Gastarbeiter zwischen den Polen

5. Juni 2008, 19:52 Uhr

Er kam nach Polen, um die Sprache zu lernen - und blieb, um Vorurteile gegen Deutsche abzubauen: Und zwar, indem er sie auf die Spitze trieb. Der Kabarettist Steffen Möller bringt nicht nur ganz Polen zum Lachen, sondern hat als Gastarbeiter vielleicht mehr fürs deutsch-polnische Verhältnis getan als alle Politiker seit Willy Brandt. Von Gerhard Richter

Der Kabarettist Steffen Möller ist der inoffizielle deutsche Botschafter in Polen©

Steffen Möller lehnt höflich ab, natürlich: Warum soll er mit der Staatskarosse der polnischen Botschaft nach Hause chauffiert werden? Er ist doch nur Kabarettist! Aber der Hausherr Dr. Marek Prawda, der polnische Botschafter in Berlin, geniesst die fein dosierte Gegenwehr. Möller kennt die Spielarten slawischer Gastfreundschaft und lässt Prawda noch eine Weile seine Großmut beweisen. Fröhlich protestierend beugt sich der freche Wuppertaler Schlaks letztlich und steigt in den schwarzen Mercedes. Vom Grunewald bis Berlin Mitte hat er nun Diplomatenstatus und könnte straflos tun und sagen, was er wollte. Kann er aber auch so.

Polnisches Porzellan zerdeppern

Dass Steffen Möller wie ein Staatsgast behandelt wird, ist ihm suspekt, er fühle sich wie "der Hochstapler Felix Krull", sagt er auf dem Rücksitz der Limousine und sinniert darüber, wie er mit seinen Witzen und simplen Alltagsbeobachtungen zum Fachmann für deutsch-polnische Beziehungen avanciert ist. "Ich glaube es hat eben damit zu tun, dass viele Deutsche, wenn sie Kontakt mit Polen haben, automatisch in so ne unheimlich vorsichtige Haltung reingeraten. Jetzt bloss kein Porzellan zerdeppern, da gibt es doch jetzt wieder tausend Sensibilitäten und Geschichtssachen - und da sind die dann froh, wenn sie einen finden, der drüben die Befindlichkeiten kennt, der da auch akzeptiert ist in Polen." Möller lehnt sich zurück und tut so, als würfe er jemandem eine heikle Akte auf den Schreibtisch: "Hier Herr Möller! Machen Sie mal! Sie werden das schon so rüberbringen, dass die Polen nicht wütend werden!"

Zeugen einer historische Wendung

"Nach Kaiser Otto III. ist Steffen Möller der beliebteste Deutsche", so hat Grazyna Prawda, die Gattin des polnischen Botschafters den vormittäglichen Privatauftritt angekündigt. Und zur Erklärung für die Damen aus dem Ambassadors Club und anderen staatsschmückenden Zirkeln: Der deutsche Kaiser Otto habe vor tausend Jahren dem polnischen Fürsten Boleslaw die Krone aufgesetzt und aus dem politischen Wirrwarr an der Weichsel mit einem Handgriff das Königreich Polen erschaffen. 70 fein zurechtgemachte Damen halten den Atem an, als kein strahlenumkränzter Held durch die holzgetäfelte Tür tritt, sondern nur ein schmaler junger Mann mit dunklem Anzug und breitem Grinsen. Seine Strahlkraft bewirkt derzeit eine neuerliche historische Wendung: Das deutsch-polnische Verhältnis entspannt sich. Aber wie macht er das?

Heilung per Subtext

Möller erzählt, dass er gar nicht in Wuppertal geboren ist, sondern in Wolfhagen bei Kassel. Er erzählt von den Problemen seiner Mutter, auf Polnisch mehr als "Guten Abend" zu sagen. Diese Normalität überrascht - die Herzen der Damen öffnen sich, und Möller entschlüpft der erste Polenwitz des Vormittags. Ein harmloser alter Witz, aber aus Möllers Mund fühlt er sich an wie ein Kompliment. Während er nämlich das alte Vorurteil strapaziert, alle Polen klauten wie verrückt, entfaltet der Subtext seine heilende Wirkung in den tieferen Schichten des polnischen Nationalbewusstseins. Nach dem Motto: Er erzählt Witze über uns, also sind wir wer!

Denn erstens macht sich Möller auch über Polenwitze lustig, und zweitens ist Möller nicht irgendein Deutscher. Er ist ein Star: 500 Folgen lang machte er in der Fernsehserie "L wie Liebe" den deutschen Kartoffelfbauer Stefan Müller zum Sympathen. Er moderiert zwei Fernsehshows. Er wirbt derzeit in Polen auf Riesenplakaten für Reisen nach Deutschland. Er ist der Berufsdeutsche in Polen. "Er spricht phänomenal Polnisch, und er hat die Vorstellung korrigiert, dass man in Deutschland keinen besonderen Sinn für Humor hat", sagt Polens Botschafter Dr. Marek Prawda über den Volks-Botschafter Möller. "Er ist witzig, offen und er macht sehr kluge Beobachtungen. Für die Generation meiner Tochter ist er ein Idol."

