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23. September 2011, 14:23 Uhr

Nazi-Monster wollen ewig leben

"Eine offene Rechnung" erzählt von Mossad-Agenten, die im Nachkriegs-Berlin einen Nazi-Chirurgen jagen. Und von den Lügen, die Helden zu Opfern machen. Ein Film, der einen die Fingernägel vergessen macht, die man vor Spannung abkaut. Von Sophie Albers

The Debt, Eine offene Rechnung, Sam Worthington, Helen Mirren, Jessica Chastain, John Madden, Kinostart, Filmkritik

Angesicht zu Angesicht mit dem Monster, das irgendwo auch Mensch ist - nur wo?© Universal

Eine offene Rechnung" ist kein weiterer Holocaust-Film. Es ist ein Thriller, der ein Thema, das bereits zu einem Standard gefroren ist, unfassbar spannend aufbereitet, Fragen neu stellt und unerträgliches Leid zeigt, ohne es in eine didaktische Schutzhülse zu verpacken. Es ist außerdem das Hollywood-Remake des israelischen Films "Ha-Hov", der 2007 für heftige Diskussionen gesorgt hat.

Denn die Geschichte stößt Helden vom Sockel und fragt nach moralischer Verantwortung angesichts der größten menschlichen Katastrophe des 20. Jahrhunderts - und das aus einer völlig neuen Richtung.

In den 1960er Jahren gehen drei Mossad-Agenten nach Ost-Berlin, um einen Nazi-Verbrecher zu stellen und nach Israel zu bringen, wo er für seine Taten vor Gericht gestellt werden soll. Es sind monströse Taten: Vogel (Jesper Christensen) hat als "Chirurg von Birkenau" im KZ Auschwitz Menschenexperimente durchgeführt, die jenseits der Vorstellungskraft liegen. Die Experimente hat es in Konzentrationslagern wirklich gegeben. Vogel ist ein fiktionaler Charakter, so wie die Agenten.

Grandiose Helen Mirren

Vogel hat - und das war/ist die Realität vieler Nazi-Verbrecher - nach dem Krieg mit neuer Identität ein angenehmes Leben geführt - mit Frau, Freunden und gynäkologischer Praxis. In eben dieser Praxis muss Agentin Rachel (Jessica Chastain) den Lockvogel geben. Ihre Kollegen sind der verschwiegene David ("Avatar"-Star Sam Worthington) und der hedonistisch-ehrgeizige Stefan (Marton Csokas). Und beide Männer sind Rachel auf ihre Art zugetan. Die Mission läuft wie geplant, bis das Außer-Landes-Schmuggeln Vogels an einem Grenzbahnhof der Berliner Mauer scheitert. Plötzlich sind die jungen Agenten, selbst Kinder von Toten und Überlebenden, allein mit dem Monster.

Das ist die eine Geschichte. Die "offene Rechnung" (was übrigens eine irreführende Übersetzung des englischen Titels "The Debt" - die Schuld - ist) haben die Agenten 30 Jahre später. Sie haben all die Zeit mit einer Lüge gelebt, die sie zu Helden gemacht hat und die nun plötzlich aufgedeckt zu werden droht. Die ältere Rachel, gespielt von der grandiosen Helen Mirren, soll sich - weil als einzige dazu fähig - aufmachen, diese Lüge zu schützen.

Das Monster und die Lüge

"Eine offene Rechnung" flicht Vergangenheit und Gegenwart zu einem am Schädel zerrenden, festen Zopf. Das Monster lebt mindestens so lange wie die Lüge, so eine Lehre. Antworten auf die Verbrechen der Shoah gibt der Film nicht, denn wie David sagt: "Ich glaube nicht an Antworten, nur an Fragen". Aber er zeigt, dass die Vergangenheit nichts ist, das abgehakt oder abgelegt werden kann. Sie wirkt bis heute, wird weitergebenen von Generation zu Generation. Das zeigt John Maddens Film - so spannend wie möglich und so schmerzlos wie nötig.

Von Sophie Albers
 
 
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