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12. Mai 2010, 17:19 Uhr

Bonjour tristesse

Das Filmfestival in Cannes ist eröffnet - doch es will nicht so entspannt glitzern in diesem Jahr. Und auch die Filme versprechen nicht das ganz große Spektakel. Von Sophie Albers

Cannes, Filmfestival, Filmfestspiele, Cate Blanchett, Russell Crowe, Robin Hood, Geld schläft nicht, Michael Douglas

"Alice im Wunderland"-Regisseur Tim Burton ist Chef der Jury der 63. Filmfestspiele von Cannes© Eric Gaillard/Reuters

Sie sieht genauso aus, wie man sich eine Cannoise vorstellt. Natürlich verrät die ältere Dame mit dem etwas zu grellen Make-Up, den etwas zu goldenen Schuhen und der etwas zu stupsigen Nase nicht, wie lange sie schon in Cannes wohnt. Sie ist in dem Alter. Aber was ist denn nun mit dem Glamour, Madame Danielle? Deshalb sind all die Menschen doch überhaupt nur hier.

Sie spitzt die ausgemalten Lippen und wechselt die Estée-Lauder-Tüte in die andere Hand: "Glamour ist etwas, das nicht zum Alltag gehört. Ein bisschen sexy, glitzernd, etwas, das Vergnügen bereitet." Madame Danielle lächelt zufrieden. Dann fällt das Wort Finanzkrise, und die gut gecremte Sanftheit weicht aus ihrem Gesicht. Ja, die gebe es, aber Cannes halte sich gut. Der Glamour sei noch immer Teil dieser Stadt, die mal als verschlafenes Fischerdorf angefangen hat. "Cannes hat Glamour in den Knochen."

Madame Danielles Überzeugung im Ohr des Kinogottes, aber im Jahr 2010 haben die Filmfestspiele mit dem Glamour, der zum Festival gehört wie die Goldene Palme, zu kämpfen. Denn wie die amerikanische Gesellschaftsjournalistin Virginia Postrel einst so treffend schrieb: "Man wacht morgens nicht auf und ist glamourös". Will sagen: Glamour ist harte Arbeit. Und die geht Cannes in diesem Jahr nicht gerade leicht von der Hand. Das hat gleich mehrere Gründe.

Just eine Woche vor Festivalbeginn zerschlugen bis zu sechs Meter hohe Wellen die Strandeinrichtungen an der Croisette, der Flaniermeile des Cannes'schen Glamours von Chanel bis Ed Hardy. Nach dem Schreck kamen die Bagger, Pavillons und Liegestühle stehen nun wieder. Aber wenige Meter außerhalb der "Festivalzone" sind die Schäden noch gut sichtbar. Und da war die Natur noch nicht fertig mit dem wichtigsten Filmfestival der Welt: Die berüchtigte Vulkanaschewolke sorgt auch hier für Verspätungen und Ausfälle. Wie soll man da entspannt glitzern?

Ein biederes Männermärchen namens "Robin Hood"

Mal abgesehen von Naturgewalten leidet Cannes auch in diesem Jahr unter den Ausläufern der Finanzkrise. Jérôme Paillard, Chef des Festival-Filmmarktes, gibt sich vorsichtig zuversichtlich. Nach dem Sinkflug der Verkäufe und Investitionen im vergangenen Jahr sind mit 10.000 Anmeldungen immerhin wieder mehr Vertreter des Filmgeschäfts zugegen. Gut ist die Stimmung aber noch lange nicht.

War sie im letzten Jahr auch nicht, aber es war wohl auch aus Trotz eines der besten Festivals überhaupt. Kein Wunder bei diesem Programm: Disneys 3D-Animation "Oben" eröffnete, und es folgten Aufreger, Geniestreiche und Leinwandpartys - "Antichrist", "Das weiße Band", "Inglourious Basterds". Kleinode wie "Bright Star" und "Ein Prophet" bescherten jedem Tag einen Höhepunkt und jedem roten Teppich seine Stars. Die ganzen wichtigen Regisseure des Vorjahres müssten nun eben arbeiten, fasste Festivalchef Thierry Fremaux den diesjährigen Wettbewerb sehr pragmatisch zusammen.

Zwar bringen Cate Blanchett und Russell Crowe am Eröffnungsabend Hollywood an die Côte d'Azur, doch liefert "Robin Hood" anstatt der versprochenen Neuerfindung des Mythos in Strumpfhosen gerade mal ein biederes Männermärchen. Zudem verwundert der Festival-Masochismus: "Robin Hood" ist historisch korrekt absolut Frankreich-feindlich.

stern.de Kulturredakteurin Sophie Albers berichtet in ihrem Blog live von den 63. Filmfestspielen in Cannes

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