der Buddhismus ist noch die ruhigste und logischste von allen. Aber auch da gibt es Korruption, Gewalt, Missbrauch an Frauen und Kindern. Menschen denken, sie könnten mit ihrer Religion diese Dinge entschuldigen. Das können sie aber nicht.
Zur Person Colin Cotterill wurde 1952 in London geboren. Nach einer Ausbildung zum Englischlehrer begab er sich auf eine Weltreise, die bis heute andauert. Er lebte lange in Australien, Japan, Thailand und Laos, wo er Englischkurse an verschiedenen Universitäten gab und sich als Sozialarbeiter ausbeuten ließ. Er engagiert sich außerdem stark im Kampf gegen Kinderprostitution. Mittlerweile ist der Hundeliebhaber und begeisterte Comic-Zeichner in Thailand sesshaft geworden.
"Dr. Siri und seine Toten" ist der Auftakt zu einer vierbändigen Serie um einen alten, aber agilen Leichenbeschauer in Laos. Sollten sich die Bücher gut verkaufen, könnte Cotterill sich das Haus bauen, für das er schon den Grund und Boden erworben hat.