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3. Juni 2010, 13:05 Uhr

"Ich bin mehr als Titten und Muschi"

In der Verfilmung von Stieg Larssons Bestsellerreihe "Millennium-Trilogie" hat sie Lisbeth Salander zu einer Leinwandikone gemacht. Auch das wahre Leben ist für Noomi Rapace ein Kampf. Im Gespräch mit stern.de verriet die Schwedin, was sie hasst, was sie liebt und warum sie nicht lächelt.

© Yellow Bird Pictures/Knut Koivisto/DDP Noomi Rapace Den Nachnamen hat sie sich selbst ausgesucht, als sie ihren Kollegen Ola geheiratet hat. Rapace ist das französische Wort für Raubvogel. 30 Jahre alt ist Noomi Rapace und hat einen sechsjährigen Sohn. Ihre Jugend war hart, schon früh musste sie sich selbst versorgen. Aber auch schon früh wusste die Tochter eines spanischen Sängers und einer schwedischen Schauspielerin, dass sie spielen will. Ihre Rollen sind immer düster. Als nächstes ist Rapace neben Mads Mikkelsen in dem Holocaustdrama "The Nazi Officer's Wife" zu sehen. Außerdem spielt sie in "Babycall" eine Mutter auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Mann.

Frau Rapace, "Vergebung" ist der Abschluss der Verfilmung von Stieg Larssons "Millennium-Trilogie" und Ihr Abschied von der genialen, aggressiven Lisbeth Salander. Fällt der nicht schwer?

Es war für mich eine Befreiung, mich in Lisbeths Universum zu begeben. Sie handelt anstatt in Gefühlen festzustecken. Als sie missbraucht wird, schlägt sie zurück. Das ist das Beste für sie selbst. Wenn du dich davon befreist, was Menschen dir angetan haben, kannst du weitermachen. Für Frauen ist es aber normal, es in sich einzuschließen, es zu akzeptieren. Und dann fangen sie irgendwann an, sich selbst zu hassen, drehen es gegen sich selbst, meinen, dass etwas mit ihnen nicht stimmt, dass sie selbst schuld sind. Sie machen sich Vorwürfe, anstatt es rauszulassen.

Das hört sich nicht nach modernen, selbstbestimmten Frauen an...

Es ist sehr hart und schwer, heute als Frau zu leben. Du hast so viele Möglichkeiten, aber auch so viele Dinge, die du tun sollst, nur weil du eine Frau bist. Du sollst erfolgreich sein, schön sein, charmant sein, du sollst Karriere machen, aber gleichzeitig eine gute Mutter sein, eine gute Liebhaberin, eigentlich alles. Aber das schafft niemand. Viele junge Frauen kämpfen heute mit diesem Bild der Überfrau, dem sie unbedingt gerecht werden wollen. Lisbeth steht für etwas ganz anderes. Sie akzeptiert die Erwartungen, mit denen sie abgefüllt wird, nicht. Sie spuckt sie wieder aus, sagt "Fuck you! Ihr macht euer Ding, ich mache meins".

Ist das der Ausweg?

Ich finde es extrem wichtig, dass wir alle - Männer wie Frauen - Verantwortung für unser eigenes Leben und unsere Träume übernehmen und nicht einfach nur dem großen Strom folgen, Erwartungen erfüllen, wie wir zu leben haben und was wir tun sollen. Ich spüre es doch am eigenen Leib: Ich habe einen sechs Jahre alten Sohn. Ich reise viel. Ich war gerade drei Monate lang weg und nur am Wochenende zu Hause. Das hat die Leute provoziert: "Wie können Sie ihren Sohn so lange allein lassen", wurde ich gefragt. "Fühlen Sie sich nicht als schlechte Mutter?" Wäre ich ein Mann ...

... würde die Frage niemand stellen!

Genau! Es hat mir ziemlich die Augen geöffnet über die Strukturen, wie es tatsächlich ist. Es ist extrem wichtig, für seine eigenen Wünsche aufzustehen und es auf seine Art zu machen. Es ist sehr einfach, sich selbst zu verlieren. Nach einer Weile lebst du nur noch für andere Leute, versuchst deren Ansprüche zu befriedigen, schließlich willst du geliebt und gemocht werden. Das finde ich gefährlich, denn dann hast du dich verloren. Ich sage, um meinem Sohn die Situation zu erklären: "Ich weiß, dass es hart ist, aber es ist nur für diesen Zeitraum. Dann werde ich einen Monat zu Hause sein. Aber im Augenblick muss ich das machen, denn ich liebe meinen Job."

Wie hat er darauf reagiert?

Er hat einmal zu mir gesagt: "Ich weiß, dass das, was gut für dich ist, auch gut für mich ist."

Wow.

Und jetzt sagt er auch schon so was wie: Es sind doch nur zwei Tage, Mami. Ist doch nicht schlimm. Er geht damit cool um. Häufig begleitet er mich ja auch.

Kinder verstehen viel mehr, als man immer denkt.

Oh ja.

Als Lisbeth Salander auf der Bildfläche erschienen ist, haben viele sie für verrückt gehalten. Eine verhaltensgestörte, gepiercte, tätowierte junge Frau, die sofort zuschlägt, wenn sie bedroht wird. Ein Anti-Klischee. Aber ich halte sie nicht für verrückt. Ganz im Gegenteil, sie weiß sehr genau, was in der Welt passiert.

Das sehe ich genauso. Sie hat einen scharfen Verstand. Ich glaube, sie wäre ein wundervoller Mensch geworden, wenn das Leben sie nicht so derbe verprügelt hätte. Die Härte und Aggressivität kommen aus den schrecklichen Dingen, die sie durchmachen musste. Sie reagiert. Ich finde es auch spannend zu sehen, wie verletzlich, sensibel und zerbrechlich wir sind. Du kannst in einer Sekunde jemandes Herz töten (schnippt mit den Fingern), und es kann Jahrzehnte oder ein ganzes Leben dauern, es zu heilen.

Oder nie.

Oder nie! Lisbeth hat ein gebrochenes Herz und eine gebrochene Seele, aber sie hat überlebt. Sie ist voll von positiver Energie, sie will leben, und so kämpft sie eine Schlacht gegen die riesigen Dämonen um sie herum. Und man muss ihren Krieg respektieren! Denn es ist ein Krieg für das Leben.

Die "Millennium-Trilogie" Die als "Millennium-Trilogie" berühmt gewordene Thrillerreihe "Verblendung", "Verdammnis", "Vergebung" ist bereits eine Legende. Der schwedische Autor Stieg Larsson hat den Welterfolg (mehr als 20 Millionen verkaufte Exemplare) nicht mehr miterlebt. Er starb im Alter von gerade mal 50 Jahren an einem Herzanfall. Seitdem streiten Erben um seinen Nachlass. Mit dem idealistischen Journalisten Mikael Blomkvist und vor allem der aggressiv-genialen Hackerin Lisbeth Salander hat Larsson literarische und nun auch Leinwandikonen geschaffen. Das ungleiche Paar klärt Serienmorde an Frauen auf, bis klar wird, dass auch Lisbeths Vergangenheit von Mord und Gewalt bestimmt ist. Schließlich geht es nicht mehr um Einzeltäter, sondern eine Staatsverschwörung. Die Filme waren ursprünglich fürs Fernsehen gedacht, doch wurden sie Kinoerfolge und die Darsteller Noomi Rapace (Salander) und Michael Nyqvist (Blomkvist) Stars.

 
 
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