Bedeutende Strichlein

Bei seinen 20 Grenzübertritten im Jahr schleppt Möller Alltagsbeobachtungen hin und her und macht daraus Kulturgut. "Vor allem die Polen in Deutschland fühlen sich nach meinen Auftritten aufgewertet", sagt Möller. Die Polen glaubten, in Deutschland funktioniere alles besser, dabei sei die polnische Kultur reich an Details! Schon allein die Sprache! Minutenlang kann Möller über ein winziges Strichlein über dem "n" fabulieren. Das polnische Weichheitszeichen, dass nun seinen Vornamen so schön ausklingen lässt. Steffennnnnnnnn. Wenn schon ein kleiner Strich so bedeutend ist, wie bedeutend darf sich dann ein ganzer Pole fühlen! Und die Deutschen vergessen aus frischgeweckter Liebe zum Weichheitszeichen die Angst vor dem Autoklau.

Neues Interesse an Polen

450 Besucher in einer Kölner Buchhandlung. Doppelvorstellung in Berlin Mitte. Auftritte beim WDR oder im Bayerischen Rundfunk, von Nord nach Süd - wo immer in Deutschland Möller über den Nachbarn im Osten spricht, wird er zum Brückenkopf. Polen ist plötzlich ganz nah, und jetzt wo man weiß, dass sich in polnischen Zügen seit Jahrzehnten die Speisekarte nicht verändert hat, kann man das kultig finden und einfach einsteigen. Sein Ratgeber "Viva Polonia" prägt mit bisher rund 90.000 verkauften Bänden das Bild der Nachbarn neu. Statt alter Vorurteile tischt Möller von A bis Z neue Pauschalierungen auf - nur interessantere. Schwere Themen wie Vertriebene oder Homosexualität meidet er. "Ich bin zuständig für die Alltagskontakte und die machen nun mal 99 Prozent aus."

Zur Person

Zur Person Steffen Möller wurde 1969 in Wuppertal geboren. Er stammt aus einer Theologenfamilie und studierte zunächst selbst Theologie und Philosophie an der FU Berlin. Angeregt durch einen Sprachkurs in Krakau während seiner Studienzeit wagte Möller nach dem Examen 1994 sein Glück in Polen und arbeitete zunächst als Deutschlehrer an einem Gymnasium und später als Dozent an der Universität Warschau. Er nahm Sprachkassetten auf und stellte 2001 sein erstes polnischsprachiges Kabarett-Programm auf die Beine: "Rozwazania o Fauscie" (Erwägungen über Faust). Mit seinem zweiten Programm "Niemiec na Mlocinach" (Ein Deutscher in Mlociny) gewann er den zweiten Preis beim nationalen Kabarett-Wettbewerb in Krakau. Seit 2002 ist Möller auch als Schauspieler zu sehen: Rund zehn Millionen Polen verfolgen regelmäßig die Serie "L wie Liebe", wo Möller einen in Polen gestrandeten deutschen Kartoffelbauern spielt. "Am Anfang mag mich keiner, dann aber merken die Bewohner des kleinen Dorfes, dass ich ein Pechvogel bin, vor allem in Liebesdingen. Inzwischen habe ich die dritte Frau, mit der es aber schon wieder kriselt."

Das Buch

Das Buch Steffen Möller, "Viva Polonia", Scherz-Verlag, 2008, 368 Seiten, 14,90 Euro.

Zum Thema
KOMMENTARE (5 von 5)
 
