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13. Oktober 2005, 18:31 Uhr
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Pinter als "bizarre Wahl" bezeichnet

Eine Überraschung war es allemal, die Ernennung Harold Pinters zum Träger des diesjährigen Literaturnobelpreises. Die Kritikerstimmen sind teils sehr drastisch.

Harold Pinter, britischer Dramatiker© Bruce Vincent/Getty Images

Die österreichische Literaturkritikerin Sigrid Löffler nannte die Auszeichnung Harold Pinters mit dem diesjährigen Literatur-Nobelpreis eine "bizarre Wahl". Sie wollte sich aber nicht näher dazu äußern und meinte lediglich, er sei "démodé", nämlich aus der Mode. Auch der renommierte Literaturkritiker Denis Scheck nutzt die Vergabe um einen Kritik anzubringen und bezeichnet die Wahl Pinters als "Beleidigung der Weltliteratur". "Man sollte sich überlegen, ob man den Preis nicht umbenennen soll in 'Auszeichnung für fahrendes Volk und Theater'", sagte Scheck in Köln. Die Jury habe sich "blamiert". "Es gibt viele große lebende Autoren, die in diesem Jahr wieder leer ausgegangen sind, zu Gunsten politischer Possenreißer wie Dario Fo", sagte Scheck.

Deutschlands schärfster Kritiker Marcel Reich-Ranicki fand die Entscheidung "eine gute, eine richtige", sie komme nur leider etwas spät. Pinters Arbeiten charakterisierten vor allem "die Darstellung des Alltags einsamer Individuen und das Bilder der Bedrohung dieser Individuen durch irgendwelche nicht ganz klaren mysteriösen Elemente und Mächte" so Reich-Ranicki. Freude auch beim tschechischen Dramatiker und Ex-Präsident Vaclav Havel. "Du weißt gar nicht, wie ich mich freue", schrieb der 69-Jährige, der mit Pinter eng befreundet ist, in einem Glückwunschtelegramm. Große Freude herrscht auch bei der tschechischen "Franz-Kafka-Gesellschaft": Die Organisation wird Havel am 26. Oktober in Prag stellvertretend für den erkrankten Pinter den Kafka-Literaturpreis überreichen.

Politische Probleme in literarischen Stoffen verarbeitet

Die Königlich-Schwedische Akademie begründet die Entscheidung damit, dass Pinter mit seinen Dramen den "Abgrund unter dem alltäglichen Geschwätz freigelegt". Der britische Dramatiker gelte als der "hervorragendste Vertreter des englischen Dramas in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Auch die Verarbeitung politischer Probleme in literarischen Stoffen wäre in die Entscheidung miteingeflossen, sagte der Chef der Schwedischen Akademie, Horace Engdahl, 56.

Verspätetes Geburtstagsgeschenk für Pinter

Die völlig überraschende Vergabe kommt für Harold Pinter als verspätetes Geburtstagsgeschenk: Erst vor drei Tage feierte er seinen 75. Letzter britischer Preisträger des Literaturnobelpreises war 2001 der in Trinidad geborene Autor V. S. Naipaul. Im vergangenen Jahr wurde die Österreicherin Elfriede Jelinek ausgezeichnet.

Einer der meistgespielten Dramatiker

Unbestritten ist wohl, dass Harold Pinter einer der meistgespielten zeitgenössischen Dramatiker ist. Aufgewachsen im Londoner Arbeiterviertel Hackney absolvierte er sein Studium an der renommierten Royal Academy of Dramatic Art. Als Schauspieler und Sprecher arbeitete er lange für die BBC. Seit Mitte der 1950er Jahre schrieb Pinter eine große Zahl von Dramen, die wichtigsten sind "Der Liebhaber" oder der "Der Hausmeister" aus dem Jahre 1959. Außerdem verfasste er Drehbücher, politische Essays und Erzählungen, wobei er auch oftmals eigene Stücke zu Fimscripts umarbeitete. Als Theaterregisseur inszenierte er auch Stücke von James Joyce, Tennessee Williams.

Pinters politische Engagement

Eine seiner letzten Arbeiten, "Krieg" (2003), besteht aus acht Gedichten und einer Rede. Seit den 1980er Jahren hat sich Pinter immer wieder künstlerisch und politisch gegen Krieg und Unterdrückung, Folter und Todesstrafe gewandt. Im Sinne von "Amnesty International" und der internationalen Autorenvereinigung PEN setzt er sich für politisch verfolgte Autoren ein. In Israel, dem Iran und der Türkei demonstrierte er vor den Botschaften und protestierte brieflich bei den Staatspräsidenten gegen künstlerische Zensur und Verbote.

Skandal vor der Bekanntgabe

Aus Protest gegen die Vergabe des Literaturnobelpreises an Elfriede Jelinek im vergangenen Jahr hat ein Mitglied der Jury seine Mitgliedschaft in der Schwedischen Akademie vor zwei Tagen niedergelegt. Knut Ahnlund (82), begründete seine Entscheidung damit, dass "mit der Vergabe an Jelinek der Wert der Auszeichnung auf absehbare Zeit zerstört" wäre. In einem Artikel in der Zeitung "Svenska Dagbladet" bezeichnete Ahnlund Jelineks literarische Arbeit als "jammernde und lustlose Gewaltpornografie". Außerdem bezweifelte er stark, dass die anderen Juroren "auch nur ein Bruchteil" von Jelineks 23 Büchern gelesen hätten. Wegen persönlicher Konflikte mit einigen der insgesamt 18 Akademimitglieder hat Ahnlund seit 1996 nur sporadisch an deren Arbeit teilgenommen. Die Preisträgerin Elfriede Jelinek selbst verfasste für die Nachrichtenagentur DPA folgende Notiz: "Nein, dazu gebe ich keinen Kommentar ab."

Preisverleihung im Dezember

Der mit rund 1,1 Millionen Euro dotierte Nobelpreis wird in sechs Kategorien vergeben. Die Preisträger für Medizin, Physik, Chemie, Frieden und Wirtschaft stehen bereits fest. Die Verleihung findet am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel, in Stockholm statt.

kbu (mit DPA)
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