"Schamlose Kommerzialisierung des Werteverfalls"

16. Januar 2004, 16:57 Uhr

Der öffentliche Druck auf die RTL-Dschungel-Show nimmt weiter zu. Mehrere Verbände, Organisationen, Politiker und Wissenschaftler haben sich gegen die aus ihrer Sicht unwürdige Behandlung von Mensch und Tier gewandt.

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"Wir müssen sehen, ob hier nicht erheblich gegen den Tierschutz verstoßen wird": Renate Künast über die RTL-Show "Ich bin ein Star"©

Die öffentliche Empörung über die RTL-Dschungel-Show "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" nimmt zu, ebenso die Einschaltquoten. Bundesverbraucherministerin Renate Künast forderte in der Sendung "Maischberger" eine Überprüfung der Sendung. "Wir müssen sehen, ob hier nicht erheblich gegen den Tierschutz verstoßen wird", sagte sie. "Was hier gesendet wird, hat mit Unterhaltung nichts mehr zu tun." Fernsehen werde offensichtlich immer überdrehter. Im TV würden mittlerweile früher geltende Grenzen des guten Geschmacks überschritten. "Vielleicht werden demnächst sogar von Moderatoren Straftaten in Fernseh-Shows gefordert, um damit Quote zu machen", sagte sie.

Die bayerische Familienministerin Christa Stewens rief die RTL-Verantwortlichen auf, die Sendung umgehend abzusetzen. Sie rügte die Überlebens-Show als "schamlose Kommerzialisierung des Werteverfalls" und "gefährlichen Dammbruch im deutschen Privatfernsehen". Das in der Serie propagierte Menschenbild sei zynisch und menschenverachtend.

"Tiefpunkt der Fernsehunterhaltung"

Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes, Michael Konken, nannte die Sendung einen "Tiefpunkt der Fernsehunterhaltung". Das Sendeformat "kann nur als voyeuristische Perversion bezeichnet werden", die die Ekelgrenze überschreite und "bewusst Menschen zur Lachnummer der Öffentlichkeit macht". Die hohen Einschaltquoten seien kein Freibrief für Geschmacklosigkeit. Die freiwillige Teilnahme mehr oder weniger bekannter Prominenter sei kein Freifahrschein dafür, dass intime Gespräche ohne Wissen der Beteiligten gesendet würden. Hier werde eklatant das Persönlichkeitsrecht verletzt, meinte Konken.

"Methoden, die an Folter erinnern"

Der in Zürich dozierende Psychologe Mario Gmür bezeichnete die Show als "konstruiert-artifiziell, eine hausbackene Urwald-Folterkammer, eine Geisterbahn", wie er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sagte. "Hier geht es um eine Instrumentalisierung des Menschen für ein dramaturgisches Konzept in der Öffentlichkeit. Die Zuschauer wollen bei der Geburt und Hinrichtung von Helden dabei sein." Jo Groebel, Generaldirektor des Europäischen Medieninstituts sprach in der "Bild"-Zeitung von "Methoden, die an Folter erinnern".

Auch Tierschützer protestieren

Protest gegen die Survival-Show im Dschungel kommt auch von Tierschützern. Der Bund gegen den Missbrauch der Tiere (bmt) kritisierte, die so genannten Dschungelprüfungen seien "purer Stress" für die Tiere. Shows, in denen Tier und Natur ausschließlich zu Spielzeugen umfunktioniert und für Effekthascherei ausgenutzt würden, seien völlig deplatziert.

Keine Einwände von der Landesmedienanstalt

Die für RTL zuständige niedersächsische Landesmedienanstalt (NLM) bezweifelte indes den Sinn eines Vorgehens gegen die Sendung. "Man soll sich mehr darüber wundern, dass solche Sendungen einen so hohen Marktanteil erreichen, als nach öffentlichem Einschreiten gegen derartige Sendungen zu rufen", sagte die Vorsitzende der NLM-Versammlung, Elisabeth Harries. Dagegen fordert die saarländische Medienaufsicht eine Absetzung der Sendung. Der Direktor der Landesmedienanstalt Saarland, Gerd Bauer, kündigte an, er werde sich bei der Sitzung der "Gemeinsamen Stelle Programm und Werbung" der Landesmedienanstalten am 11. Februar dafür einsetzen, dass die Sendung beanstandet wird.

Bauer bezeichnete es als erschreckend, was den Kandidaten der Show zugemutet werde. Auch wenn die Teilnahme freiwillig sei, habe man offensichtlich nicht über die psychologische Wirkung auf die Zuschauer nachgedacht, die die Stars verehrten und teilweise sogar vergötterten. "Es scheint, wir haben mit dieser voyeuristischen Show ein neues Niveau der Geschmacklosigkeit im deutschen Fernsehen erreicht", meinte Bauer.

Camp-Insassen können ihren Marktwert steigern

Der Sender wies alle Vorwürfe zurück: "Die Teilnehmer handeln eigenverantwortlich und sind Personen des öffentlichen Lebens, die genau wissen, was sie tun", sagte ein RTL-Sprecher. "Wir quälen niemanden." Unbestritten ist, dass die Camp-Insassen durch ihre tägliche Präsenz vor einem Millionen-Publikum ihren Marktwert deutlich steigern. Die 37-jährige Beil, gerade frisch von Sat.1 getrennt, dürfte auf Anschlussaufträge bei RTL hoffen. Sie spielt als Lästermaul eine eindeutige Rolle und erregt damit Aufmerksamkeit. Ob es eine Fortsetzung der Dschungel-Show geben wird, hat RTL nach eigenen Angaben noch nicht entschieden.

 
 
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