ExecutiveOffice (06.06.2008, 13:23 Uhr)
@elliottsmith
wer hat dir denn gesagt, dass deutsche oder sonstwer recht hat ??
früher galt es als die einzige wahrheit und fakt dass die erde eine scheibe ist..
..nur weil manche "meinen" homosexualität wäre das normalste auf der welt, heisst des noch lange nicht dass es so ist..vielleicht stzellt sich in 50 jahren heraus das dies die quelle allen übels ist.. der anfang vom ende ist es allemal..
alexalisch (06.06.2008, 12:32 Uhr)
Es gibt noch mehr Detusche in Polen...
Als ich den Artikel gelesen habe, überlegte ich lange Zeit, ob ich schreiben soll oder nicht. Nun, ich habe mich fürs Schreiben entschieden, denn nicht allein Steffen Möller versucht, das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen zu "korrigieren". Meine Wenigkeit tut dies auch und das auch seit 1994, als ich nach Polen ging. Dort arbeite ich seit nunmehr fast 15 Jahren, zunächst an der Uni in Kattowitz, nun an einem Fremdsprachen-Lehrerkolleg... Und auch wenn mein Bekanntheitsgrand (Kabarett, TV) in Polen gleich Null ist, so habe ich auch stets versucht, das Bild der Detuschen in Polen zu "korrigieren", halt in einem sehr geringerem Rahmen.
Es gibt bestimmt noch mehr Deutsche in Polen, die dort als "Botschafter Deutschlands" das hinbekommen, zu dem Politiker offenbar nicht fähig sind.
PS. Polnisch hab´ich auch gelernt, und das bestimmt nicht schlecht.
KriegsDaemon (07.05.2008, 22:21 Uhr)
@eliotsmith
... ist nun ein Phänomen, der Steffen Möller. Ins Guinessbuch muss er allein schon wg. seiner Sprachbegabung - ist doch für einen Ausländer schwieriger polnisch als die Sprache der Wale zu lernen. Dass einer ein Kindergedicht von Brzechwa besser als er vorgetragen hat - über die Lokomotive z.B. - hab ich noch nicht gehört.
Ob er über Schwule spricht oder nicht - er mag Menschen, unter denen er lebt, und sie spüren es, und deshalb darf er ihnen alles sagen, so einfach ist es.
Gruß
CeeTo (07.05.2008, 22:14 Uhr)
-.-
Was mich wundert, dass gerade die Polen denken wir hätten keinen Humor =)
vom polnischen Humor hab ich auch noch nich viel gesehen.
Aber wie dem auch sei. Ich finde die Polen sind ein nettes Völkchen. Wenn man denn sowas überhaupt von einem Volk als solches sagen kann.
Auf die deutsch-polnische Freundschaft!
elliottsmith (07.05.2008, 21:53 Uhr)
Na ich weiß ja nicht
Die Polen haben doch nur aus einer Abwehrhaltung heraus so ein schlechtes Bild von den Deutschen. Ich persönlich fühle mich nicht für den Nationalstolz der Polen verantwortlich. Vielleicht gut, dass es dafür jetzt einen Steffen Möller gibt. Aber wieso meidet er Themen wie Homosexualität? Die Polen sollen mal endlich in Europa ankommen und wegkommen von Ihrer aberwitzigen Angst wir kommen nochmal zurück nach Osten.
Kultur
stern TV-Programm
Kostenlos downloaden: stern TV-Programm für iPhone, iPad und Android-Smartphones und -Tablets Mehr Infos über die App
 
Humor
Tetsche, Haderer, Mette und Co. Tetsche, Haderer, Mette und Co.
 
TV-Tipps des Tages
Empfehlungen aus der Redaktion Empfehlungen aus der Redaktion
 
Noch Fragen?

Neue Fragen aus der Wissenscommunity

  von dorfdepp: Soll sich die westliche Welt Kuba gegenüber öffnen?

 

  von dorfdepp: Gibt es noch Vorbehalte gegen Online-Banking?

 

  von JennyJay: Heißt es "mittels Mobilkrane" oder "mittels Mobilkränen"?

 

  von bh_roth: Vorsätzliche Tötung

 

  von Amos: Warum muß ein Blinder bei "Wetten dass" eine geschwärzte Brille tragen?

 

  von Amos: Seit heute steigen die Preise der DB, wenn ich per Kreditkarte oder Internet bezahle.

 

  von Bananabender: Der Mythos Megapixel

 

  von Amos: Warum müssen verunglückte Reitpferde immer eingeschläfert werden?

 

  von Amos: Haus mit 5 Wohneinheiten. Jetzt steht eine Wohnung längere Zeit leer. Wie verhält es sich dann mit...

 

  von Amos: Smartphones zu Weihnachten: Kaufentscheidung abhängig von der Fotoauflösung? Telefonieren wäre doch...

 

  von StechusKaktus: Wie kann die kalte Progression abgeschafft werden?

 

  von bh_roth: Gastherme versetzen

 

  von Bananabender: Drucker Patronen

 

  von bh_roth: Lichterführung bei speziellen LKW

 

  von Amos: Wenn ich einen Karton Sekt aus Bequemlichkeit im Kofferraum "vergesse": wie hoch ist die...

 

  von Musca: Vogelschwarm filmen

 

  von Amos: Da ich als Arzt nicht mehr tätig bin, habe ich meine Berufshaftplicht gekündigt.

 

  von Amos: Eine Fondsgesellschaft schickt mir am 2..12.2014 die Steuerbescheinigung für 2013. Obwohl ich meine...

 

  von Gast: Ist der Nahme "Haircouture" geschützt

 

  von Gast: ich habe eine rente in höhe von 760 ?,wie viel kann ich dazu beantragen?