Warum man trotz Aurora ins Kino sollte

26. Juli 2012, 17:00 Uhr

Mit "The Dark Knight Rises" endet die Trilogie zur Neuerfindung des tragischen Superhelden im Fledermauskostüm. Und das Massaker von Aurora macht Kinofans zu Kämpfern gegen die eigene Angst. Von Sophie Albers

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Bösewicht Bane errichtet in Gotham City eine Herrschaft des Terrors©

Wie soll man über "das Filmereignis des Sommers" plaudern, das mit einem ganz realen Massaker begonnen hat? Wie soll man von Terror und Wahn im Popcornkino erzählen, wenn sie von der Leinwand in den Kinosaal gesprungen sind? Wie soll man einen Film empfehlen, wenn das Kino kein sicherer Ort mehr scheint?

So wie der zweite Teil von Christopher Nolans gefeierter Batman-Trilogie für immer mit dem frühen Tod von Heath Ledger verbunden sein wird, gehören zu "The Dark Knight Rises" seit vergangener Woche 12 Tote und 58 Verletzte, die dem Vernichtungswillen eines offenbar geistig Verwirrten bei der Mitternachtspremiere in Aurora im US-Bundesstaat Colorado zum Opfer gefallen sind.

300 Millionen Dollar gegen die Angst

Doch in all der Trauer und dem Horror angesichts des Todes und dessen Sinnlosigkeit ist auch etwas Schönes passiert: Weltweit gehen die Menschen trotzdem ins Kino. Zyniker mögen das Indifferenz nennen. Aber Kinofans sind in der Regel Romantiker, und das heißt, dass sie ihren Raum zum Träumen verteidigen - ihr "Zuhause", wie Regisseur Christopher Nolan es nennt. Denn der "unschuldige, hoffnungsvolle Ort" Kino taugt wie kein anderes Medium zum temporären Ausstieg aus der Realität, zur Flucht in andere Welten. Der Eskapismus, den die Menschen lieben.

300 Millionen Dollar hat "The Dark Knight Rises" in der ersten Woche weltweit eingespielt. In den USA ist er mit 160,9 Millionen Dollar am Startwochenende der dritterfolgreichste 2D-Film. "Ich lasse mich davon nicht stoppen", sagt ein Batman-Fan in New York, bevor er ins Kino geht. "Nur weil einer irre ist, sind es nicht alle", sagt ein anderer in Las Vegas.

"Ein Sturm zieht auf"

Sieben Jahre ist es her, dass Christopher Nolan angetreten ist, den Comicmythos Batman neu zu verorten, den menschlichsten unter den Superhelden in einen neuen Raum zu stellen. Und er hat ihm eine philosophisch-politische Kathedrale gebaut. Die Trilogie - "Batman Begins", "The Dark Knight", "The Dark Knight Rises" - hat Tim Burtons schrill-lustigen Fledermausklamauk der 90er vergessen gemacht. Plötzlich musste man den "Typ in Strumpfhosen" ernst nehmen. Nolans Batman verhandelt Urängste, Rache, der Einzelne in der Gemeinschaft, das Menschsein an sich. Kritiker haben immer wieder aktuelle Bezüge gesucht und gefunden.

Auch "The Dark Knight Rises" scheint das Schicksal des Comic-Ortes Gotham City mit Bedrohungen aus der realen Welt zu verknüpfen. Terrorismus, Anarchie, Angst um die wirtschaftliche Existenz, das Aufbegehren des "Volkes" gegen die Reichen und Mächtigen. Nolan lässt Bösewicht Bane (Englisch für Ruin) als erstes die Börse stürmen. "Ein Sturm zieht auf" ist einer der Kernsätze dieses Films und scheint zuerst wie ein Versprechen, das außerhalb des Kinos in der Occupy-Bewegung und anderen Bürgerprotesten gegen die bestehenden Verhältnisse widerhallt. Doch dann löst sich Banes zynisches Versprechen "Bürger von Gotham City, ich gebe euch eure Stadt zurück. Ihr habt jetzt die Kontrolle" auf in tödliche Anarchie. Ein Schaugericht, das an die Terrorherrschaft am Ende der Französischen Revolution erinnert, wird errichtet, das die Überlebenden der vormals herrschenden Klasse zum Tode verurteilt. Nur die Guillotine fehlt.

Gotham City wird zum Gefängnis. Und Millionär und Menschenfreund Bruce Wayne/ Batman, der sich seit acht Jahren nicht mehr in der Öffentlichkeit gezeigt hat, wacht auf aus seiner Verbitterung. Am Ende von Teil zwei war er ein gejagter Mörder und hatte die Liebe seines Lebens verloren. Nun muss er ein weiteres Mal ein Zeichen der Hoffnung sein. Der letzte Zweikampf beginnt - zwischen allen Fronten.

Unser öffentlicher Raum

"The Dark Knight Rises" ist pompös und pathetisch wie eine Wagner-Oper. Und obwohl Bane gegen Ledgers Joker eine schwacher Bösewicht ist, ist man die 2 Stunden und 45 Minuten Filmlänge gebannt. Man ist drin im Batman-Universum voll brachialer Gewalt, cooler Sprüche (die vor allem auf das Konto von Catwoman Anne Hathaway gehen) und dem bildgewaltigen Kampf für das Gute. Das Großartige daran ist, dass man diese Erfahrung mit den anderen Menschen im Raum teilt. Dass man später über das Gesehene spricht, dass man Geschichten im Kopf weiterspinnt, dass man in einer Gemeinschaft einen aufregenden Abend hat.

Im öffentlichen Raum entsteht Menschlichkeit, hat die Philosophin Hannah Arendt einst geschrieben. Die darf man sich nicht nehmen lassen.

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