Vom Mädchen, dem Preußen und ganz viel Gefühl

30. Dezember 2012, 21:45 Uhr

Ein junges Mädchen, eine dunkle Unterführung, ein Mord. Was wie ein Klassiker beginnt, nimmt eine steile Wendung - und für die ist vor allem einer verantwortlich: Gisbert, ein überambitionierter Nerd. Von Susanne Baller

Tatort, München, Der tiefe Schlaf, Batic, Leitmayr, Wachtveitl, Nemec

Der Neue und die alten Hasen: Gisbert Engelhardt (Fabian Hinrichs) mit den Kriminalhauptkommissaren Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec)©

Gisbert Engelhardt (Fabian Hinrichs) ist eine richtige Nervensäge. Der 30-Jährige wird den Kommissaren Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) in ihrem 63. Fall zur Seite gestellt, als sie den Tod der jungen Carla (Anna Willecke) aufklären müssen. Der grausame Mord, dem schwere Misshandlung und Vergewaltigung vorausgegangen sind, geht den beiden Männern nahe. Da passt es gar nicht, dass sie sich auch noch um einen neuen Kollegen kümmern sollen, der trotz aller linkischen Unerfahrenheit vor Selbstbewusstsein nur so zu strotzen scheint. "Installier ich mich mal", sagt er, nachdem ihm sein Schreibtisch zugeteilt worden ist. Alles klar, ein Nerd also.

Dieser "Tatort" verlangt den Schauspielern alles ab: Sie vollführen einen Parforceritt durch die Emotionen, von viel Wortwitz und Humor geprägt. Mit wunderbarem Gespür hat Autor und Regisseur Alexander Adolph es geschafft, allen Rollen Authentizität zu verleihen. Besonders die von Gisbert Engelhardt macht den "Tiefen Schlaf" zu einem unterhaltsamen, nachdenklich-stimmenden und traurigen Sonntagabendvergnügen, bei dem man hofft, dass alle Teenies mit ihren Eltern vor dem Fernseher sitzen.

"Wir finden den Mörder!", verspricht Gisbert vollmundig der Mutter des Opfers. Auf dem Anrufbeantworter der Familie existiert noch die Aufzeichnung des letzten Anrufs von Carla aus der Mordnacht. Das Mädchen selbst hat nichts gesagt, doch es sind Geräusche zu hören. Deren Analyse soll genau die richtige Aufgabe für den Neuen sein, der Funker bei der Bundeswehr war. Er ordnet den Geräuschfragmenten Ereignisse zu, die, egal bei welcher Lautstärke, wohl nur er hören kann. Selbst der Techniker am Mischpult hält den engagierten Freak Gisbert ("Setzen Sie bitte einen steilflankigen Notch-Filter auf!") für irre. Eine brillante Szene.

"So war's, bin ich mir sicher"

Doch seine profunde Technikkenntnis steht in krassem Gegensatz zu seinem Gespür für Menschen. Sie schützt den jungen Mann auch nicht vor schnell gezogenen Fehlschlüssen. Zu dem Mord stellt er eine Hypothese nach der anderen auf, jedes Mal absolut sicher, dass der Tathergang genau so war, der Täter exakt dieses Profil hatte und eine Spur eben jene Bedeutung. ("Glauben Sie mir eine Sache: Ich hab einen sehr, sehr guten Instinkt. Und ich hab am Ende immer Recht.") Bei der Vernehmung von Carlas Freunden zeigt er sich wenig einfühlsam und brüllt die jungen Leute immer wieder an: "Konzentration!" Kurz darauf sieht Gisbert "Ich bin eigentlich sehr leichenfest" Engelhardt zum ersten Mal die Tote. Und muss sich übergeben.

Nach seinen ersten Spontanaktionen versuchen Batic und Leitmayr, Gisbert zu erklären, wie sie vorgehen: "Bevor wir Schlüsse ziehen, sammeln wir Fakten. Wir prüfen die Fakten. Wir suchen und suchen. Das ist die Mordkommission." Doch ihre Worte kommen nicht bei ihm an. Als würde er nicht nur kein Bayrisch, sondern auch keine Ratschläge verstehen. Um sich zu beweisen, arbeitet Gisbert bald im Alleingang. Was ihm schließlich zum Verhängnis wird.

Die Wende

Mit Gisberts Ermordung vollzieht sich ein großer Wandel in "Der tiefe Schlaf". Das durch die Anwesenheit des Preußen zusammengeschweißte Bayernpaar zerfällt in seine Bestandteile, Leitmayr leidet im stillen Kämmerlein, Batic ermittelt unkonzentriert weiter. Dass Gisbert seinen Bruder durch einen unaufgeklärten Fall der Fahrerflucht verloren hat, stellt ihn plötzlich in ein neues Licht. Nach gegenseitigen Schuldzuweisungen schieben die Kommissare ihrem Vorgesetzten den Schwarzen Peter zu, doch das Gefühl des Versagens mindert das nicht.

Drei Biere im Stehen führen dazu, dass Leitmayr das Räuspern des Mörders zu hören glaubt, das Gisbert ihnen als Schleife vorgespielt hat. Das Geräusch hatte den Kommissar bereits bis in den Schlaf verfolgt. Nach einer Verfolgungsjagd, die für den vermeintlichen Räusperer tödlich endet, versichern sich die Ermittler, dass er der Mörder gewesen sein muss. Aber stimmt das?

Erklärende Rückblenden und behutsam eingesetzte Musik geben dem "Tatort" den erzählerischen Rückhalt, sich auf die Emotionen aller Beteiligten einzulassen. Was macht der Tod mit den Hinterbliebenen, Freunden, Verwandten, Kollegen und mit den Polizisten, die auf sie treffen? Dieser Frage wollte Autor Alexander Adolph nachgehen und hat es dabei auch geschafft, selbst den nur indirekt Beteiligten ein Gesicht zu geben. Etwa den Mädchen, die nach dem Sport nicht auf Carla gewartet haben, obwohl sie wussten, wie unheimlich der Rückweg ist. Dass auch sie sich schuldig fühlten, musste nicht ausgesprochen werden. Gut gemacht.

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