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5. Mai 2009, 10:54 Uhr

Fünf Geschichten vom Sterben

Sie war die "Stimme ihrer Generation", ein "Fräuleinwunder", Ikone der Berliner Republik. Eine halbe Million Exemplare hat Judith Hermann von "Sommerhaus, später" verkauft. Elf Jahre nach dem Erfolg veröffentlicht sie ihren dritten Erzählband "Alice". Im stern.de-Interview spricht sie über das, was bleibt.

Judith Hermann,

Judith Hermann, 38, ist eine der renommiertesten deutschen Autoren© Jürgen Bauer/S. Fischerverlag

Ihr Debüt "Sommerhaus, später" ist als "Sound einer neuen Generation" gefeiert worden. Ihren zweiten Band "Nichts als Gespenster" haben Kritiker als "im Kern trivial" bezeichnet. Sind Sie gewappnet für die Kritik an ihrem dritten Erzählband "Alice"?

Also vor einer Woche habe ich gedacht, dieses Mal wird es mir weniger ausmachen. Ich werde gewappnet sein, und schwieriger als beim zweiten Buch "Nichts als Gespenster" kann es gar nicht werden. Und heute weiß ich doch, dass mich das, was da kommt, mitnehmen wird. Auch verletzen. Aber es geht vorbei - das ist das einzige, was man sich da tröstend sagen kann.

Was war für Sie aufrüttelnder: Die einschüchternden Lobeshymnen vor elf Jahren? Oder die verletzende Kommentare, die später kamen?

Lob ist ein Geschenk. Und Kritik ist ein Einfluss - Kritik erzeugt ein komisches Innehalten beim Schreiben, ein Zögern, eine Unruhe. Als stünde die Tür immer einen Spalt weit offen - ich bin nicht ganz allein.

Denkt man da über einzelne Sätze nach?

Nein, sonst könnte man ja gar nichts aufschreiben. Aber man denkt anders über Zusammenhänge nach. Es gab die Kritik über den fehlenden Hintergrund der Figuren im ersten Buch, keine Information über ihre Berufe, Studiengänge, Biographien. Im zweiten Buch haben deshalb alle einen Beruf bekommen, und im dritten habe ich jetzt bewusst wieder darauf verzichtet. Der Leser darf sich das ausdenken.

Sind Sie eine disziplinierte Schreiberin, setzen Sie sich jeden Morgen wieder hin, wie Thomas Mann?

Es gibt viel Zeit, in der ich nichts schreibe, jetzt gerade schreibe ich nicht. Das Thomas Mannsche Schreiben ist vielleicht der Traum eines Schriftstellers, aber Thomas Mann hatte auch die nötige familiäre Autorität. In meiner Familie hält niemand meinen Sohn davon ab, in mein Arbeitszimmer zu kommen. Und wenn ich höre, dass er in der Küche einen Disput führen muss, dann gehe ich aus meinem Arbeitszimmer raus. Und wenn er krank ist, dann schreibe ich nicht. Ich traue mich vielleicht auch gar nicht, dem Schreiben diesen Stellenwert einzuräumen, ich kann auch über eine Geschichte nachdenken, während ich am Spielplatz sitze und darauf warte, dass es Abend wird.

Wo schreiben Sie?

In meinem Arbeitszimmer am Computer. Ich bringe meinen Sohn in die Schule und setze mich um zehn nach acht an den Schreibtisch. Die Schule schafft ganz neue, einfachere Konditionen, obwohl ich in der ersten Schulwoche eher klaustrophobische Gefühle hatte. Es ist schwierig, freiberuflich zu arbeiten, das zu rechtfertigen. Schreiben ist ichbezogen, egozentriert. Statt mein Kind früher aus dem Hort abzuholen, bleibe ich am Schreibtisch, und das muss vor mir selber rechtfertigen, verantworten können.

Sie haben einmal gesagt:"Beim ersten Buch wusste ich von gar nichts. Nach der Veröffentlichung des zweiten Buches dachte ich eine Sekunde lang, ich wäre vogelfrei." Wie fühlen Sie sich jetzt?

Na ja, jetzt weiß ich, dass ich eben nicht vogelfrei bin. Dass sich dieser Zustand wiederholt, nur eben in anderer Gestalt. Nach dem zweiten Buch habe ich gedacht, ich sei über die Klinge gesprungen und das dritte Buch wäre jetzt ganz leicht. Und es war dann ganz und gar nicht leicht, sondern schwierig, so schwierig wie das Schreiben an und für sich immer ist und bleibt.

Also haben Sie nicht einfach weiter gemacht?

Nein, ich bin ein Jahr auf Lesereise gegangen und erst danach habe ich einen neuen Anfang gesucht. Ich werde oft gefragt, was ich in den fünf Jahren eigentlich gemacht hätte. Es scheint absurd zu klingen, wenn ich antworte, dass ich geschrieben habe. Ganz viel Text, der nicht im Buch ist, Text, den ich auf und weg geschrieben habe, um zur eigentlichen Geschichte zu kommen. Das war oft so, als käme ich nicht auf den Punkt, als schriebe ich am Eigentlichen immer genau dran vorbei, erst in der Mitte der ersten Geschichte wusste ich, wie es mit allen fünf Geschichten weiter gehen würde.

Ist von diesen anderen Geschichten noch etwas übrig?

Ja. Wie in diesem Karton voller Fotos die man liebt. Man kann sie nicht wegwerfen und weiß, dass man sie nie wieder ansehen wird. Es gibt viel Text, der noch mit der Zigarette geschrieben ist, und ich kann ganz genau sagen, ab welchem Satz ich nicht mehr geraucht habe. Rauchen ist eine Lebenshaltung, ich musste das Schreiben ohne Zigarette erst lernen. Möglicherweise hat das die Sprache verknappt oder konzentriert. Mit der Zigarette hat man etwas zwischen sich und der Welt. Und wenn die Zigarette weg ist, sitzt man mit dem Text oder dem nicht vorhandenen Text deutlich allein an einem Tisch.

In "Alice" ist einiges nüchterner. Es wird, bis auf einmal, nicht mehr geraucht, es läuft keine Musik.

Ich höre inzwischen komischerweise sehr viel mehr klassische Musik. Alles andere löst so diffuse Emotionen aus, Sehnsüchte, anstrengende Utopien. Aber das ist eben vorüber, bestimmte Veränderungsmöglichkeiten gibt es gar nicht mehr.

"Alice"

"Alice" Fünf Geschichten über fünf Männer. Und eine Hauptperson: "Alice" (S. Fischer-Verlag, 189 Seiten, 18,95 Euro). Sie begegnet dem Tod in jeder Geschichte, sie überlebt den ehemaligen Geliebten "Micha", ihren väterlichen Freund "Conrad", den Bekannten "Richard", ihren Onkel "Malte" und den Lebensgefährten "Raymond". Und erkennt das Flüchtige, das Banale - und das Schöne: Sie staunt über leuchtende Feuerkäfer, sie küsst den sterbenden Geliebten und isst ein Brot mit Kirschmarmelade, als hätte sie noch nie eins probiert. Judith Hermann schreibt in ihrer präzisen, glasklaren Sprache, sie seziert das Leben vor dem Tod und schafft Bilder, die bleiben.

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