Nach einer großen Feier, nach öffentlicher Lobhudelei war Mario Adorf nicht zumute, als er am 8. September des vergangenen Jahres seinen 95. Geburtstag angehen durfte. In Ruhe und allein mit seiner Frau Monique sowie ein paar Gästen habe er den besonderen Abend verbringen wollen.
Dieser bescheidene Wunsch darf als Sinnbild für einen außergewöhnlichen Star verstanden werden, der Weltruhm zwar sein Eigenen nennen durfte, es selbst aber nie getan hat. Am 8. April ist Adorf "nach kurzer Krankheit" in seiner Pariser Wohnung verstorben, wie dessen Manager mitgeteilt hat. Das unvergessliche Wirken des Ausnahmedarstellers fasste Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (70) ausgesprochen treffend zu dessen 95. Ehrentag zusammen: "Sie haben uns Zuschauer und Zuhörer zum Staunen gebracht, zum Lachen, zum Nachdenken - und manchmal auch zum Weinen. Sie haben uns gezeigt, wie stark, empfindsam und menschlich Schauspielkunst sein kann."
Seine familiären Wurzeln
Der Charakterdarsteller beherrschte alle schauspielerischen Möglichkeiten, von der großen Geste bis zum subtilen Augenzwinkern. Ein Weltbürger, der in Frankreich und Deutschland lebte, doch als seine Heimat ein kleines Eifelstädtchen auserkoren hatte. Eigentlich war er Schweizer, denn geboren wurde er 1930 in Zürich. Seine Herkunft geht jedoch auf Caspar Adorf zurück, den deutschen Großvater. Dieser war Sattlermeister im Eifelstädtchen Mayen und wanderte gegen Ende des 19. Jahrhunderts in die Schweiz aus. Er heiratete eine Elsässerin und hatte mit ihr vier Kinder.
Seine Tochter Alice Adorf arbeitete als Röntgenassistentin in Süditalien und kehrte 1930 - schwanger mit Mario - aus Kalabrien nach Zürich zurück. Vater war der Arzt Matteo Menniti, der aber bereits verheiratet war. Das Kind kam also unehelich auf die Welt. Noch im gleichen Jahr wurde Alice Adorf mit ihrem Sohn Mario als "unerwünschte Ausländerin" nach Deutschland abgeschoben. Sie ging zurück nach Mayen.
Die Kleinstadt hat ihn geprägt, denn Kindheit und Jugend waren hart. Die Mutter rackerte sich als Schneiderin ab, das Geld war so knapp, dass sie ihr Kind zeitweise ins Waisenhaus geben musste, damit es was zu essen hatte. Er hatte trotzdem seinen Weg gefunden: Abitur, Studium generale an der Uni Mainz (Philosophie, Psychologie, Kriminologie, Literatur, Musikgeschichte, Theaterwissenschaft), später in Zürich.
Von Mayen aus ist er losgezogen, hat die Welt erobert. Über 200 Filme in über 60 Jahren, eine Berühmtheit in Italien, Frankreich, England, in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowieso. Ein Jahrhundert-Schauspieler. Das hörte er zwar nie besonders gern. Und "Weltstar" gleich gar nicht: "Ich empfinde mich nicht als Weltstar. Weltstars kommen einzig und allein aus Hollywood", sagte er einmal dem "Kölner Stadtanzeiger". "Aber ich habe mich nicht in Hollywood etablieren können. Selbst bekannteste europäische Schauspieler wie Marcello Mastroianni oder Gérard Depardieu wurden keine Weltstars."
Als "Mexikaner" nach Hollywood
1964 hatte Hollywood gerufen. Regisseur Sam Peckinpah brauchte für seinen Western "Major Dundee" mit Stars wie Charlton Heston und Senta Berger noch einen Schauspieler für eine mexikanische Rolle. Der Film war nicht besonders erfolgreich, trotzdem schlug man ihm vor, "in Amerika zu bleiben und dort weiterhin Mexikaner zu spielen", verriet er dem "Spiegel". "In Deutschland und Italien hatte ich aber viel schönere Angebote."
Er hat Blockbusterkino gemacht, vornehmlich in der Rolle des Bösewichts. Er drehte mit Claudia Cardinale und Sean Connery, mit Alec Guinness oder mit Michael Caine. Und mit der deutschen Produktion "Die Blechtrommel" kehrte er sogar triumphal nach Hollywood zurück, wo die Grass-Verfilmung von Regisseur Volker Schlöndorff den Oscar als bester fremdsprachiger Film gewann.
Unvergessen sind seine Rollen in Kultfilmen von Helmut Dietl wie "Rossini - oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief" und in der Serie "Kir Royal", wo er als publicity-geiler Unternehmer Heinrich Haffenloher dem Klatschreporter Baby Schimmerlos androhte: "Isch scheiß disch so wat von zu mit meinem Jeld!"
Für deutliche Worte bekannt
Mario Adorf sprach zeit seines Lebens gerne Klartext. So befand er, dass in Deutschland bei der Ausländer-Debatte viele Fehler gemacht werden. Im Magazin "Cicero" sagte er: "Es wird immer noch so getan, als ob die Zuwanderer sich völlig integrieren oder sogar assimilieren müssten, oder wieder raus mit ihnen!" Die Menschen müssten nicht zwingend assimiliert werden, vielmehr müsse sich auch die deutsche Gesellschaft anpassen. Er fand "die Entwicklung der populistischen Parteien "dramatisch": "Das beunruhigt mich. Ich ging 2004 wegen Berlusconi aus Italien weg."
"Dieses Warten auf etwas"
Mit seiner Karriere vor der Kamera hatte er schon lange vor seinem 95. Geburtstag abgeschlossen. "Ich bin ohne jeden Ehrgeiz in dieser Richtung - und ohne jede Hoffnung", sagte er damals im Interview mit "Hörzu". Auch über den Tod sprach der Star in diesem Zuge und nannte es "dieses Warten auf etwas", das "nicht so einfach [ist], wie ich es mir wünschen würde".