
Klaus Wowereit zeigt sich mit Tom Cruise: ""Wir hatten Angst, dass die Hollywoodproduktionen nach Polen abwandern"© Sean Gallup/Getty Images
Wowereit, bekleidet mit SPD-roter Krawatte und Union-schwarzem Anzug, wirft sich lässig in die Sitzecke seines Büros. 2004 war Cruise zum ersten Mal beim Regierenden, damals trug er sich in das Gästebuch der Stadt ein, es gab schöne Fotos von Wowereit und Cruise, auf denen sie sich anstrahlen. "Wir hatten Angst, dass die Hollywoodproduktionen nach Polen abwandern, aber wir haben hier die bessere Logistik und den historischen Background", sagt er. Wowereit macht jetzt vieles möglich. In den vergangenen Tagen unternahm die Leipziger Straße am Potsdamer Platz eine Reise in die Nazi-Zeit. Mit Wehrmachtsfahrzeugen, Flak-Geschützen und Männern in Uniform. Beim Dreh stürzten elf Komparsen von einem Lastwagen. Und die Boulevardpresse hatte ihre Schlagzeile: "Echtes Blut beim Cruise-Film".
Klaus Wowereit, der überall bereitsteht, wo ein Hollywoodstar anwesend ist, verhielt sich im Fall Cruise bislang verdächtig ruhig. Warum? "Natürlich ist das eine Gratwanderung bei Cruise. Einerseits ist er ein geschätzter Schauspieler, andererseits ein krasser Propagandist für Scientology. Egal, wie man sich verhält, es ist nie richtig", sagt er. Zu einem Abendessen habe er Tom Cruise bereits getroffen, aber der Anlass war nicht der Star, sondern der Regisseur Roland Emmerich.
Tom Cruise, versichert Wowereit, sei ein sympathischer Mann. Nicht einmal sagt er das, sondern viermal. Wowereit weiß um die Macht von Tom Cruise, der mit seiner 80-Millionen-Euro-Produktion eine Menge Geld und vor allem weltweite Aufmerksamkeit in die Stadt bringt. Mit 4,8 Millionen Euro beteiligt sich der Deutsche Filmförderfonds an dem Film, Arbeitstitel "Valkyrie".
Alessandro ist stolz auf dieses schwarze Buch, es ist so groß wie ein Flachbildschirm. Er hält es in den Händen wie Moses die Steintafel mit den Zehn Geboten. Es ist später Abend im "Bocca di Bacco" in der Friedrichstraße 167 in Berlin, und Alessandro, der Chef des Hauses, sitzt am Tisch neben dem Eingang und blättert in seinem Gästebuch. Kofi Annan hat ein Bild hineingemalt, ebenso Lukas Podolski und Robert de Niro. Die Zeichnungen sind meist unverständlich, wilde Striche und Punkte, entstanden aus Verlegenheit, um die riesigen Seiten zu füllen. George Clooney hat vor Aufregung "Grazze" statt "Grazie" geschrieben. Tom Cruise war jetzt schon viermal hier.
Heute sind sogar zwei Hollywoodstars zu Gast. Hinten links, an einer langen Tafel mit Kerzen, sitzt Matt Damon. Niemand der Gäste nimmt ihn wahr. "Das ist unser Markenzeichen", sagt Alessandro, "hier wird jeder gleich behandelt." Im ersten Stock des Restaurants hat es sich Tom Cruise mit seiner Gefolgschaft gemütlich gemacht. Eben ist Alessandro zu Matt Damon gegangen, hat sich über dessen Schulter gebeugt und ihm vertraulich ins Ohr geflüstert. "Matt, Tom Cruise ist auch hier. Soll ich euch zueinander führen?" Aber Matt wollte nicht.
Auf einmal wird es still im Restaurant. Das Geplapper an den Tischen verstummt, die Bestecke hören auf zu klappern. Ein kleiner, schwarz gekleideter Mann durchquert das Restaurant. Er lächelt und zeigt seine blendend weißen Zähne. Alessandro wirft die Arme in die Luft, wie es nur italienische Wirte können. "You have to go?", fragt er mit schmerzerfülltem Tonfall, als stünde er am Sterbebett seiner Mutter. "Yes, my good friend", sagt Tom Cruise. Dann steht Tom Cruise auf einmal vor mir. Vielleicht denkt er, ich gehöre zum Personal. Er schaut zu mir herauf, greift meine Hand und drückt sie fest mit beiden Händen. "Thanks, the pasta was fantastic", sagt Tom Cruise. Dann dreht er sich um und winkt zum Abschied. Die Gäste winken wie Kinder zurück.