Von Knechten, Mägden und strengen Rittern

12. Dezember 2005, 15:58 Uhr

Für die neue TV-Reihe "Abenteuer Mittelalter - Leben im 15. Jahrhundert" zogen Freiwillige sechs Wochen lang auf Schloss Burgk in Thüringen und nahmen als Knechte und Mägde harte Arbeit in Kauf. Damit führt die ARD das Genre Zeitreise weiter.

Die ARD hat nach dem Erfolg des "Schwarzwaldhauses 1902", der den Zeitreisen-Enthusiasmus vor drei Jahren beflügelte, kräftig nachgelegt. "Living History" nennt sich die Sendeform, bei der sich freiwillige Laiendarsteller auf Zeitreise in eine bestimmte Epoche begeben und ihre Erfahrungen refektieren. Auch bei "Abenteuer Mittelalter" setzen die Macher auf die Faszination vergangener Zeiten. "Es geht dabei nicht so sehr um Burgfräulein und Ritter, sondern um das Leben des Gesindes, der Mägde und Knechte", sagt Claudia Schreiner, beim MDR zuständig für die Bereiche Kultur und Wissenschaft.

Von den einfachen Menschen und ihrem Alltag ist bislang sehr wenig überliefert. So viel ist aber sicher: Weit entfernt von jeglicher Burgfräulein-Ritter-Romantik sind die Menschen damit beschäftigt, für ihre tägliche Nahrung zu schuften. Und an erster Stelle steht nicht das arbeitende Gesinde, sondern der Burgvogt, der versorgt werden will. "Permanente Mangelernährung plagte die Mägde und Knechte damals", sagt Jörg Rogge, Hochschuldozent für Geschichte des Mittelalters an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er hat die wissenschaftliche Beratung bei dem Projekt des MDRs übernommen. "Meine Aufgabe bestand darin, nach dem Abschluß der Dreharbeiten mit dem Drehbuchautor die Rohschnittfassung zu begutachten. Szenen, in denen Gegenstände auftauchen, die nicht in die Zeit passen, wurden rausgeschnitten, und ich sollte darauf achten, dass die Sozialstruktur einigermaßen sauber dargestellt wird", so Rogge.

Ein herrischer Burgvogt ist für den Ablauf des Tages und die Sicherstellung der Versorgung seines Anwesens und seiner Untergebenen verantwortlich. Dass Maik Elliger im wahren Leben Unternehmer und zudem Chef des Thüringer Ritterbundes ist, mochte ihm bei seiner Aufgabe geholfen haben. Den strengen Ton, den er gegenüber den Mägde, Knechten und dem Küchenmeister anschlägt, spiegelt nur ein Bruchteil von den Maßnahmen, zu denen Burgherren in der Geschichte tatsächlich gegriffen haben: "Es gibt überlieferte Ordnungen mit festgelegten Strafen für Fehlverhalten. Dazu gehören kein Essen und auch Prügelstrafen. Die Strafen in der echten Welt Anfang des 15. Jahrhunderts sind drastischer ausgefallen", so Rogge.

Das Gesinde leidet nicht nur unter der Herrschaft des Burgvogts, sie quälen sich vor allem mit Lebensnotwendigen: Ziegen melken, Feuer machen, Essen kochen. "Das Gesinde stand ganz unten in der sozialen Skala. Es waren reine Befehlsempfänger. Man weiß nicht, wie sie selbst über ihre Situation reflektiert haben, aber man kann annehmen, dass es nicht in dem Maße war, wie es Menschen des 21. Jahrhunderts machen, " so Jörg Rogge.

Was es heißt, wenig Essen zu haben, mussten auch die Zeitreisenden in der TV-Reihe am eigenen Leib erfahren. Dabei purzelten die Kilos. Auf gänzliche Authentizität wurde allerdings bewusst verzichtet. "Sonst hätte man beispielsweise die Teilnehmer auf Diät setzen müssen. Das Gesinde war permanent am Rande der Mangelernährung". Aber schließlich ist "living history" ein Format, das Kompromisse möglich macht. "Es ist ein relativ wahrscheinliches Modell, ein Idealtyp des Leben in einer Burg zu dieser Zeit. Es ist gut vorstellbar, dass es so oder so ähnlich abgelaufen ist", so das Urteil des Historikers Rogge.

Für Knecht Andreas Burkart, 18-jähriger Abiturient aus Nordrhein-Westfalen, hat das 15. Jahrhundert allerdings an Faszination eingebüßt: "Im Mittelalter wollte ich schon leben, als ich noch als kleiner Junge mit Bausteinen Burgen gebaut habe. Jetzt muss ich feststellen, dass das Mittelalter einfach nur hart war."

Gegenwärtig plant die ARD zur "Living History" noch ein weiteres Projekt - die "Bräuteschule 1956", in der Frauen im Stile der 50er Jahre fit fürs Leben gemacht werden sollen. Bei einem weiteren Vorhaben des Südwestrundfunks (SWR) trägt das Genre einen etwas anderen Titel: Um "Living Science" handelt es sich bei der Reihe "Steinzeit - Leben wie vor 5000 Jahren". Gelebte Wissenschaft ist es also, wenn einige Kandidaten im nächsten Sommer am eigenen Leib spüren, wie es in der Urzeit der Menschheit zuging.

"Abenteuer Mittelalter", die vierteilige Gemeinschaftsproduktion von Mitteldeutschem Rundfunk (MDR) und Arte ist von diesem Montag an in der ARD (21.45 Uhr) zu sehen.

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